Fotogeschichten

II – #2 – FP

Szene II: Galanter höfischer Stil

Hofdame Veronique: Excusez-moi, Mädels, selbst wenn ich drei zu eins überstimmt wurde; meine abweichende Meinung bleibt unverändert. Pure Zeitverschwendung, rüber nach Klein-Auheim zu marschieren. Der Paysan ver*rscht euch haushoch. Der hat irgendwas Persönliches gegen Dennis Kevin und Constanze. Dem kamen wir gerade recht, um ihnen auf unsere Kosten eins auszuwischen. Der ratterte am 24. August nach blauäugigen Schlossbediensteten Ausschau haltend kreuz und quer durch Münzenberg, je vous le dis. Bauern, naturgemäß neidische Leute, weil in der gottgegebenen Ständehierarchie unten angesiedelt. Tant pis pour lui! C’est la vie! Aber das vermögen Schwachmaten in verbohrtem Stolz nicht zu akzeptieren. Ein Hanau-Münzenbergischer Louis d’or. Weder am heutigen 08. September 2021 noch am 24. Dezember 2022 wird irgendein Monsieur Mistérieux extra für uns anradeln.

Hofdame Chantal: Topp, die Wette gilt, Süße. Ein Hanau-Münzenbergischer Louis d’or. Bedenke jedoch bitte jene unbestreitbaren Beweise.

Hofdame Yvette: Eindeutig inszenierte Traktorpanne.

Hofdame Sylvie: Auffällig gekonnte Ausdrucksweise.

Hofdame Yvette: Detailliertes Wissen.

Hofdame Sylvie: Präzises Gedächtnis.

Hofdame Veronique: Gegenbeweis. KEIN Agent weltweit würde SO mit sich umspringen lassen.

Hofdame Sylvie: Du meinst, weil der Kerl vom Burgberg beschwerlich zu Fuß zum alten Bahnhof latschen musste?

Hofdame Chantal: In der Tat, darüber regte er sich tierisch auf.

Hofdame Veronique: Yvette: Mädels. Seine Geschichte vom aus feudalen Standesgründen strikt verweigerten Fahrkomfort.

Hofdame Yvette: Ja?

Hofdame Veronique: Erstunken und erlogen.

Hofdamen Sylvie, Yvette, Chantal: Hääääääääää?????

Hofdame Veronique: Zur Feier des Tages war ihm -obwohl Bauer- ursprünglich nämlich SEHR WOHL eine Kutsche zugeteilt worden; dasselbe galt übrigens analog für Margot und Herbert.

Hofdamen Yvette, Chantal, Sylvie: Hääääääääää?????

Hofdame Veronique: Gut zuhören, Mädels. Was ihr nun vernehmt, erfuhr eure Freundin aus Amalias eigenem Mund. Ihr zufolge hielt sich unser Bekannter nach der Kundgebung als letzter Teilnehmer noch irgendwo auf dem Burgareal auf. Sämtliche Kutschen längst vorgefahren, die Gäste eingestiegen. Alles erwartete baldige Abfahrt. Einer jedoch fehlt aus unerfindlichen Gründen. Mehrmals schaut Dennis Kevin ungeduldig hinaus, den Blick auf die Uhr gerichtet. Schließlich steigt Amalia persönlich aus, läuft zurück. Am von der kleinen Straße abzweigenden Weg bleibt sie stehen.

Blickt von dort am Hattseiner Hof vorbei in Richtung Festung. Vergebens.

Hofdame Chantal: Davon hast du uns nie berichtet, Süße.

Hofdame Veronique: Stimmt aber hundertprozentig. Fragt selbst.

Hofdame Sylvie: Und weiter?

Hofdame Veronique: Empört kehrt Bernardette um, hat den an der Spitze des Konvois positionierten gräflichen Achtspänner fast erreicht, da blökt ihr ungehobelter Dialekt hinterher; dermaßen laut, dass es garantiert bis runter zum früheren Bahnhofsgelände plärrt.

Hofdame Sylvie: Mir schwant Schlimmes.

Hofdame Veronique: Ähm, sorry, Mädels, ich artikuliere mich jetzt sehr direkt: „Ei, Mädamm Gräffinn, parttong, abärr isch kömm grad fumm Sche*ßhaus, mär wärr sonst tär fätte Hinnärn gplotzt! Ich häbb scho forze müsse!“

Hofdamen Chantal, Sylvie, Yvette: Rustre!!!!!

Hofdame Veronique: Neugierig geöffnete Kutschenfenster. Amüsiertes blaublütiges Kichern. Constanze hingegen verspürt glühende Schamesröte im Gesicht; lediglich das weiße Schminkpuder verhindert völlige Blamage. Wäre dieser Idiot wenigstens brav ins letzte, für ihn reservierte Wagengefährt eingestiegen; stattdessen rennt Herr Fettwanst schwitzend, krakeelend sowie in anstößigem Kleidungszustand bis vorne auf sie zu.

Hofdamen Sylvie, Yvette, Chantal: In anstößigem Kleidungszustand?????

Hofdame Veronique: Der Graf von Melzthal und Hayn feixt in hessischem Dialekt aus seiner Karosse: „Ei, Hannebambel, kannste dir nachm K*cken ned emol die Hos rischtisch enuff ziehn?“

Hofdamen Yvette, Sylvie, Chantal: Mon dieu!!!!!

Hofdame Veronique: Baron von Hyllersburg-Zweidreileben präzisiert lachend: „Ei, guckt emol do, guckt emol do, dem hängen ja noch Fetze ausm A*sch!“

Hofdamen Yvette, Chantal, Sylvie: Mon dieu!!!!!

Hofdame Veronique: Mühsam bewahrt Bernardette Constanze Amalia Gräfin von Hanau-Münzenberg Gräfin von Bernstein-Mechthild weibliche Contenance.

Hofdamen Chantal, Yvette, Sylvie: Quel scandale!!!!!

Hofdame Yvette: Wann und bei welcher Gelegenheit hat dir Amalia eigentlich davon erzählt?

Hofdame Veronique: Voll lustig, passt sogar irgendwie zum Thema; und zwar einige Tage nach Einweihung der neuen Bahntrasse auf dem gewissen Örtchen in Schloss Philippsruhe.

Hofdame Chantal: Ah, interessant.

Hofdame Veronique: Amalia und ich stecken im Kabinett nach dem Hinsetzen gleich beide Köpfe durch leicht zurückgezogene Trennvorhänge, tuscheln albern; was wir dort beim Verrichten des großen Geschäfts gewohnheitsmäßig untereinander ja immer tun.

Hofdame Sylvie: Der nachmittägliche gemeinsame Gang aufs WC. Sechs Quasselstrippen. Bernadette, ihre Geliebte Angélique und wir Hofdamen.

Hofdame Yvette: Der sanitäre Raum, dann alles andere als ein stilles Örtchen.

Hofdame Chantal: Frauen, echt.

Hofdame Veronique: Und weil es bei Constanze und Veronique ewig dauert, möchte sie unsere Sitzung halt witzig rüberbringen.

Hofdame Yvette: Verstehe, eine passende Anekdote als ermutigendes Toilettengespräch.

Hofdame Veronique: Exactement. Und dabei nennt Amalia noch weitere, von ihm wohlweislich verschwiegene Details.

Hofdame Sylvie: Noch weitere Details?

Hofdame Veronique: Prompt greift daraufhin Dennis Kevin ins Geschehen ein, wutentbrannt, weil soeben ein schäbiger Bauer Hanau-Münzenbergs première dame vor der abfahrtbereiten Hofgesellschaft zutiefst kompromittiert hat.

Hofdame Chantal: Nachvollziehbar.

Hofdame Veronique: Rasend vor Zorn springt Dennis Kevin I. von Gottes Gnaden Graf von Hanau-Münzenberg aus der Nobelkarosse, packt den Dickbauch, tobt, ebenfalls auf Hessisch. „Hannebambel, elendischer, Drecks-Simbel, mach disch fort! Noch ned ehmah a platt Rahd kanner flicke!“, zitiert Amalia gackelnd, während ich damit beginne, solidarisch Papier durch den Vorhangspalt hinüberzureichen.

Hofdame Chantal: Verständlich.

Hofdame Veronique: Um besagter Aktion Nachdruck zu verleihen, folgen zwei symbolträchtige Tritte ins bäuerliche Gesäß. Unter johlendem Gelächter adliger Kutscheninsassen stolpert notre aimable paysan, einem ungelenken Tollpatsch gleichend, mit schmerzerfülltem Geschrei etliche Schritte vorwärts. Constanze nimmt dankbar die nächste Lage Klopapier aus meinen Händen entgegen, schaut mich durch die etwas beiseite geschobenen Seidentücher verschwörerisch an, flüstert, imitiert gickelnd dessen Wehrufe: „Aaaaahhhhh, Mässiääääähhhhh, noooooooooon!“

Hofdamen Chantal, Yvette, Sylvie: Hahahahahahahahahaha!

Hofdame Yvette: Bernardette scheint die beschämende Bloßstellung nachträglich avec une grande dose d’humour genommen zu haben.

Hofdame Sylvie: Ja, ja, ja, ja, ja, Seine Durchlaucht.

Hofdame Chantal: Dennis Kevins vornehm klackernde Schnallenschuhe.

Hofdame Sylvie: Autsch. Tut garantiert übelst weh.

Hofdame Veronique: Mädels. Jetzt mal Spaß beiseite. Geheimagenten, egal ob FBI, CIA, BND, MI6, Toppausbildung, trainiert, glaubt ihr allen Ernstes, solche Vollprofis lassen sich in Münzenberg öffentlich wie Deppen vorführen?

Hofdame Yvette: Routinierter Bluff. Wie beim Poker. Mensch, Süße, bist du schwer von Kapee. Tarnungen dürfen niemals auffliegen. Er musste widerwillig gute Miene zum bösen Spiel machen.

Hofdame Sylvie: Pflichterfüllung.

Hofdame Veronique: Warum aber verschwieg er uns die demütigende Behandlung? Für notwendige Bluffs braucht sich kein James Bond schämen, oder?

Hofdame Chantal: Pschscht! Nicht dass die uns entgegenkommenden Typen was aufschnappen.

26. 01. 2026

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