Szene X: Andere Version
Mutter der Joggerin: Versprich mir, Schnattchen, dass du NIE wieder diese Grafschaft Hanau-Münzenberg betrittst. Weder illegal noch legal. Verspricht du mir das, Schnattchen? Was die am Freitag oben im Wald fast mit Axel angestellt hätten!
Joggerin: Du nennst ihn längst Axel?
Bruder der Joggerin: Mama ist voll in den Mann verliebt! Mama ist voll in den Mann verliebt!
Joggerin: Mensch, Mami, du wirst ja ganz rot, freue mich riesig für dich. Aber meinst du wirklich, ihr passt zueinander? Überleg. Im Job fristlos gekündigt, nicht mal simple Vorstellungsgespräche klappen, aktuell schlägt er sich als Kuhknecht durchs Leben. Tolle Ausgangsbasis! Hast du seine Telefonnummer? Mensch, Mami, du wirst ja noch röter!
Bruder der Joggerin: Mama ist voll in den Mann verliebt! Mama ist voll in den Mann verliebt!
Mutter der Joggerin: Mag sein, Schnattchen, Axel ist einfach gestrickt, dazu oft gedankenverloren. Ein richtiger Hanns Guck-in-die-Luft. Aber er arbeitet trotz widriger Umstände sehr hart, konnte deiner Mutter im Café unglaublich einfühlsam zuhören, besitzt ganz einfach das Herz auf dem rechten Fleck. Christoph hingegen konnte alles; auch, mich für Lisa, meiner angeblich allerbesten Freundin, mit euch über Nacht sitzenlassen. Sie hochschwanger. Solche Sachen würde Axel niemals tun. Sag mal, Schnattchen, du bist mit erst zwanzig doch hoffentlich noch brav Jungfrau?
Joggerin: Ooooohhh, ein erstes Date hattet ihr auch?
Mutter der Joggerin: Vorgestern in Offenbach.
Joggerin: Musst du wissen Aber jetzt erzähl mal.
Mutter der Joggerin: Ich war mit Rollo unterwegs ins Waldgebiet an der Laakirchener Straße Gassi gehen. Beim Überqueren der Ludwigstraße schlendert dort auf dem Bürgerteig ein Fußgänger heran. Die innere Stimme warnt noch: „Gib Acht, Christina, Tagträumer unterwegs!“ Zu spät. Leichte Karambolage. Herr Sternengucker bittet verlegen um Entschuldigung. Prompt entsteht daraus ein nettes Gespräch, wobei wir überrascht feststellen: Hoppla, unsere Streckenplanungen sind ja nahezu identisch! Finde ihn überaus sympathisch, von daher bestehen gegen eine männliche Begleitung meinerseits auch keinerlei Einwände.
Joggerin: Oh, mein Gott, es klingt megaromantisch! Sei ehrlich, ihr habt im Wald Händchen gehalten?
Mutter der Joggerin: Aber Schnattchen!
Joggerin: Ihr habt!
Mutter der Joggerin: Wenn sie uns in Schloss Philippsruhe keinen Strich durch die Rechnung gemacht hätten.
Joggerin: Ach, Mami.
Mutter der Joggerin: Wir lassen Obertshausens Häuser gerade hinter uns, als sich beim Blick geradeaus jäh ein ungutes Gefühl im Bauch einstellt.

Die innere Stimme warnt noch: „Gib Acht, Christina! Die ‚Ulrichschneise‘ will dir nichts Gutes!“
Joggerin: Axel?
Mutter der Joggerin: Doch nicht wegen Axel, Schnattchen, was denkst du von ihm? Axels Blicke galten sowieso weniger seiner Begleiterin als vielmehr dem seitlichen Unterholz; ständig hoffte mein Held, darin sympathische Waldbewohner zu erspähen.
Joggerin: Ooooohhh, du nennst ihn schon mein Held?
Bruder der Joggerin: Mama ist voll in den Mann verliebt! Mama ist voll den Mann verliebt!
Mutter der Joggerin: Bitte, Krümelchen, es reicht!
Bruder der Joggerin: Und nenn mich nicht dauernd Krümelchen!!!!!
Mutter der Joggerin: Worauf ich hinaus will. Axel war dermaßen unkonzentriert, weshalb ihm nicht mal das in weiter Ferne befindliche Fahrzeug auffiel.

„Dieser Wagen dahinten gefällt mir ganz und gar nicht!“, bemerke ich unruhig. Woraufhin Axel begeistert entgegnet: „Da war eben ein Reh!“ Männer. Zweiter, stimmlich extra betonter Anlaufversuch. „Dieser Wagen dahinten gefällt mir ganz und gar nicht!“ Dessen ungeachtet antwortet Axel abermals fröhlich: „Da war eben noch eins! Anscheinend ist im Wald heute Hochbetrieb!“ Männer.
Joggerin: Froh zu sein bedarf es wenig, und wer froh ist, ist ein König.
Mutter der Joggerin: Man kann’s mit Frohsein auch übertreiben. Vor allem, wenn jemand dabei nicht mal ansatzweise realisiert, dass vor einem wie im 18. Jahrhundert uniformierte Soldaten direkt hinter der Grenzschneise zu Offenbach die Ulrichschneise queren. Zugegeben, Informationen über die Grafschaft Hanau-Münzenberg liegen größtenteils im Dunklen verborgen; zumindest aber kriegt jedes Obertshäuser Kind beigebracht, hinterm Main stolzieren sie hochnäsig à la mode herum.
Joggerin: Und dass das Land seit 2017 von Schloss Philippsruhe aus im Stil Ludwigs XIV. absolutistisch regiert wird.
Mutter der Joggerin: Dennis Kevin I. von Gottes Gnaden Graf von Hanau-Münzenberg.
Bruder der Joggerin: Total doofer Name.
Mutter der Joggerin: Genau, Krümelchen. Rasch keimen in mir Befürchtungen auf, innerhalb des Waldgebietes könnten womöglich Grenzverschiebungen im Gange sein; zumal die Soldaten -klar erkennbar- auf ihren Schultern lange Pfähle transportieren. Entsprechend innerlich vorgewarnt, halte ich intuitiv kurz vor Erreichen der Offenbacher Grenzschneise an, beobachte zögerlich die vor uns weiterverlaufende Ulrichschneise.

Die innere Stimme warnt: „Gib Acht, Christina! Vielleicht ist es heute am 24. Januar 2025 nicht ganz so ratsam, hier weiterzulaufen!“ Hätte ich bloooooß treffsicherer weiblicher Intuition vertraut!
Joggerin: Verstehe. Dein Held.
Mutter der Joggerin: Hat neben mir wirklich nichts besseres zu tun, als entzückt den vor uns stehenden linken Baum hochzugaffen. Schwärmt: „Ein Eichhörnchen! Nein, sogar zwei!“ Und läuft seelenruhig rüber nach Offenbach. Männer.
Joggerin: Echt bescheuert.
Mutter der Joggerin: Kein Wunder, dass er’s im Leben lediglich zum Kuhknecht seines unfreien Schwagers brachte.
Joggerin: Dazu irgendwo tief im Odenwald.
Mutter der Joggerin: Und ich, Dumme, folge ihm. So kommt, was kommen musste. Circa fünfzig Meter weiter halten uns zwei Hanau-Münzebergische Grenzoffiziere in ziviler Joggingkleidung an. Miteinander parlieren sie recht merkwürdiges Französisch, welches erworbene Schulkenntnisse trotz Leistungskurs schlichtweg überfordert. „Du hast’s vorhin geahnt, Christina!“, schießen panische Gedanken schlagartig durch den Kopf. „Die innere Stimme mahnte! Du hast’s vorhin geahnt, Christina!“
Joggerin: Oh, oh!
Mutter der Joggerin: Auf sachliche Aufforderung hin drehen wir uns um und schauen die Ulrichschneise zurück.

In exzellentem Deutsch fragt Oberstleutnant La Roche, warum Axel und ich nicht Bescheid wüssten; seit Passieren des letzten Querweges sei dies nämlich ab heute Staatsgebiet der Grafschaft Hanau-Münzenberg. Wir berufen uns glaubwürdig auf fehlende Informationen durch hiesige Medien; selbst Offenbach Post sowie unser Heimatbote druckten nachweislich keinen einzigen Satz über bevorstehende Veränderungen. Daraufhin drücken er sowie sein Kollege, Leutnant Dubois, höflich gleich mehrere Augen zu; verbunden mit strikten Auflagen, für Ein- und Ausreisen fortan ausgewiesene Grenzübergänge zu nutzen.
Joggerin: Klingt doch super. Ähm, aber war da nicht noch was?
Mutter der Joggerin: Axel, dieser unbeholfene Leichtfuß! La Roche will uns gerade ziehen lassen, da meint mein Held, das Lebewohl partout irgendwie besonders ulkig gestalten zu müssen. „Ei, nichts für ungut, die Herren. Zum Dank geht zu Martini eine Milchkanne an euch. Ich schaff nämlich als Kuhknecht fürs Fräulein Fürstäbtissin, und Kuhknechte verstehen nur ‚Muuuuuhhh! Muuuuuhhh!‘.“
Joggerin: Bei deiner Eroberung fass ich mich echt an die Stirn.
Mutter der Joggerin: Axel und seine einfältige Art. Witzig gemeint, lacht dennoch keiner. Abrupt kippt die Stimmung. Dubois packt zu, stößt Axel mit Wucht rücklings gegen den großen Stapel Holzstämme am Wegesrand. La Roche schreit: „Sag das nochmal! Was bist du?“ Dann, Schnattchen, fällt rohes Vokabular; es wiederzugeben verbietet fraulicher Anstand. Als Paria innerhalb der feudalen Gesellschaftspyramide beschimpfen und bespucken sie ihn. Obwohl Axel in Deutschland auf fremdländischem Klosterbesitz als deutscher Staatsangehöriger arbeitet, gilt er nichtsdestotrotz als Teil des absolutistischen Systems; im Kirchengebiet Ilbenstadt herrscht dasselbe Prinzip wie in Hanau-Münzenberg. Folglich argwöhnt La Roche nunmehr umtriebiges Verhalten, konstruiert haarsträubende Vorwürfe, Spion, Saboteur, Aufständischer, Agent der Acht Weltkaiser, Schleuser, Frauenhändler. Axel japst schweißüberströmt in Dubois‘ Würgegriff, ringt um Luft, fleht La Roche röchelnd an: „Nicht schlagen, hoher Herr“ „Habt Erbarmen, hoher Herr!“
Joggerin: Das ist ja entsetzlich, Mami!
Mutter der Joggerin: La Roche holt weit mit der Faust aus, hält jedoch sogleich inne. Nein, vor einer charmant Fürsprache einlegenden Diplomatin möchte sich der Oberstleutnant vom Régiment Frontière IX dann doch keine Blöße geben. Stattdessen besinnt er sich anders. „Heute muss dein Glückstag sein, Kuhknecht; du bist lediglich deinen Job los. Und nun hau ab aus unserem Land!“
Joggerin: Ich…ich…ich…kann nicht glauben, was du schilderst, Mami!
Mutter der Joggerin: Wobei, Axel wäre eine ordentliche Trachtprügel in diesem Augenblick wohl tausendmal lieber gewesen.
Joggerin: Verwirrend.
Mutter der Joggerin: Winselnd kniet er vor beiden Offizieren auf nassem, schmutzigem Wegrand, reckt zum Zeichen untertänigster Ehrerbietung die Hände gefaltet empor, wie im Kuhstall vor Mariella gewohnt, wimmert tränenüberströmt in einem Mix aus Deutsch sowie in Lützelbach aufgeschnapptem Feudallatein: „Ich flehe euch an hohe Herren, in caritate Domini nostri Jesu Christi, unsere Hochwohlgeborene Fürstäbtissin ist die einzige Person, die jämmerlichen Verlierern faire Chancen bietet! Sancti Martinus et Nicolaus sunt testimonii“ Beim Axels kläglichem Anblick fährt mir ein Schwert durch den Busen.
Joggerin: Es wühlt so unendlich auf, Mami!
Mutter der Joggerin: Und dann, Schnattchen geschah das Wunder. So wahr ich von hier in Richtung Malteserhaus blicke.

So wahr ich hier am 27. Januar 2025 auf dem Dohnweg stehe.
Joggerin: Eine Textnachricht klingelt, warte. Oder? Ne, jetzt nicht
Mutter der Joggerin: Als ob Sankt Martin sowie Sankt Nikolaus vor drei Tagen wahrhaftig Zuhörer gewesen wären. Eine junge Mutter mit vorne angebrachtem Kinderanhänger radelt heran, doch keine richtige. Alsbald stellt sich heraus, es handelt sich vielmehr um die ebenfalls Zivilkleidung tragende Leiterin jener Grenzbehörde, welcher das Régiment Frontière IX unterstellt ist. Beim Absteigen begegnen sich unsere Blicke. Im selben Augenblick spüren wir blitzartig diese mächtige Energie; da ist dieses starke emotionale Band zwischen Frauen, diese weibliche Solidarität. Und wiederum merkwürdiges Französisch, das ich nicht verstehe.
Joggerin: Konntest du irgendwie rausfinden, woher sie kamen?
Mutter der Joggerin: Aus Kanada!
Joggerin: Stimmt, in Kanada spricht man auch Französisch.
Mutter der Joggerin: Die Dame nimmt mich ein Stück beiseite, möchte in ebenso perfektem Deutsch unter Frauen wissen, was los ist. Freundlich stellen wir uns zuerst gegenseitig vor.
Joggerin: Und wie heißt sie?
Mutter der Joggerin: Abella.
Joggerin: Wunderschön.
Mutter der Joggerin: Ja, Schnattchen, wunderschön. Sanft sprechen wir miteinander, zuerst über dies und das, fühlen im Nu, etwas Magisches verbindet uns. Irgendwie lustig, bevor’s sich um Axel dreht, erzählt Abella mit leuchtenden Augen vom Grand Marché de Noel in Montréal. Der Rest, in Nullkommanichts geklärt. Auf Anweisung schubst Dubois den Weinenden verächtlich weg, reibt sich demonstrativ beide Hände sauber.
Bruder der Joggerin: Guck mal, Mama, diese Blätter sind total schön. Die nehme ich mit.
Mutter der Joggerin: Wirfst du die sofort wieder hin!!!!! Das ist schmutzig!!!!! Wie oft habe ich dir gesagt, du sollst nicht mit runtergefallenem Laub spielen!!!!! Das liegt schon seit Herbst herum!!!!! Du weißt nicht, welche Tiere sich im Wald tummeln!!!!!
Joggerin: Tu auf der Stelle, was Mami dir befiehlt, Finn!!!!!
Mutter der Joggerin: Anschließend geleitet uns die Leiterin der Hanau-Münzenbergischen Grenzbehörde höchstpersönlich zur Trennlinie. Axel, fix und fertig, sinkt sogleich auf einen deutschen Baumstumpf nieder, um Erlebtes zu verarbeiten. „Ja, mit Grenzen ist es manchmal kompliziert“, flüstert Abella mitleidsvoll, „er benötigt Erholung. Komm mit, ich erkläre dir derweil die Vorschriften hier“
Bruder der Joggerin: Aber die da.
Mutter der Joggerin: Hast du Tomaten auf den Ohren?????
Bruder der Joggerin: Maaaaannnnn, wie blöd!
Mutter der Joggerin: Regeln stelle immer noch ich auf!!!!! Setz dich auf die Bank dort, und warte, bis wir fertig sind!!!!!
Bruder der Joggerin: Du bist voll gemein!!!!
Mutter der Joggerin: Krümelchen!!!!! Ein für allemal!!!!!
Bruder der Joggerin: UND NENN MICH NICHT DAUERND KRÜMELCHEN!!!!!
Joggerin: Tu auf der Stelle, was Mami dir befiehlt, Finn!!!!!
Mutter der Joggerin: Das hat er von der Schule, Schnattchen. Wie dem auch sei. Abella stellt ihr vermeintliches Mama-Fahrrad beim völlig erledigten Axel ab. Während er auf feuchtem Holz schnauft und keucht, laufen wir zwei gemeinsam entlang Offenbachs ehemaligen Gemarkungsgrenze.
Bruder der Joggerin: Ach, ja! Ach, ja! Ach, ja!
Mutter der Joggerin: Hörst du auf, so dämlich auf der Sitzbank rumzuächzen!!!!! Du bist kein alter Mann!!!!!
Bruder der Joggerin: Bääääähhh!
Mutter der Joggerin: Woher hat Finn das nur, Schnattchen? Jedenfalls, kurz darauf stoppt Abella mit auf die Viehweidschneise gerichteter ernster Miene.

„Hast du unterwegs eben diese zwei rot-gelben Grenzpfähle registriert? Frisch eingehauen. Rot und Gelb bedeuten die Farben der ‚Grafschaft Hanau-Münzenberg‘. Wie wenn Abella ihre neu gewonnene Seelenverwandte vor der gefährlich nahen Staatsgrenze beschützen möchte, schiebt mich Hanau-Münzenbergs oberste Grenzchefin gleichsam einer geliebten Gefährtin sicherheitshalber circa drei Meter auf hundertprozentig deutsches Terrain; um anschließend von dort aus der Verlaufslinie wiederum besorgte Gesichtsausdrücke zuzuwerfen.

„Betrachte aufmerksam den vor uns von links nach rechts bezeigungsweise umgekehrt vorbeiführenden Grenzweg sowie die gegenüber beginnende ‚Viehweidschneise‘, und hör mir gut zu, Christina!“, beschwören eindringliche Worte. „Ab heute darfst du die bisherige Gemarkungsgrenze zwischen Obertshauen und Offenbach unter keinerlei Umständen überschreiten! Verstehst du mich? Unter keinerlei Umständen! Es sei denn, an offiziellen Übergangsstellen. Eigentlich dürfte ich mich auf dieser Seite des Weges überhaupt nicht aufhalten, die festgelegte Grenze verläuft ja parallel zur gegenüberliegenden. Das bleibt unser kleines Geheimnis!“ „Ich schweige wie ein Grab!“, entgegne ich verschwörerisch. Dicke Freundinnen kichern um die Wette, machen mit Zeigefingern „Pssssst!“. Sodann kehren wir zu Axel zurück. „Wenn du Hilfe brauchst, wenn du in Not gerätst“, lächelt Abella zum Abschied, „begib dich zu einer beliebigen Grenzstation. Sag: ‚Bonjour. Lang lebe Dennis Kevin I. von Gottes Gnaden Graf von Hanau-Münzenberg! Eine Christina sucht nach einer Abella‘. Nicht mehr. Ganz wichtig, trage ‚à la mode‘! Kleide, schminke und frisiere dich wie im 17./18. Jahrhundert! Mit dem um 1775/1780 üblichen Modestil tritts du am überzeugendsten auf. Adieu.“ Unsere Blicke treffen sich. Zwanzig, vielleicht dreißig Sekunden sind wir von der unglaublich intensiven Aura eines unerklärlichen, tiefen Mysteriums umgeben. Gänsehaut pur. Dann nimmt Abella wieder ihr vermeintliches Mama-Fahrrad, schwingt sich auf den Sattel, tritt in die Pedalen.

Nach einigen Fußschritten drehe ich mich auf der Ulrichschneise unwillkürlich noch einmal zu ihr um.
Joggerin: Du vermisst Abella sehr?
Mutter der Joggerin: Wehmütig bedauert Christina, Abella jetzt nicht als Fahrradfahrerin begleiten zu können. „Abellas braune Augen. Ihre anmutigen Gesichtszüge. Und ihre langen gepflegten dunklen Haare“, sind meine letzten Gedanken. Schließlich wende ich mein Antlitz wohl oder übel endgültig Obertshausen zu, begleite stützend den kurz vorm Nervenzusammenbruch stehenden Axel bis zur Haustür; wo nach gegenseitigem Nummernaustausch auch unsere Wege auseinandergehen.
Joggerin: Ich…ich…ich…kann nicht glauben, was du schilderst, Mami! Wieso hast du mir denn nichts davon berichtet?
Mutter der Joggerin: Allen Ernstes, da fragst du noch dumm????? DA FRAGST DU NOCH DUMM?????
Joggerin: Jetzt flipp nicht gleich wieder aus!!!!!
Mutter der Joggerin: Ich flippe aber aus!!!!! Wie denn, bitteschön, wenn meine Tochter jedes Wochenende bei ihrem Freund verbringt????? Freitags brichst du direkt von der Uni auf; erst montags kommst du nach der Uni heim!!!!! Glücksfall, dass wir hier vorhin übereinander stolperten!!!!! Nie bist du zuhause!!!!! Und wenn was ist, geht immer nur diese sche*ß Ma*lbox!!!!! Immer nur diese sche*ß Mailbox!!!!! Du bist erst zwanzig!!!!!
Joggerin: Lass mich gefälligst in Ruhe, ich bin seit zwei Jahren volljährig!!!!! Ich bin nicht mehr dein kleines Püppchen!!!!! Immer noch nicht kapiert????? Überhaupt, gib zu, in Wirklichkeit bist du scharf auf Abella!!!!! Aaaaauuuuu!!!!! Spinnst du?????
Mutter der Joggerin: Aaaaauuuuu!!!!! Spinnst du?????
Joggerin, Mutter der Joggerin: Oh, mein Gott, bitte, verzeih mir, es tut mir so unendlich leid!
Bruder der Joggerin: Typisch. Erst ohrfeigen, danach heulend umarmen. Frauen. Ich werde niiiiiiiiiieeeeeeeeee heiraten!
26. 11. 2025
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