Szene IV: Liebesgurren (Exkurs)
Leonie: Hihihihihi, seht nur, sie sondern sich Händchen haltend einige Schritte von uns ab.
Fiona: Alles nur wegen dieses absolutistischen Systems, angelehnt an Ludwig XIV.; mit dem habe ich bisher ausschließlich negative Erfahrungen gesammelt.
Friederike: Erzähl!
Fiona: Na ja, beim Ziehen der neuen Grenzlinie Ende Januar wurde gleichzeitig über Nacht meine geliebte Joggingstrecke gekappt.
Friederike: Voll unverschämt!
Fiona: Als erklärte Gegnerin jeglicher Fürstenwillkür entschied ich freilich spontan, aus Protest trotzdem rüber zu joggen.
Friederike: Richtig gehandelt. Was denken die sich in Schloss Philippsruhe eigentlich, wer sie sind? Bist du weit hinüber?
Fiona: Bloß circa fünfzig Meter. Bekam sodann irgendwie Sch*ss, rannte total panisch zurück. Auch so ne bleibende Erinnerung.
Friederike: Ohje, du Arme, lass dich trösten, mir passierte kurz vor Corona etwas Ähnliches. Oh, Gott, Fiona, beim Gedanken daran überfällt mich selbst 2025 noch Schüttelfrost!
Fiona: Erzähl!
Friederike: Am 19. Dezember 2019 -das Datum werde ich niemals aus dem Gedächtnis streichen- fuhren meine Eltern Neugierde halber mit mir in die Gebrüder Grimm Stadt, um sich vor Ort ein eigenes Bild zu machen. Was die Grafschaft Hanau-Münzenberg anbetraf, brodelten -offenes Geheimnis- 2019 in Obertshausen sämtliche Gerüchteküchen.
Fiona: Angeblich nutzten wie vor zweihundertfünfzig Jahren gekleidete Adlige vornehme Kutschen sowie elegante Sänften als Transportmittel.
Friederike: Und ähnlich sonderbare Dinge kursierten.
Fiona: Keinesfalls billiger Klatsch und Tratsch, keinesfalls alberne Märchengeschichten, wie die mittlerweile informierte Gesellschaft weiß. Im Gegenteil, die politische Elite meinte und meint es drüben bitternst.
Friederike: 2019 reiste man noch problemlos ein. Reisepass genügte. Seit Corona benötigst du zusätzlich ein Visum – neuerdings sogar ESTA.
Fiona: Verrückt, Hanau, lediglich einen Katzensprung entfernt.
Friederike: Dennoch, der Main trennt Welten.
Fiona: Zeigten sich Blaublütige?
Friederike: Am Grenzübergang Steinheimer Brücke patrouillierten tatsächlich historisch uniformierte Soldaten. Allerdings fehlte von noblen Karossen beziehungsweise emsigen Sesselträgern bis zu unserem etwas außerhalb des Zentrums in einer Seitenstraße hinter dem Nordbahnhof gelegenen Stellplatz weit und breit jede Spur.
Fiona: Nicht bequem im Innenstadtbereich geparkt?
Friederike: Mama empfand die gesalzenen Parkgebühren als pure Abzocke.
Fiona: Ah, okay.
Friederike: Erinnere mich noch genau daran, wie ich als Elfjährige auf einem öden, wie ausgestorben erscheinenden Rad- und Fußgängerweg meinen Eltern vorauslief, in Richtung dieser Eisenbahnbrücke, auf der gerade ein Güterzug über die Kinzig stadtauswärts rollte.

Hätte Friederike beim Erblicken der roten Lokomotive jemals geahnt, dass Deutschland drei Monate später im Lockdown 1 festsitzt?
Fiona: Merkwürdig, mein erster Eindruck von der Grafschaft Hanau-Münzenberg im Januar? Ein gänzlich entvölkerter Weg! Vor mir weit und breit keine Menschenseele! Rann dir ebenfalls kalter Schauer den Rücken hinunter?
Friederike: Obwohl Mama und Papa in Sichtweite hinterliefen! Alsbald erreichen wir besagte Gleisüberführung. Bleiben stehen. Schauen die Konstruktion an. Ich weiß bis heute nicht wieso, Fiona, seitdem quälen mich grässliche Albträume.
Fiona: Schon deswegen einen kompetenten Psychologen konsultiert?
Friederike: Ja. Theorie 1. Die eigenartigen Lichtverhältnisse. Du musst wissen, die Sonne kämpfte zum Zeitpunkt mühsam gegen zähen Hochnebel, erfolglos, wodurch das Stahlträgergeflecht stark an Farbmangel litt, sein ohnehin hässliches Erscheinungsbild somit zusätzlich bedrohlich wirkte. Theorie 2. Entlang der Brücke verlaufen außerdem zwei dicke Rohre, welche nach einer 90-Grad-Krümmung ins Erdreich verschwinden; eventuell löste deren Anblick -warum auch immer- Angst aus. Theorie 3. Hinzukommt, und wahrscheinlich ist dieser Punkt ausschlaggebend gewesen, unterhalb der Brücke herrschte furchterregende Dunkelheit.

Denn ohne Vorwarnung schossen in mir Horrorgedanken hoch, dass unter ihr blutverschmierte, mädchenfressende Geister lauern. Oh, Gott, Fiona, bitte, halt mich jetzt ganz ganz doll fest!!!!!
Fiona: Oh, mein Gott, Friederike, ich beschütze dich! Was hat Hanau-Münzenberg dir nur angetan! Bei mir war’s auf dem menschenleeren Waldweg ja die Horrorvorstellung, dass unvermittelt Grenzsoldaten aus dem Gebüsch hervorspringen, Handschellen klicken, und Mamas Schnattchen als Spionin am Galgen endet. Oh, Gott, Friederike, bitte, halt mich jetzt ganz ganz doll fest!!!!!
Selina: Freut mich riesig für unsere Friederike; endlich hat sie ihre langersehnte Traumprinzessin gefunden. Schaut, Fiona drückt sich vertrauensvoll noch enger an sie.
Friederike: Oh, mein Gott, Fiona, ich beschütze dich! Was hat dir Hanau-Münzenberg nur angetan!
Mela: Wie sich die Verliebten in tiefer Umarmung süße Liebeworte zuflüstern.
Fiona: Irgendwie kein gutes Pflaster. Sche*ß Grafschaft!!!!!
Leonie: Hach, es ist sooooo romantisch!
Friederike: Du musst deiner Friederike versprechen, betrete sie nie, nie, nie wieder! Ich bin doch deine Friederike, oder?
Fiona: Jaaaaa, du bist meine Friederike!
Selina: Oh, mein Gott, noch engerer Körperkontakt! Muss Frauenliebe herrlich sein!
Friederike: Es gibt noch Theorie 4. Unversehens ertönt von Weitem ratternder Schall. Mama fröhlich: „Sieh nur, Liebling, in Hanau fahren tatsächlich Kutschen!“ „Und was für ein Prunkgespann, Schatz, mein lieber Scholli!“, antwortet Papa begeistert. Nachdem er uns am Wegesrand bemerkt hat, reduziert der Kutscher die rasante Geschwindigkeit umgehend auf Schritttempo. Und auch wir treten lieber vorsichtig drei Schritte zurück. Staunen Bauklötzchen. Just im Augenblick, als sich der Prachtwagen gemächlich an uns vorbeischiebt, öffnet jemand das Fenster. Ein Mann lugt todernst heraus. Seine Kostümierung erinnert sogleich ans 18. Jahrhundert. Weißgepudertes Gesicht, weißgepuderte Perücke. Die Gerüchte, sie stimmen! „Nimm dich Acht“, spricht er mit beängstigender Stimme zu mir, „das hungrige Kapuzengespenst ohne Gesicht fängt auf einem Fahrrad kleine Mädchen fürs Mittagessen!“ Ich schreie gellend auf: „Iiiiiiiiiiiiiiiiiiiihhhhhhhhhhhhhhhhhhhh!“
Fiona: Sag mal, spinnt der Typ????? Das ist überhaupt nicht witzig!!!!!
Friederike: Empört schleudert Mama entsprechende Kommentare hinterher, sinnlos, das imposante Gefährt beschleunigt bereits unter lauten „Hüa!“-Kommandos.
Fiona: Hm, wer könnte Mister Scherzkeks wohl gewesen sein?
Friederike: Vom Luxus des Achtspänners her zu beurteilen, gewiss eine hochgestellte Persönlichkeit.
Fiona: Etwa Dennis Kevin I. von Gottes Gnaden Graf von Hanau-Münzenberg höchstpersönlich?
Friederike: Möglich. Jedenfalls, Mama, Papa, Friederike, von der Grafschaft Hanau-Münzenberg allesamt vollauf bedient, stimmen einmütig für sofortige Heimfahrt. Weil aber von einer Anhöhe jener Blutstein herabgrüßt, welchen Anwohner meinen Eltern am Auto als interessante Sehenswürdigkeit empfohlen hatten, beschließen wir, vorher noch rasch hinaufzugehen.
Fiona: Blutstein?
Friederike: Dem gehobenen Bürgertum entstammende Töchter reicher linientreuer Familien legen dort an ihrem 16. Geburtstag feierliche Eidesformeln ab, festlich herausgeputzt wie einst vornehme Damen um 1775/1780. Zuerst piksen sie sich vor dem Stein mit einer spitzen Nadel in den rechten Daumen, lassen mehrere Blutstropfen auf ihn herunterfallen, schreiben anschließend damit tapfer die jeweiligen Namensinitialen; ohne bei alldem auch nur einziges Mal zu klagen oder ängstliche Mienen zu verziehen!
Fiona: Elitäres Gehabe. Gruselige Vorstellung.
Friederike: Nach erfolgreich bestandener Mutprobe, mit welcher zugleich das Verlassen des Elternhauses einhergeht, sprich, die Kindheit endet, schwört jede pathetisch unerschütterliche Bereitschaft, von nun an, falls nötig, Blut und Leben sowohl für die Grafschaft Hanau-Münzenberg als auch Ludwig XIV. zu opfern. So erzählten es jene Anwohner.
Mela: Unsere aneinander festgeklebten Turteltauben tuscheln und tuscheln vergnügt…
Fiona: Na, toll. Und diesen Blutstein habt ihr besichtigt?
Selina: …und tuscheln…
Friederike: Oh, Gott, warum hab ich bloß hingesehen????? Hätte ich bloß nicht hingesehen!!!!!
Selina: …und tuscheln.
Fiona: Die Reste vergossenen Blutes auf dem Steinmaterial müssen für dich schockierend gewesen sein.
Friederike: Nein, Fiona, der Zug lenkte mich ab.
Fiona: Dieser Güterzug?
Friederike: Längst über alle Berge. Ich erklär’s dir. Zum Abschluss wünscht Mama entzückende Erinnerungsbilder von mir. Also vor dem Blutstein rasch in Position begeben, das zauberhafteste Lächeln präsentieren, dazu die absolut formvollendete Körperpose einnehmen. Ok, Professionalität braucht Zeit. „Gleich perfekt, Mami“, tröstet Deutschlands nächstes Topmodel, „kannst in zehn Sekunden knipsen!“ In dem Moment verraten typische Klanggeräusche, soeben rollt eine Eisenbahn langsam auf das stählerne Bauwerk. Sämtliche Gedanken, im Nu woanders. „Halt, warte, Mami“, ändert Lorena Rae II. schlagartig ihre Meinung, „ich will erst den Zug betrachten!“ Neugier treibt Friederike an. Ja, Friederike möchte sein rumpelndes Passieren der Bahnbrücke unbedingt live miterleben. Unbedingt.
Fiona: Dich interessieren Züge?
Friederike: Oh, Gott, warum bin ich bloß für eine bessere Sicht vom Blutstein zu meinen Eltern losgestürmt????? Wäre ich bloß nicht für eine bessere Sicht vom Blutstein zu meinen Eltern losgestürmt!!!!!
Fiona: Bist du gestolpert und hingefallen?
Friederike: Oh, Gott, Fiona, ein Königreich für ein paar schmerzhafte Blessuren, ein Königreich für ein paar Schmerzenstränen! Ich erklär’s dir. Gemächlich zuckelt irgendeine Regionalbahn auf die Brücke stadteinwärts. Anfangs läuft alles gut. Doch dann…oh, Gott… Fiona…ich…ich…ich…
Selina: Mädels, Mädels, jetzt, der erste Kuss!!!!!
Fiona: Oh, mein Gott, Friederike, die entsetzlichen Szenen des entgleisenden Zuges müssen traumatisierend für dich gewesen sein!
Friederike: Nein, Fiona, kein Unglück. Es war vielmehr das Grauen darunter.
Mela: Ne, noch zu schüchtern in der Öffentlichkeit.
Fiona: Darunter?
Friederike: Der böse Geist mit aufgesetzter Kapuze, gesichtslos, vor dem der Insasse eindringlich warnte; und ich hielt den Kerl für einen Idioten ohne emotionale Intelligenz. Fiona, er existiert!!!!!
Fiona: Bist du sicher?
Friederike: Bitte, Fiona, glaube mir! Ich bin nicht verrückt! Der erste Zugwagen befindet sich vollständig auf der Brücke; da gefriert deiner Friederike das Blut in den Adern.

Exakt in DEM Moment, Fiona, radelt jener kapuzenbedeckte Dämon heran, der Mädchen zum Mittagessen verspeist!!!!! Gierig auf der Suche nach Opfern!!!!!
Fiona: Nicht dein Ernst!!!!!
Selina: Wooowww, wie Fiona kokett ihren Kopf ein bisschen von Friederikes Gesicht zurückzieht!
Leonie: Die flirten ja mal so richtig ungeniert!
Friederike: Welch glückliche Fügung Gottes, dass Mailands künftige Catwalk-Queen bekanntlich sensationsgierig vom Blutstein forteilte! Geschickt benutzt sie Papa als optisches Schutzschild. Papa peilt null. „Friederike, was soll denn das Affentheater? Du bist nicht mehr im Kindergarten!“ „Pssssst, Papi, sonst entdeckt er mich!“ Mama kapiert genauso wenig. „Mondscheinfee, lass bitte diese Unsinn! Du willst doch immer erwachsen sein!“ „Psssst, Mami! Pssssst!“ Sekunden verstreichen. Sekunden zwischen Leben oder Tod.
Fiona: Meine Güte, Friederike, oh, mein Gott, du bist so unglaublich mutig! Angsthäsin Fiona hätte vor Todesangst wie am Spieß gebrüllt!
Leonie: Schade, bloß küssen trauen sie sich nicht
Mela: Zugegeben, schwierig bei so viel Karnevalsschminke.
Friederike: Hab ich, Fiona, und wie! Nachdem das Ungeheuer endlich dem Blickradius entschwunden war. Unterdrückte Panikgefühle entladen sich nun wie Vulkanausbrüche. Noch schriller, noch länger, noch ohrenbetäubender „Iiiiiiiiiiiiiiiiiiiihhhhhhhhhh!“ kreischend stürze ich auf und davon; unwissende Eltern lärmend hinterher. „Friederike! Bleib stehen! Sofort!“ „Es ist immer dasselbe mir dir!“
Fiona: Eltern!
Friederike: Mamas Mondscheinfee, dermaßen unter Schock, dass sie, unfassbar, sogar die falsche Route wählt. Erst beherztes mütterliches Zupacken stoppt wilde Flucht in verkehrte Richtung. Ein letzter Blick geradeaus.

Das Monster, vom Winde verweht. Der Weg, menschenleer.
Fiona: Wie leergefegte Wege sowie der Zwang, auf ihnen rennen zu müssen scheinen Wahrzeichen dieser Grafschaft zu sein. Und wie reagierten deine Eltern?
Friederike: Meine Mutter tobt vor Empörung. Auf energische Anweisung hin nimmt Papa einen Umweg über Schloss Philippsruhe.
Fiona: Schloss Philippsruhe?
Friederike: Mama beabsichtigte, Anzeige gegen Unbekannt wegen Körperverletzung zu erstatten; weil sich Mondscheinfee aufgrund geschmacklosen Scherzens fast zu Tode erschreckt hatte.
Fiona: Und?
Friederike: Am Eingangstor abgewiesen. Vorhersehbar. Versuchte Papa ihr doch von Anfang an klarzumachen.
22. 01. 2026
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