Fotogeschichten

Rückkehrerinnen und Resümees II – #1 – RR

Über die Unmöglichkeit, sich dem Einfluss der neuen Grafschaft Hanau-Münzenberg gänzlich entziehen zu können

Erzählrunde 2

Szene I: Mariä Lichtmess

Ex-Hofdame Fabienne: Vieles stimmt mich beim Zurückschauen wehmütig.

Ex-Hofdame Nathalie: Du sagst es, Süße, du sagst es.

Ex-Hofdame Fabienne: Vier Mädels in Gänseformation verharren mitten auf einem Waldweg.

Widmen ihre ganze Aufmerksamkeit jener Richtung, aus welcher sie soeben gelaufen kamen.

Ex-Hofdame Juliette: Statt konsequent entgegengesetzt weiterzumarschieren, Mademoiselle Schlusslicht.

Ex-Hofdame: Sandrine: Verrückte Welt. Minuten zuvor noch kleidete sich das Quartett weit dahinten -irgendwo abseits der Schneise- sichtgeschützt um, ließ mitgeführte Koffer samt zugehörigem Inhalt zwischen Bäumen zurück.

Ex-Hofdame Nathalie: Meine Güte, erst vierzig Minuten vergangen, seit wir in unmittelbarer Nähe nach komplizierter Fahrt dem beigen Mercedes entstiegen sind?

Ex-Hofdame Fabienne: Ma chère, kompliziert nennen Sie diese Tour?

Ex-Hofdame Nathalie: Tour? Tortur! Aufgrund des unerklärlichen Umstandes, dass grenzüberschreitender Taxiverkehr -trotz mit Ablauf des 07. April 2022 erfolgter Aufhebung aller verbliebenen Corona-Schutzmaßnahmen- weiterhin striktem Verbot unterliegt, durften Juliette, Fabienne, Sandrine und Nathalie am 02. Februar 2023 kurz vor Erreichen der Steinheimer Brücke umständlich das Fahrzeug wechseln.

Ex-Hofdame Fabienne: Normal säßen wir derzeit neben Bernardette Constanze Amalia Gräfin von Hanau-Münzenberg Gräfin von Bernstein-Mechthild behaglich in der Kirche.

Ex-Hofdame Sandrine: Fürstenloge wohlgemerkt.

Ex-Hofdame Nathalie: Fest Darstellung des Herrn.

Ex-Hofdame Sandrine: Bürokratie hoch zehn! Kaum auf dem Schlosshof eingestiegen, müssen ihre bisherigen Hofdamen nahe der Einfahrt zum Hafengelände den komfortablen Hanau-Münzenbergischen Taxiwagen widerwillig verlassen und -als ob dies nicht ärgerlich genug wäre- bei der Ausreise auf irgendwelchen Formularen angeben, mit welchem Verkehrsmittel geplante Weiterreise in Deutschland erfolgen wird.

Ex-Hofdame Nathalie: Danach mutierst du temporär zum Fußgänger, passierst brav die Grenzbrücke.

Ex-Hofdame Fabienne: Zeigst bei der Einreise unter anderem besagten Ausfüllbogen vor.

Ex-Hofdame Sandrine: Nach Erledigung sämtlicher Formalitäten befördern dich schließlich deutsche Taxis zum gewünschten Bestimmungsort. Vermag mir zufällig eine von euch plausibel zu erklären, warum?

Ex-Hofdame Nathalie: Reine Schikane! Die Pandemie, längst vorbei!

Ex-Hofdame Sandrine: Von Hanau Kesselstadt nach Rodgau, eigentlich eine simple Strecke.

Ex-Hofdame Fabienne: Und zwar konkret zur Jügesheimer Waldfreizeit-Anlage.

Ex-Hofdame Sandrine: Mädels, warme S-Bahnen wären wahrlich bessere Alternativen gewesen; und sich in Jügesheim von Mama im ebenfalls beheizten Multivan bequem abholen lassen.

Ex-Hofdame Juliette: Ich dachte, wir hätten dieses Thema in Schloss Philippsruhe ausdiskutiert. „Weder vor Eltern noch vor Nachbarn geben ausgeschiedene Palastdamen sich die Blöße!“, lautet jene in Fabiennes Gemach einstimmig getroffene Abmachung. Kleinlaut deine innerlich triumphierende Mutter an der S-Bahnstation begrüßen? Daheim angekommen, intuitiv schadenfrohe Blicke genüsslich an Fenstern lungernder Lästertaschen spüren?

Ex-Hofdame Sandrine: Du hast ja Recht, Juliette. Um das Ausmaß demütigender Schmach aufs absolute Minimum zu beschränken, fiel die Entscheidung daher zugunsten zweier Taxiunternehmen.

Ex-Hofdame Nathalie: Und weil unser geliebtes Jügesheim vom gegenwärtigen Standort bloß einen Katzensprung entfernt ist, erschien der Gedanke ratsam, nach Entledigung altmodischer Klamotten die Strecke lieber per pedes zu bewältigen.

Ex-Hofdame Fabienne: Erklärtes Ziel: unerwünschte nachbarschaftliche Augenzeugen, angelockt durch Motorbrummen verbunden mit Autotüren- und Kofferraumschlagen, von den Gardinen fernhalten.

Ex-Hofdame Juliette: Anstatt allerdings nunmehr zügig vorwärtszueilen, beherrscht -ausgelöst durch Fabiennes unklugem Stopp- auffälliges Zögern das aktuelle Geschehen. Unschlüssig stehen wir herum, wirken wie bestellt und nicht abgeholt, berühren die Griffe unserer mitgeführten Trolleys intensiver, ja, beinahe verkrampft. Was soll die heimische Tierwelt denken?

Ex-Hofdamen Nathalie, Fabienne, Sandrine: Häääää?

Ex-Hofdame Fabienne: Nochmal langsam zum Mitschreiben!

Ex-Hofdame Juliette: Glaubt ihr wirklich, scharfe Augen beobachten uns nicht insgeheim?

Ex-Hofdame Sandrine: Hm, jetzt, wo du’s ansprichst.

Ex-Hofdame Nathalie: Stimmt, könnte tatsächlich sein.

Ex-Hofdame Fabienne: Klingt logisch. Überlegt. Buntspechte, Wildschweine, Eichelhäher, Waldkäuze, zollen an solch einem nasskalten, tristen, sprich, für Tiere todlangweiligen Wintertag jeder sich bietenden Abwechslung größte Dankbarkeit.

Ex- Hofdame Juliette: Weshalb so mancher, aufmerksam die Szene analysierender, schwatzhaft veranlagter Waldbewohner gewiss bald folgendes Gerücht verbreitet: „Der Frau Gräfin Ehrenjungfern -ähm…sorry…Ex-Ehrenjungfern- bereuen zutiefst, was hinterm Dickicht verborgen geschah.“

Ex-Hofdame Nathalie: Juliette, Süße, woher resultieren sorgenvolle Mienen aufs Smartphone?

Ex-Hofdame Fabienne: Oh, Gott, hoffentlich kein Gewitter! Gewitter im Wald, lebensgefährlich!

Ex-Hofdame Juliette: Los, Mädels, lähmenden Stillstand überwinden! Beeilung! 7°C, bedeckt, windig, meldet die App. Juliette empfindet ehrlich gesagt keine Lust, durchgeblasen zu Hause aufzuschlagen. Hopp, hopp, darum flink wieder die Gänseformation einnehmen! Reihenfolge unverändert. Ich führe das Vierergrüppchen an, dahinter Nathalie, gefolgt von Sandrine, und dann Fabienne.

Ex-Hofdamen Fabienne, Sandrine, Nathalie: Ok.

Ex-Hofdame Sandrine: Brrrrr, höchst ungemütliches Latschen. Feuchte Kälte dringt durch meine Jacke.

Ex-Hofdame Nathalie: Gefühlt 3°C. Meinst du, die App zeigt korrekt an?

Ex-Hofdame Juliette: Bedenke, wir halten uns momentan in einem Waldgebiet auf.

Ex-Hofdame Fabienne: Ey, Juliette, warte ne Sekunde!

Ex-Hofdame Juliette: Ach, neeeeeeeeee!!!!!

Ex-Hofdame Fabienne: Wichtig!

Ex-Hofdame Juliette: Nach zwanzig Metern? Dein Ernst? Nix da, wir sind gerade mal um die Biegung.

Nähern uns dem Parkplatz hinten, wo zumindest der motorisierte Reiseabschnitt endete.

Ex-Hofdame Fabienne: Dringend!

Ex-Hofdame Juliette: Für kleine Mädchen?

Ex-Hofdame Fabienne: Ne, beabsichtige lediglich, meinen Schirm vorsichtshalber aus dem Trolley zu kramen.

Ex-Hofdame Juliette: Wieso DAS denn? Die App schrieb nichts von Regen!

Ex-Hofdame Fabienne: Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste. Du weißt um die Haltbarkeitsdaten meteorologischer Vorhersagen. Der Ausdruck bedeckt bedeutet meistens übersetzt: Kaum im Freien, tröpfelt’s runter. Bis ich DANN den Schirm ausgepackt, ihn aufgespannt habe! Deshalb, stets für alle Eventualitäten gewappnet sein.

Ex-Hofdame Juliette: Du bist echt dumm, Fabienne. Wegen dir halten wir notgedrungen erneut an. Und überhaupt, wozu, bitteschön, benötigst du bei DEM Wetter einen Schirm? Den reißen Böen sofort weg, sobald gleich hinter der Waldfreizeit-Anlage rechtsseitig offenes Gelände beginnt – oder ruinieren ihn. Hast doch auf der Steinheimer Brücke gemerkt, wie ungemütlich der Wind pfeift. Auf, Schlusslicht, mach hinne!

06. 02. 2026

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