Fotogeschichten

II – #3 – DN

Szene III: „Denn wenn et Trömmelsche jeiht“

Clownin 1: Hey, du, alles im Grünen Bereich bei dir?

Fiona: AAAAAAAAAAAAHHHHH, HAUT AB!!!!!

Clownin 2: Hey, alles gut! Alles gut! Wir tun dir nichts!

Fiona: Wo bin ich ich bloß? Klar, Fiona, am Bahnhof, wo sonst. Huch????? 11. 24 Uhr????? Oh, mein Gott, Julia!!!!! Stimmt, Fiona, vermutlich längst zu Hause. Boah, ey, muss eingeschlafen sein. Um 02.00 Uhr ins Bett war wohl etwas spät. Mal die Scheibe runterlassen.

Clownin 1: Fühlst du dich nicht Ordnung? Wir hatten vom Bahnsteig aus ständig laufende Motorengeräusche gehört, schauten daraufhin zum Parkplatz rüber.

Clownin 2: Jemand saß im Wagen reglos hinterm Steuer.

Clownin 3: Da entschieden wir uns, vorsichtshalber nachzusehen.

Clownin 4: Und dir geht’s auch wirklich gut?

Clownin 1: Hat dich dein Freund rausgeschmissen?

Fiona: Seid unbesorgt, nichts passiert. Wollte eigentlich um 07. 43 Uhr eine Freundin abholen; laut Durchsage fallen heute allerdings sämtliche S-Bahnen aus. Warum auch immer. „Na ja, vielleicht tut sich kurzfristig doch noch etwas“, überlegte ich und beschloss, mich erstmal zum Aufwärmen ins Auto zu setzen. Tja, kaum drinnen, prompt komplett eingepennt; kam erst spät vom Karneval heim.

Clownin 3: Warst du auch in Offenbach auf dem Zinnoberball?

Fiona: Obertshäuser Kirchenfastnacht. Ihr?

Clownin 4: Logisch, Zinnoberball, das Beste überhaupt.

Clownin 1: Wir haben uns bei mir nur kurz in unseren Kostümen ausgeruht, gefrühstückt, sind jetzt eigentlich auf dem Weg zum Mainzer Straßenkarneval.

Fiona: Echt jetzt, ihr genauso? Was für ein Zufall! Oh, mein Gott! Stella! Und ich döse seelenruhig im Auto! Bestimmt ist sie irritiert wieder nach Hause gefahren! Wartet, ich rufe sie an. MIST!!!!! IMMER NOCH KEIN EMPFANG!!!!!

Clownin 1: In der Tat, ein höchst merkwürdiger Tag. Zuerst sind Mobilfunknetz plus Internet plötzlich am A*sch. Als wir nach Veranstaltungsschluss gegen 03.30 Uhr die Taxinummer wählten, funktionierte es einwandfrei. Volle Signalstärke. Und zu allem Überfluss herrscht am Obertshäuser Bahnhof gähnende Leere.

Clownin 3: Weder Aushänge noch Durchsagen.

Fiona: Keine Durchsagen mehr? Vorhin wurdest du unaufhörlich zugetextet.

Clownin 4: Absolute Funkstille.

Clownin 1: Seit über sechzig Minuten stehen wir uns die Beine in den Bauch; normalerweise hätten inzwischen jeweils zwei Bahnen nach Wiesbaden beziehungsweise Ober-Roden fahren müssen.

Clownin 2: Vermutlich streikt die Lautsprechertechnik wegen Überbelastung. Ich heiße übrigens Mela.

Clownin 1: Friderike.

Clownin 3: Leonie.

Clownin 4: Selina.

Fiona: Und ich bin die Fiona. Moment, ich steige aus.

Clownin 3: Deine Verkleidung steht dir super!

Clownin 1: Wow, Fiona, so eine hübsche Araberprinzessin!

Fiona: Dankeschön!

Clownin 2: Und was stellen wir nun an?

Clownin 1: Auf den Bahnsteig zurückgehen?

Clownin 3: Ja, lasst uns zurückgehen. Es muss doch irgendwann wenigstens ein Mensch aufkreuzen, der wenigstens einigermaßen Ahnung besitzt.

Clownin 1: Kommst du mit, Fiona?

Fiona: Klar.

*****

Clownin 4: Kombiniere, Lage unverändert kritisch.

Patient Bahnsteig weiterhin klinisch tot.

Clownin 2: Mädels, glaubt ihr ernsthaft, hier tut sich noch was?

Clownin 3: Ich hab’s euch doch vorhin gleich gesagt, irgendetwas wissen sie in Obertshausen und Umgebung – im Gegensatz zu uns. Dieser Zustand ist vollkommen unnormal.

Clownin 1: Du, Fiona, darf ich dich mal was sehr Vertrautes fragen?

Fiona: Wenn’s nicht zu intim wird.

Clownin 1: Hast du eigentlich einen festen Freund?

Fiona: Ne, der hat vor drei Wochen Schluss gemacht.

Clownin 1: Verstehe. Eine andere?

Fiona: Ne, S*x wurde zur Bedingung. Empfand ich aber als eindeutig zu schnell, denn so lange waren wir noch nicht zusammen.

Clownin 1: Wie lange?

Fiona: Seit Mitte November.

Clownin 1: Du Arme, ich drück dich ganz fest. Typisch Männer, nur das Eine im Kopf! Vergiss ihn!

Fiona: Pssssst, du musst nämlich wissen, ich hab noch nie.

Clownin 1: Oh, mein Gott, wie süß!

Clownin 3: Heyyyyy, Friderike, du hältst sie aber ziemlich lange.

Clownin 1: Solidarität unter Frauen.

Clownin 2: Hihihihihi, drückt euch noch fester.

Clownin 4: MÄDELS, ICH KRIEG WIEDER NETZEMPFANG!!!!!

Clownin 3: Hast du die Hessenschau App drauf? Möglicherweise informiert sie über den S-Bahnausfall.

Clownin 4: Die bringen gerade ne Live-Sondersendung.

Clownin 1: Worum geht’s?

Clownin 4: Mädels, rasch, kommt her, das müsst ihr euch unbedingt ansehen!!!!!

Clownin 3: KRASS!!!!!

Fiona: Das ist doch die Landstraße zwischen Heusenstamm und Offenbach, dort, wo sich die Polizeistation befindet.

Clownin 1: Stimmt. Rechts kannst du zum Campus Heusenstamm abbiegen.

Clownin 2: Kneift mich, Mädels, in einiger Entfernung hinter der Reporterin stehen jede Menge bewaffneter Soldaten in alten Uniformen!

Clownin 3: Und direkt hinter ihr verläuft ein Farbstrich – quer über die Straße!

Fiona: Oh, neeeeeiiiiinnnnn, bitte, nicht schon wieder eine Grenzverschiebung!!!!!

(Handylautsprecher Nachrichtensprecher): …schalten wir abermals zu meiner tapferen Außenkollegin. Wie ist die gegenwärtige Situation vor Ort, Carolin?

(Handylautsprecher Reporterin): Ja, Thomas, ich befinde mich seit nunmehr 04.00 Uhr unmittelbar an der Gemarkungsgrenze Heusenstamm-Offenbach und bin mittlerweile trotz dicker Winterjacke, heißer Getränke sowie neuerdings plus 2 Grad Celsius -immerhin!- ehrlich gesagt von Kopf bis Fuß durchgefroren; denn bis circa 09.00 Uhr war es bei klirrendem Frost wirklich extrem unangenehm. Und die gegenwärtige Situation vor Ort, ja, die ist nach wie vor brandgefährlich. Ich gebe zu, angesichts der Ereignisse, welche sich am Sonntag, den 02. März 2025, mitten in Hessen abspielen, ist mir bange zumute.

(Handylautsprecher Nachrichtensprecher): Wie gesagt, nur wenige Schritte hinter dir farblich sichtbar gekennzeichnet, die neue Staatsgrenze. Weiß man darüber inzwischen Genaueres? Was ist heute Nacht konkret passiert?

(Handylautsprecher Reporterin): Nun, was sich gegen 02.00 Uhr, 02.30 Uhr abspielte, mutet zweifellos wie in einem schlechten Film an. Wie mir mehrere Augenzeugen berichteten, sperrten Soldaten des 3rd New York Volonteers

(Handylautsprecher Nachrichtensprecher): …also diese mysteriös amerikanische Freiwilligeneinheit…

(Handylautsprecher Reporterin): …das genau, Thomas, ist der heikle Punkt an der Sache; es handelt sich hierbei nachweislich um ein amerikanisches Regiment, angeworben in New York City, anschließend im Bundestaat New York sowohl in moderner Kampfweise als auch im Stil des 18. Jahrhunderts ausgebildet; daher rührt übrigens auch sein antiquiertes Erscheinungsbild. Und dieses 3rd New York Volonteer unterbrach -wie gesagt, so gegen 02. 00 Uhr, 02.30 Uhr- ohne vorangegangene Ankündigungen die L3405, auf welcher ich gerade stehe.

(Handylautsprecher Nachrichtensprecher): Kannst du uns nähere Angaben zu den Augenzeugen machen? Was sind das für Personen? Wie schätzt du deren Glaubwürdigkeit ein?

(Handylautsprecher Reporterin): Ja, Thomas, als sehr glaubwürdig sogar. Bei den Augenzeugen handelt es sich um nächtliche Heimkehrer von Faschingsveranstaltungen. Trotz errichteter Sperren durften nämlich Fahrzeuge mit eindeutig als Närrinnen und Narren identifizierbaren Insassen bis 06.00 Uhr in beiderlei Richtungen anstandslos passieren. Tobi und ich können dies aus eigener Anschauung mehrfach bestätigen, stimmt’s, Tobi?

(Handylautsprechstimme Kameramann): Dreiundvierzig PKWs hab ich gezählt.

(Handylautsprecher Reporterin): Zeitgleich kappten, wie mir betroffene Fastnachtsjecken ebenso seriös schilderten, Hanau-Münzenbergische Verbände gleich hinter dem Ortsausgangsschild die in Richtung Neu-Isenburg führende L3117, gewährten aber auch dort kostümierten Fahrzeuginsassen großzügig freie Fahrt.

(Handylautsprecher Nachrichtensprecher): Diese Vorgehensweisen folgen offensichtlich einem ganz bestimmten Muster. War das abgestimmt?

(Handylautsprecher Reporterin): Damit liegst du vollkommen richtig, Thomas. Scheinbar existierten überall Anweisungen von ganz oben, karnevalistisch motivierte Nachtschwärmer nach vorgenommener Sichtkontrolle zumindest bis 06.00 Uhr durchzuwinken. Eins ist daher gewiss, wir haben es hier mit einer sorgfältig geplanten und durchgeführten Gemeinschaftsaktion fremdländischer Staaten zu tun.

(Handylautsprecher Nachrichtensprecher): Deutschland und die internationale Weltöffentlichkeit unter Schock. Seit ungefähr 02.00 Uhr besetzen Hanau-Münzenbergische Truppen und sogenannte Freiwilligeneinheiten amerikanischer Herkunft all jene Gebiete, die im 18. Jahrhundert zum Ysenburgischen Herrschaftsbereich zählten. Und sie scheinen zügig voranzukommen, Carolin.

(Handylautsprecher Reporterin): Ja, Thomas, jene Truppenbewegungen vollziehen sich tatsächlich in wahnsinnig rasantem Tempo. Beispielsweise wurde Offenbach bereits um 03.30 Uhr vom 2nd Charleston Volonteer vollständig unter dessen Kontrolle gebracht. Und wie mir ein Regimentsoffizier des 3rd New York Volonteer vor zehn Minuten bestätigte, rückt derzeit das Hanauer Bataillon -eine bis an die Zähne bewaffnete Hanau-Münzenbergische Elitekampfgruppe- in Wächtersbach ein.

(Handylautsprecher Nachrichtensprecher): Heißt das, du kannst an der frisch gezogenen Grenzlinie mit Vertretern der gegenüberliegenden Seite sprechen?

(Handylautsprecher Reporterin): Vollkommen korrekt, Thomas. Bereits mehrmals hatte ich Gelegenheit, besagten Offizier über die Trennmarkierung hinweg kurzzeitig zu interviewen. Der Mann gibt sich freilich äußerst bedeckt, erklärt lapidar, die früheren Ysenburgischen Territorien ständen fortan allesamt als in Anführungszeichen Sonderverwaltungszone Ysenburg unter gemeinsamer Oberherrschaft der Grafschaft Hanau-Münzenberg sowie der USA.

(Handylautsprecher Nachrichtensprecher): Die Straßenverbindungen von und nach Heusenstamm über die L3405 sowie L3117 unterbrochen. Wie sieht es mit der S-Bahnlinie S2 Richtung Dietzenbach, Richtung Niedernhausen aus? Besitzt du dazu nähere Kenntnisse?

(Handylautsprecher Reporterin): Also, Thomas, um es ganz offen auszudrücken, bei der S2 tut sich genauso wenig – und es betrifft ja bei Weitem nicht nur die S2. Jegliche Eisenbahntrassen, welche die Grenze zu einer dieser historischen Ysenburgischen Grafschaften erreichen, sind dort gleichermaßen mittels Absperrmaßnahmen blockiert. Und jener von mir skizzierte Gesamtzustand dauert laut Offizier noch mindestens über den gesamten Rosenmontag hinweg an. Derweil versucht die Deutsche Bahn AG, Fernzüge weitestmöglich umzuleiten. Für S-Bahn, Regionalbahn und Regionalexpress hingegen sieht es vorerst düster aus; im Rhein-Main Gebiet stehen zwar nicht alle, aber dennoch zahllose Räder still.

(Handylautsprecher Nachrichtensprecher): Und aus Berlin bisher keine einzige Stellungnahme.

Clownin 2: Ey, Selina, wieso machst du den Ton weg?

Clownin 4: Ok, Mädels, wir können getrost Leine ziehen. Schaut.

Auf Obertshausens Bahnsteig steigt heute garantiert keiner zum Mainzer Straßenkarneval ein.

Clownin 3: Ja, du hast Recht, Offenbach war schließlich auch mal eine Grafschaft. Grafschaft Offenbach-Ysenburg. Weiß ich noch aus Geschichte.

Clownin 4: Und die S1 fährt…?

Clownin 1: Durch Offenbach.

Clownin 2: Komm, schalt wieder auf Lautsprecher.

(Handylautsprecher Reporterin): …erwarten die verunsicherten Bundesbürgerinnen und Bundesbürger von der noch amtierenden Regierung umgehend drastische Reaktionen. Bislang vergebens.

(Handylautsprecher Nachrichtensprecher): Das muss man sich wahrlich auf der Zunge zergehen lassen. Seit rund neun Stunden marschieren unter dumpfen Trommelschlägen wie im 18. Jahrhundert, wie zur Zeit Friedrichs des Großen uniformierte Soldaten durchs Hessenland, nehmen Ort um Ort, Stadt um Stadt ein, ohne dabei auf Widerstand zu stoßen. Frage an dich, Carolin. Militäroperationen solcher Größenordnungen fallen bekanntlich nicht einfach vom Himmel. Weiß man schon, wer letztlich seine Hand im Spiel hat? Wer das Ganze deckt? Wer zieht die Fäden im Hintergrund?

(Handylautsprecher Reporterin): Nun, Widerstand formiert sich in Heusenstamm allmählich schon. Seit circa einer Dreiviertelstunde riegeln starke Polizeikräfte und Wasserwerfer die Grenze weitläufig ab, weil schätzungsweise mehrere hundert Linksautonome aus Südhessen anrücken. Und die machen im Vorfeld keinen Hehl daraus, Offenbach vom Faschismus -so drücken sie es aus- befreien zu wollen. Zu deiner Frage, Thomas, selbstverständlich kursieren hierzu unterschiedlichste Theorien; sie bewegen sich jedoch zum jetzigen Zeitpunkt ausnahmslos im Bereich reiner Spekulation. Aber, ein Punkt erscheint trotzdem auffällig. Sämtliche Aussagen verbindet die felsenfeste Überzeugung, dass bei dem, was sich vor unseren Augen in erschreckender Weise vollzieht, der vorgestrige Eklat in Washington die entscheidende Rolle spielt, ein als politische Schmierenkomödie öffentlich inszenierter Marschbefehl von Donald Tru…

Clownin 4: Oh, neeeeeeeeeeiiiiiiiiiinnnnnnnnnn!!!!! Ausgerechnet JETZT ist das Signal wieder weg!!!!!

Clownin 2: Stattdessen der allseits beliebte Button: Du bist momentan nicht mit dem Internet verbunden.

Clownin 3: Grad jetzt, wo’s spannend wird.

Clownin 4: Ob da wohl jemand nachgeholfen hat?

06. 01. 2026

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