Fotogeschichten

III – #6 – RR

Szene VI: Alles noch beim Alten?

563 Wörter, 3 Minuten Lesezeit.

2 Fotos.

Juliette: Vermute jetzt einfach mal spontan, auf Hanaus Gleisanlagen wächst Gras weiterhin so wie hier links und rechts des Pfades.

Angélique: Perfekt formuliert.

Nathalie: Kein Aushängeschild fürs ancien régime.

Angélique: In letzter Zeit diskutieren Constanze und ich verstärkt diese leidige Problematik. Es ist Amalias sturer Geiz, der sie glauben lässt, unentgeltlich erzwungene Frondienste gingen einher mit Motivation. Und dann wundert sich Bernadette, warum in Kesselstadt und Wilhelmsbad rings ums Schlossgebäude sowie auf dem Parkgelände permanent Zeug liegt; Zeug, das eigentlich in den nächsten Mülleimer gehört.

Coralie: Ohja.

Angélique: Von Einsicht aber keine Spur. Stattdessen wimmelt Amalia ab, wenn ich sie in Schloss Wilhelmsbad beim gemeinsamen Toilettengang mit unseren Hofdamen durch den Schlitz des seidenen Trennvorhangs neuerdings tadele: „Pfui, Constanze, wie im ‚Fürstenbahnhof‘ wieder das Unkraut wuchert! Wir müssen unbedingt etwas an den Hand- und Spanndiensten ändern! Wir müssen Frondienstleistenden zumindest Mindestlohn zahlen! Ich wünsche einen sauberen ‚Fürstenbahnhof‘! Ich wünsche ein sauberes Schlossgelände!“

Nathalie: Und wie reagiert Bernadette?

Angélique:„Entschuldige, ma chère, ich bin justement occupée ailleurs.“

Céline: Immer noch dasselbe nachmittägliche Klo-Ritual?

Madeleine: Alle sitzen nebeneinander?

Juliette: Lediglich zum besseren Tuscheln auseinanderschiebbare Seidengardinen bieten jeweils Sichtschutz?

Coralie: Fands nicht wirklich prickelnd.

Angélique: Gemeinschaftliches Teilen intimster weiblicher Momente stärkt unsere gegenseitige Bindung wie kaum etwas anderes im höfischen Alltagsleben. Unser gemeinschaftliches Aufsuchen des WC-Raumes, echte gelebte Solidarität unter Frauen. Sandrine und Fabienne jedenfalls möchten es nimmer missen.

Juliette: Ach, deshalb sind beide damals mit dir gefahren, nur, um besser k*cken zu können.

Angélique: Wenn wir uns als Frauen auch in solchen Augenblicken ermutigend gegenseitig unterstützen, wachsen wir gemeinsam noch schneller. Um jedoch aufs eigentliche Thema zurückzukommen. Amalia kennt die Malaise natürlich. Als Bernadette ihre per Zug von Maintal anreisende Herzensdame am 22. September 2020 in Wilhelmsbad auf dem Bahnsteig erwartete, la comtesse pouvait voir de ses propres yeux, welchen Schlendrian aus dem Amt Babenhausen angeforderte Frondienstleistende gewohnheitsmäßig an den Tag legen. Laut Zeitplan hätte der Trupp hässlichen Wildwuchs längst hinterm Bahnhof Großauheim, kurz vor der Staatsgrenze, entfernen sollen. Dafür stehen sechs Sickenhofener und Hergershäuser gemütlich auf Gleis 2 herum, lassen den lieben Gott einen guten Mann sein. „Während meine ungeduldigen, sehnsuchtsvollen Blicke dem soeben einfahrenden Regionalexpress nach Bamberg galten, bemerkte ich parallel dans le coin de l’oeil gauche eine impertinence sondergleichen!“, beschreibt Constanze bis heute jene unfassbare Szene.

„Nicht einmal die glanzvolle Anwesenheit von Bernadette Constanze Amalia Gräfin von Hanau-Münzenberg Gräfin von Bernstein-Mechthild schien irgendjemanden zu interessieren!“

Madeleine: Meine Güte, quel affront!

Nathalie: Keine obligatorisches Niederknien?

Angélique: Hielten Untertanen offensichtlich für unnötig.

Aurélie: Meine Güte, quelle manque de respect!

Angélique: Nur weil in Babenhausens Ortsteilen Sickenhofen und Hergershausen wegen des historischen Partifikationsrezesses von 1771 die Herrschaftsverhältnisse jährlich zwischen Berlin und Hanau wechseln, denken einige der dort in geraden Jahren fronpflichtigen Einwohner, sie könnten sich alle zwei Jahre im Feudalsystem alles erlauben.

Madeleine: Ihr presst die armen Leute allerdings auch aus wie saftige Zitronen; beide Ortschaften stöhnen unter drückenden Feudallasten. Amalia kennt die Malaise natürlich.

Angélique: Von Einsicht aber keine Spur. Stattdessen wimmelt Amalia ab, wenn ich sie in Schloss Wilhelmsbad beim gemeinsamen Toilettengang mit unseren Hofdamen durch den Schlitz des seidenen Trennvorhangs neuerdings tadele: „In geraden Jahren musst du solche Leute auf dem Babenhäuser Marktplatz zur Abschreckung öffentlich mit jeweils zwanzig Stockschlägen bestrafen!“

Juliette: Dein Ernst?

Angélique: Auf den blanken A*sch!

19. 06. 2026

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