Szene III: Redende Tiere
Marquise de Hanau-Münzenberg: Sehen Sie diese gepflegte Maniküre?
Psychiater: Menschenskind, Alessa Marie, jetzt erzähl endlich weiter! Muss ich dir jedes einzelne Wort aus der Nase ziehen? Deine Therapiestunde dauert nicht ewig!
Marquise de Hanau-Münzenberg: Irgendwann ragen Wilhelmsbads Schranken tatsächlich wieder gerade hinauf. Geschwind besteige ich die Kutsche. Ratternd geht’s weiter Richtung Neustädter Rathaus. An der Kreuzung Burgallee/ Frankfurter hält Egon an. Seine Insassin ahnt den Grund, schaut dennoch raus, checkt die Lage, stöhnt genervt: „Neeeeeiiiiin, nicht schon wiiiiieeeeeder Rot!“ Drei PKWs vor uns. Plötzlich durchfährt’s mich: „Ja, spinn ich denn?“ Eine zweite prunkvolle Karosse, biegt von der Frankfurter Straße kommend in die Burgallee ein. Dann Schockstarre.
Psychiater: Gingen die Pferde durch?
Marquise de Hanau-Münzenberg: Gefährt Nummer 2 stoppt. Exakt in dem Moment, als sich beide Fensteröffnungen parallel gegenüberliegen. Ein Paketwagen mit blinkenden Warnlichtern blockiert, steht halb auf der Straße; vom Fahrer weit und breit keine Spur.
Psychiater: DIESE ZUSTELLER, VERD*MMT!!!!! GEHEN MIR SO WAS AUF DEN ZEIGER!!!!! PARKEN, WO’S GEFÄLLT!!!!!
Marquise de Hanau-Münzenberg: Ups, heißes Eisen.
Psychiater: UND STÄNDIG VOR MEINEM HAUS!!!!! NATÜRLICH SCHÖN ÜBER DIE TOREINFAHRT!!!!! SELBST WENN BEI DEN NACHBARN GENÜGEND PLATZ VORHANDEN IST, NEEEEEIIIIIN, BEI MIR!!!!! AUSGERECHNET!!!!!
Marquise de Hanau-Münzenberg: Warum hab ich’s bloß erwähnt.
Psychiater: UND WÄHREND DIE SICH DURCHKLINGELN, BRUMMT DERWEIL FRÖHLICH DER SCHE*SS MOTOR VOR SICH HIN!!!!! UND DIESES RUMPELN IM WAGEN, WENN SIE UMSORTIEREN!!!!! ALLES DIREKT VORM KÜCHENFENSTER!!!!!
Marquise de Hanau-Münzenberg: Übertriebene Reaktion, finden Sie nicht?
Psychiater: Entschuldige, Alessa Marie, aber das musste raus.
Marquise de Hanau-Münzenberg: Neugierig schweift mein Blick hinüber. Alessa Marie Marquise de Hanau-Münzenberg möchte schleunigst erfahren, wer ihr Fortbewegungsmittel kopiert. Unsere weißgepuderten Gesichter auf Augenhöhe. „Leopold Ludwig, ja, ist es denn die Möglichkeit, du hier, welch unaussprechliche Freude!“, sprudele ich stürmisch hervor. „Mon dieu, wie süß, Leopold Ludwig, du hattest im Brüder Grimm’schen Maison du Café tiefste Sehnsucht nach mir! Mein Herz gehört dir, oh, Leopold Ludwig! Verzeih mir, Leopold Ludwig, Wilhelmsbads fieser Bahnübergang wollte unser gemeinsames Liebesglück torpe…“ Da fährt eine schnippische weibliche Stimme dazwischen. „Oh, chéri, dis-moi, à qui parles-tu?“ Eifersüchtigen Blickes beugt sich Leopold Ludwigs Begleiterin hinter ihm vor. „Anne Marie Chatolet, tu conasse! Tu vas payer pour ca!“ brülle ich mit geballter Faust.
Psychiater: Anne Marie Chatolet?
Marquise de Hanau-Münzenberg: Die im Programmheft großspurig angekündigte Cembalistin – doch nicht nur das. Als Antwort sticht Leopold Ludwigs Geliebte ihrer Rivalin ein spitzes Messer direkt in den Busen. Genüsslich streicht sich diese optisch völlig misslungene du-Barry-Imitation übers unpassende Dekolleté „Sie‘ ‚er, Schätzchen“, stichelt Marie Anne Chartolet mit französischem Akzent garstig, „Leopold Ludwisch gerade wild entführt misch in die romantisch ‚Burgruin“. Alles um misch herum ist so unbeschreiblisch aufregend. Oh, mon amour, was du dort bloß ‚ast mit mir vor? Du bist so staaaaark! So kräääääftisch! Es wieder so schön prickelt in mein‘ Bauchnabel!“
Psychiater: Na, den Herrn Kavalier küsste wohl die Muse.
Marquise de Hanau-Münzenberg: „Anne Marie Chatolet, tu conasse! Tu vas payer pour ca!“ Ich will aussteigen. Deren Kutschentür aufreißen. An ihren grottenschlecht frisierten Haaren plane ich, das Miststück herauszuzerren sowie anschließend auf dem Bürgersteig zu verprügeln.
Psychiater: Da werden Weiber zu Hyänen, wusste schon Friedrich Schiller.
Marquise de Hanau-Münzenberg: Lediglich die Tatsache, dass unsere Ampel auf Grün umsprang, deshalb Egon „Hüa!“ rief, hielt mich davon ab.
Psychiater: Fügung um des lieben Friedens Willen.
Marquise de Hanau-Münzenberg: Alessa Maries Adelsstolz, ein Scherbenhaufen. Ich befehle, zu wenden und mich umgehend zum Staatspark zurückzukutschieren,
Psychiater: Wolltest du dem Liebespärchen heimlich nachspionieren, es dann in flagranti stellen?
Marquise de Hanau-Münzenberg: Wie denn? Denken Sie, Madame Chatolet lässt die Eingangstür offen? Dummerweise besitze ich keinen Schlüssel; erst mit Achtzehn, sagt Mama.
Psychiater: Reicht dicke. Zu früh schadet deiner Entwicklung.
Marquise de Hanau-Münzenberg: Ich bin sechzehn!
Psychiater: Einundzwanzig, früh genug. Ursprünglich wurde man in Deutschland ja auch erst mit Einundzwanzig volljährig.
Marquise de Hanau-Münzenberg: Grrrrrrrrrr!
Psychiater: Was also war Plan B?
Marquise de Hanau-Münzenberg: Beim ältesten Karussell der Welt meinen Kummer loswerden. Vielleicht besitzen Hexen trotz Bosheit dennoch wenigstens einen kleinen Funken Mitgefühl. Doch stellen sie sich vor, Herr Doktor, während jammervolle Tränen die Wangen herunterinnen, kommen Theluma und Helanchri durch die Kunststoffplane mit hochnäsigen Belehrungen an!
Psychiater: Die hölzernen Unterhaltungsgäule sprechen?
Marquise de Hanau-Münzenberg: Sagen Sie mal, hören Sie überhaupt zu????? Ich hab doch eben erklärt, das sind Darth Vaders Helfershelfer!!!!! Dank seiner galaktischen Macht können sie mit Menschen sogar im Traum kommunizieren!!!!! Wie bei mir!!!!!
Psychiater: Sachen gibt’s.
Marquise de Hanau-Münzenberg: Gegenüber Parkbesuchern tun sie freilich lieb und hilfsbereit, bieten täglich Führungen an, spielen römische Volkstribunen, Verfechter der Ideale von 1789. Und Hanau fällt drauf rein. Papa ließ letztes Jahr gleich nach Thronbesteigung das Karussell verwanzen. Allerdings, niemand weiß davon. Halten Sie sich unbedingt fest, Herr Doktor, sämtliche Pferde einst mit Graf Wilhelm IX. per du! Landgraf Friedrichs II. Subsidienverträge vom 15. Januar 1776, also Vermietungen hessischer Soldaten an Großbritannien im Kampf gegen Amerikas aufständische Kolonien, die Idee hierfür stammt nachweislich von denen! Und noch so einiges! Aber heute Kindern Süßigkeiten schenken, sich an offiziellen Fahrtagen wie Superstars feiern lassen, groß die Menschenrechte beschwören! Erst ging’s gegen unseren YouTube-Kanal noussommesversailles; seit 2017 lästern ihre Mäuler unermüdlich gegen Schloss Philippsruhe. Heuchler, absolutistische Anhänger vom alten Schlag seid ihr! Weil wir aber als Betreiber von noussommesversailles seit Mai 2016 damit begannen, auf Papas legendären Gartenpartys hochrangige Aristokraten mit überzeugter absolutistischer Gesinnung daheim um uns zu scharen, wurde euch angesichts jener für Juli 2016 geplanten Wiedereröffnung mulmig; da hattet ihr euch als Volkslieblinge, als vermeintliche Sympathisanten der Französischen Revolution bereits zu weit aus dem Fenster gelehnt. Wochen, Monate vor der Wiedereröffnungsfeier seid ihr überall umhergetrabt. An jeder Ecke habt ihr mit rührseligen Kulleraugen Spenden für gemeinnützige Organisationen gesammelt, um Hanau euer soziales Engagement unter Beweis zu stellen. Am Neustädter Rathaus tönten Simon und Spartacus vor Passanten, bald werde das Karussell endlich allen Bürgerinnen und Bürgern gehören; unterm Rathausbalkon verrieten sie skrupellos ihren alten Duzfreund, stellten ihn als Tyrannen dar, der es den Hanauern bewusst vorenthielt. Auf Spielplätzen schleimtet ihr euch lustig wiehernd bei Müttern mit Kleinkindern ein, warbt mit Bonbons für Karussellrunden. Deshalb befürchtet ihr zu Recht, die Hanauer, die bekanntlich ihr Herzblut fürs älteste Karussell der Welt vergießen, reißen euch prompt in Stücke, sobald alles auffliegt! Und deswegen habt ihr euch an Darth Vader verkauft, um mich psychisch zu ruinieren, um mich dadurch mitsamt meiner Familie zu desavouieren, um somit Papas märchenhafte Erfolgsgeschich…
Psychiater: Alles gut. Denk an die Uhr, Alessa Marie. Kannst du den Inhalt des Gesagten wiedergeben?
Marquise de Hanau-Münzenberg: Dumpf hallen ihre Stimmen hinter dem Plastik.

„Erwarte von uns keinen Trost! Wir Karussellpferde wissen alle Details über dich, sogar, dass du in der Schule spöttisch bloß ‚Dating Marie‘ genannt wirst. Pfui! Du bist erst vierzehn! Schäm dich! Deine Mutter kam gestern mit eurer Pfarrerin und deinem Schuldirektor in großer Aufregung zu uns. Bekümmert erzählten sie von deiner heutigen Vereinbarung mit Casanova Leopold Ludwig. Blauäugiges Ding! Anscheinend kapierst du es als einzige in Hanau nicht, was für ein herzenzbrechender Schürzenjäger der Grafensprössling ist. Ein Filou ist Leopold Ludwig – ganz der noble Vater! Du warst für ihn nur ein kleiner Erfrischungssnack; um sich mit dir nach dem Konzert im oberen Geschoss kurz fürs Hauptmenü aufzuwärmen.„
Psychiater: Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.
Marquise de Hanau-Münzenberg: „Deshalb konnten wir dich gestern nur durch einen beherzten Notfallanruf bei der Deutschen Bahn AG mit Hilfe geschlossener Schranken zeitlich lange genug aufhalten. Es war zu deinem Besten.“
Psychiater: Interessant. Offenbar reichen deren Kontakte bis ganz hinauf zum Vorstand. Haben die übrigen Karussellpferde ebenfalls Worte an dich gerichtet?
Marquise de Hanau-Münzenberg: Ja, aber ach, welch demütigende. „Das soll dir künftig eine Lehre sein, Alessa Marie“, stimmten sie zur Bestätigung singend an, wie unser Kirchenchor eine Bachkantate, „denn so ergeht es allen ungezogenen Hanauer Mädchen, welche am Sonntag nicht brav den Gottesdienst besuchen.“
Psychiater: Dies hast du als Religionsmündige hoffentlich nicht auf dir sitzen lassen.
Marquise de Hanau-Münzenberg: Erraten. „Jetzt langt’s!“, fauche ich. Als klare Botschaft, dass mir ihre Unverschämtheiten reichen, treten meine Füße wutentbrannt gegen das Karussellgitter, schlagen meine Handflächen mehrmals auf den durchsichtigen Kunststoffschutz. „Überhaupt, für Darth Vader Sklaven immer noch ‚Madame de la Marquise‘!“
Psychiater: Jawoll, jetzt rappelt’s im Karton. Noblesse oblige.
06. 12. 2025
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