Szene XI: Finaler Diskurs II
Mutter der Joggerin: Ich bitte dich wegen meines Ausrasters nochmal ausdrücklich um Verzeihung, Schnattchen; deine Mutter wollte dich niemals anbrüllen.
Joggerin: Schon vergessen, Mami. Es ist für uns kompliziert, seit Papa deiner angeblich allerbesten Freundin den Vorzug gab.
Mutter der Joggerin: Es tut so schweinisch weh. Mein Leben gleicht einem Trümmerhaufen!
Joggerin: Das darfst du nicht sagen. Mami. Sophia, Liliane, Leonie, Finn und ich haben dich gaaaaannnnz doll lieb!
Mutter der Joggerin: Schnattchen, bitte, halt mich ganz fest, das tut sooooo guuuuut in deinen Armen!
Joggerin: Meine Güte, dein ganzer Körper bebt vor Schmerz.
Mutter der Joggerin: Wenn ich dich nicht hätte, Schnattchen! Wenn ich dich nicht hätte, Schnattchen!
Joggerin: Besser? Hier, Mami, ein Taschentuch.
Mutter der Joggerin: Geht schon, Schnattchen, Danke.
Bruder der Joggerin: Latschen wir endlich weiter? Mir ist voll kalt auf der Bank.
Mutter der Joggerin: Moment, Krümelchen, zuerst zeige ich Fiona etwas. Du wirst schon nicht erfrieren. Woher hat er das nur? Komm, Schnattchen, wir setzen uns.
Joggerin: Hopp, beiseite, Finn, plustere dich nicht auf!
Bruder der Joggerin: Aber pups nicht.
Joggerin: Ich-hab-vor-hin-nicht-ge-pupst, verstanden?????
Mutter der Joggerin: Hier, Schnattchen, nimm mein Smartphone. Dieses Video da.
Joggerin: Was ist denn daaaaaaaaaas? Total abgefahren!
Bruder der Joggerin: Zeig mal.
Mutter der Joggerin: Eine Performance junger Hanau-Münzenbergischer Frauen zum Offertoire von Gervais Couperin auf Hanaus Freiheitsplatz am 30. Oktober 2024. Live aufgenommen und vom User direkt hochgeladen.
Bruder der Joggerin: Die sind ja alle so wie früher angezogen.
Joggerin: Das lernst du irgendwann im Unterricht, Finn; ist halt dort so üblich. Wooooowww, diese synchrone Pirouette bei 02:34!
Mutter der Joggerin: Lies die Inhaltsbeschreibung, Schnattchen.
Joggerin: Hanau-Münzenbergs galante, dem Absolutismus zutiefst ergebene Damenwelt lässt es sich am 7. Staatsgründungstag für nichts auf der Welt nehmen, unseren geliebten Heros von 2017 mit einer zu diesem glorreichen Anlass extra einstudierten Überraschung untertänig zu ehren.
Bruder der Joggerin: Was ist den ein Heros?
Mutter der Joggerin: Ein Held, Krümelchen.
Joggerin: Boah, Mami, das geht richtig unter die Haut! Was für eine Musik! Was für eine geniale Choreographie! Und überall Fahnen sowie blumengeschmückte Fassaden! Überall jubeln fröhliche Zuschauer; und kein einziger trägt moderne Sachen.
Mutter der Joggerin: Alle auf Ludwig XIV. eingeschworen.
Joggerin: Einige halten Bilder des Sonnenkönigs empor. Ey, verrückt, Mami, kneif mich mal ordentlich, andere ballen in ihrer schicken Rokokokleidung die Fäuste kämpferisch entschlossen zum kommunistischen Gruß, schwenken begeistert rote Fahnen dazu. Ey, Mami, das passt doch null zusammen!
Bruder der Joggerin: Was ist denn ein kommunistischer Gruß?
Joggerin: Musst du noch nicht wissen, Finn.
Mutter der Joggerin: Jetzt zoomt die Handykamera den Balkon vom Neustädter Rathaus, jetzt Sitz der Reunionskammer.
Joggerin: Dort also arbeitet deine Abella?
Mutter der Joggerin: Hach, Schnattchen, ja, dort arbeitet sie. Hach, Schnattchen, ja.
Bruder der Joggerin: Mama ist voll von die Frau verliebt! Mama ist voll in die Frau verliebt.
Mutter der Joggerin: Es reicht, Krümelchen!!!!! Spiel in der Zwischenzeit mit dem Laub, es liegt genug rum!!!!! Sonst willst du doch auch immer!!!!!
Bruder der Joggerin: Ich will aber das Video sehen.
Mutter der Joggerin: Dann gib gefälligst Ruhe, Krümelchen!!!!!
Bruder der Joggerin: Bäääääh!
Mutter der Joggerin: WENN DU MIR NOCH EIN MAL DIE ZUNGE HERAUSSTRECKST!!!!!
Joggerin: Sieh nur, Mami, wie anerkennungsvoll und sichtlich gerührt sie oben zur Aufführung klatschen. Kam wohl tatsächlich überraschend. Wer ist denn das?
Mutter der Joggerin: Dennis Kevin I. von Gottes Gnaden Graf von Hanau-Münzenberg nebst Familie. Der erwähnte Heros.
Joggerin: Aaaaach, sooooooooo! Schiiiiiiiiiick! Er gefällt mir gut!
Mutter der Joggerin: Untersteh dich, Schnattchen, verheiratete Männer anzublinzeln! Links die älteste Grafentochter, Axels Arbeitgeberin.
Joggerin: Du meinst, Frau Fürstäbtissin, welche fremder Leute Not skrupellos ausnutzt?
Mutter der Joggerin: Das Ding sieht schon so abgebrüht aus, Schnattchen.
Bruder der Joggerin: Ich haaaaasse Orgelmusik!
Mutter der Joggerin: Bist immer noch nicht am Spielen?????
Joggerin: Woher hast du die Aufnahmen, Mami? Und was bedeutet YTHM?
Mutter der Joggerin: Von Axel beim Date bekommen. You Tube Hanau-Münzenberg.
Joggerin: Warte…komisch…im Google Playstore unauffindbar.
Mutter der Joggerin: Vergiss es, Schnattchen, da hilft kein Playstore. Ich erklär’s dir daheim.
Bruder der Joggerin: Der eine Mann kommt.
Spaziergänger 1: Ach, hallo, Sie sind ja weiterhin im Wald. Hahaha, Abschiednehmen von der schönen Grenze fällt schwer, nicht wahr?
Mutter der Joggerin: Scherzkeks.
Spaziergänger 1: Hat er Ihnen Clips von drüben gezeigt?
Joggerin: Ihnen etwa auch?
Spaziergänger 1: Und ob. Schwachsinn hoch drei. In dem seinem Hirn schwirren fixe Ideen. Verschwörungstheoretiker. Behauptet, drüben braue sich was zusammen. Der Typ hat eindeutig zu viele James Bond Filme konsumiert. Das in Hanau-Münzenberg sind einfach nur kostümierte Karnevalsspinner; ich als Kanzler hätte längst die Bundeswehr geschickt und gründlich aufgeräumt.
Mutter der Joggerin: Ich bin mir da inzwischen nicht mehr so ganz sicher, ob das lediglich nostalgische Show ist.
Spaziergänger 1: The show must go on, und unsere Politiker sehen wie immer tatenlos zu. Aber eins schwör ich euch, Freunde, nicht mit meiner Steuer! Am Ende finanziert Berlin diesen Mummenschanz noch mit MEINEM Geld! In Deutschland ist alles möglich! Ein Glück, im Februar, vorgezogene Neuwahlen, und da wäh…
Joggerin: Mami, sieh, da lief an dem Tag auch eine riesengroße Militärparade.
Mutter der Joggerin: Ja, Schnattchen, und was für eine!
Joggerin: Wahnsinn, wie sie in ihren Uniformen an der gräflichen Tribüne vorbeimarschieren; denkst, eine geniale Zeitmaschine switcht dich ins 18. Jahrhundert!
Mutter der Joggerin: Und genau SO sahen die Soldaten im Wald aus. 18. Jahrhundert.
Spaziergänger 1: Wer sich gegen Kost & Logis frei plus Taschengeld dermaßen ausbeuten lässt, muss irgendwann als Kind beim Schwimmen im Fluss mit dem Kopf gegen eine Schleuse gestoßen sein.
Mutter der Joggerin: Immerhin, Kloster Ilbenstadt trägt für ihn sämtliche Abgaben, sowohl zur deutschen als auch zur Hanau-Münzenbergischen Sozial- und Rentenversicherung, übernimmt die Kleidungskosten, gewährt überdies Urlaub; nur wenige Dinge für den persönlichen Bedarf -beispielsweise Rasierklingen- gehen auf eigene Rechnung. Unterm Strich betrachtet finde ich den eingegangen Handel somit durchaus akzeptabel. Es genügt zum Leben, und man genießt soziale Absicherung.
Spaziergänger 1: Jeder einigermaßen vernünftige Mensch kassiert heutzutage clever Bürgergeld. Gönnt sich vormittags beim Schaufensterbummel zur Erholung erstmal im Café nen leckeren Cappuccino. Grinst vergnügt, während die Deppen im Bürogebäude gegenüber routinemäßigem Stress ausgesetzt sind. Verstehe auch diesen Schwager nicht. Macht für fremde Klöster freiwillig den Hampelmann. Ich an seiner Stelle hätte auf den Hof gepfiffen.
Joggerin: Ey, verrückt, Mami, kneif, mich mal ordentlich, da marschiert auch eine amerikanische Einheit, sieh, der mittlere Fahnenträger trägt die US-Flagge! Krass, die begeisterte Menge lässt Blumen auf die Truppe herabregnen! Jetzt zoomt auch dieses Video.
Bruder der Joggerin: Zeig mal.
Joggerin: Das ist ja oberkrass, Mami!!!!! Der Fahnenträger links neben ihm trägt ein Foto von Trump, wie er sich im Juli 2024 in Pennsylvania sein verletztes Ohr hält. Darüber steht: Revenge! Und der rechts daneben trägt ein Porträt von George Washington. Darüber steht: Novus ordo seclorum. Wie auf dem Siegel der USA!!!!!
Mutter der Joggerin: Achte auf die nächste Fahne, Schnattchen.
Joggerin: 1st Charleston Volonteer…ey, Mami, das passt doch null zusammen!!!!!
Bruder der Joggerin: Hey, cool, die pfeifen und trommeln den Yankee Doodle!
Mutter der Joggerin: Um vier Ecken herum will Axel in Lützelbach erfahren haben, seit Trumps Wahlsieg, sprich, seit November, seien mittlerweile zehn solcher Regimenter in Uniformen aus Zeiten des Unabhängigkeitskrieges auf der anderen Mainseite eingetroffen. Ferner agierte laut Axels Informationsquelle Dennis Kevin I. höchstwahrscheinlich nie allein. Vielmehr ist anzunehmen, dass ihn 2017 diverse ausländische Akteure mit unterschiedlichsten Interessen auf den Thron hievten. Ohne Rückendeckung könnte sich jenes sozusagen als Remake neu aufgelegte ancien régime kaum so lange halten. Wie in Versailles damals führen sie ein Leben in Saus und Braus, die verschwenderischen Hofhaltungskosten verschlingen Unsummen. Woher stammt das Geld? Wer finanziert Schloss Philippsruhe?
Spaziergänger 1: Hoffentlich begegne ich dem Knallkopf nicht dort vorne auf der Bieberer Straße; hatte mich unter dem Vorwand davongeschlichen, Termine bei den Maltesern zu haben. Unerträgliches Geschwafel.
Mutter der Joggerin: Begleiten Sie uns doch einfach, wir nehmen sowieso diesen Weg.
Spaziergänger 1: Ein anderes Mal gerne; bin für heute bedient. Was für ein Schwachmat! Schönen Tag noch.
Mutter der Joggerin: Ja, wir machen uns dann ebenfalls weiter. Auf Wiedersehen. Kommt, Kinder!
*****
Bruder der Joggerin: Voll blöd, dass der Spielplatz zu ist!
Joggerin: Wollen wir dafür morgen zu dem an der Laakirchener Straße?
Bruder der Joggerin: Der ist langweilig.
Mutter der Joggerin: Keine Sorge, Krümelchen, dein Spielplatz macht auch wieder auf.
Joggerin: Realistisch bleiben, Mami. Boah, ey, ich muss aufs Klo!
Mutter der Joggerin: Gleich, Schnattchen, gleich sind wir daheim.
Joggerin: Denkst du nicht eher, Axel übertreibt maßlos, um dir künstlich zu imponieren? Ich meine, Kuhknechte kennen ihren niedrigen Marktwert.
Mutter der Joggerin: Und die Videoclips? Merkwürdig, ich fragte Abella, wie es sie ausgerechnet nach Hanau verschlagen hat.
Joggerin: Und?
Mutter der Joggerin: „Über ein Kontaktbüro in Montréal, speziell für Schülerinnen der High School“, entgegnete sie lapidar, „mehr darf ich nicht sagen.“
Joggerin: Gruselige Vorstellung.
Bruder der Joggerin: Voll blöd, dass der Spielplatz zu ist!
Mutter der Joggerin: Keine Sorge, Krümelchen, dein Spielplatz macht auch wieder auf.
Joggerin: Realistisch bleiben, Mami.
Bruder der Joggerin: Dafür will ich auf den Bolzplatz!
Mutter der Joggerin: Glaub mir Schnattchen, niemals ist diese Grenze über Nacht vom Himmel gepurzelt. Niemals. Niemals. Das am 24. Januar 2025 war von langer Hand vorbereitet. Nur der dumme Steuerzahler wurde freilich nicht eingeweiht. Gütiger Himmel, jetzt fasele ich ja fast schon so daher wie der Herr eben! Stopp!!!!! Wohin rennst du, Krümelchen????? STOPP, HAB ICH GESAGT!!!!!
Bruder der Joggerin: Zum Bolzplatz, siehst du doch!

Hey, voll cool, totaaaaal leer!
Mutter der Joggerin: Was willst du auf dem Bolzplatz, Krümelchen? Du hast gar nicht deinen Fußball dabei!
Bruder der Joggerin: Oh, Maaaaaaaaaannnnnnnnnn!!!!!
Mutter der Joggerin: Denen werde ich helfen! Unseren Kindern mir nichts dir nichts den Spielplatz wegzunehmen! Frechheit!
Joggerin: Was hast du vor, Mami?
Mutter der Joggerin: Nach Hanau fahren, diesen Graf ordentlich zur Rede stellen.
Joggerin: Klar Mami. Der wartet zum Tee auf dich. Boah, ich muss jetzt aber wirklich aufs Klo!
Bruder der Joggerin: Und ich will auf den Bolzplatz! Ich-will-auf-den-Bolz-platz!
Mutter der Joggerin: Was hab ich denn eben gesagt, Krümelchen?
Bruder der Joggerin: Und nenn mich nicht dauernd Krümelchen!!!!!
29. 11. 2025
Ende Erzählrunde 1
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