Szene IV: Höfischer Höllentrip
Marquise de Hanau-Münzenberg: Doch dadurch wurde alles nur noch schlimmer.
Psychiater: Noch schlimmer?
Marquise de Hanau-Münzenberg: Theluma und Helanchri galoppieren schnaubend aus dem Karussell heraus.
Psychiater: Die waren wohl stinksauer.
Marquise de Hanau-Münzenberg: Wild bäumen sich beide Pferde vor mir auf. Reflexartig werfe ich mich hin, schütze panisch den Kopf. Welche Schmach. Kleid, Gesichtspuder, Hut, alles unrettbar ramponiert; nur die Schuhe bleiben einigermaßen ansehnlich. „Na, du freche Liese, kleine Abreibung gefällig?“ Ehe ich reagieren kann, packt mich Theluma mir ihren starken Zähnen am Kragen, und aufwärts geht’s wieder in die stehende Position. „Los, ab zur Teufelsschlucht mit dir!“ Schockiertes Flehen. „Nein, nein. bitte, bitte, nicht dahin!“ Vergeblich. „Allez hopp, beweg dich! Oder benötigst du durch unsere kräftigen Hufen erst eine schmerzhafte Sondereinladung?“, wiehert Helanchri.
Psychiater: Rohe Zeitgenoss…oh, ein blöder Fussel auf meinem tollen Kiss T-Shirt…so, weg mit dir.
Marquise de Hanau-Münzenberg: Beklemmten Herzens betrete ich erbarmungslos angetrieben den Canyon. „Madame la Marquise stehen doch aufs 18. Jahrhundert mit seinen unbeschwerten höfischen Vergnügungen“, hallt es in der Teufelsschlucht von Thelumas verächtlichem Spott wider, „also ziere Sie sich gefälligst nicht so!“ Ich zittere. Schlucke. Starre mit weit aufgerissen Augen die Klippen an. Fürchte, jederzeit von steilen Felswänden zerdrückt -oder noch schlimmer- begraben zu werden. Lebend begraben!!!!! Wie Edgar Allan Poe es in The Premature Burial beschreibt… eingeschlossen im Sarg…unfähig, s…si…ich…ich…ich… ich…iiiii… iiiiiiiiii…*hust*…i…*hust*…mein…*hust*…Hals…iii…ich…er…*hust*… stickeeeeeeeeee…eeeee…Maaaaamaaaaaa…*hust*…aaaaaaaa… AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAHHHHH!!!!! DAAAAAAAAAA!!!!!! DAAAAAAAAAA!!!!!
Psychiater: Wo? Ich seh nichts.
Marquise de Hanau-Münzenberg: DAAAAAAAAAA!!!!! DAAAAAAAAAA!!!!! SEIN SCHATTEN AN DER FELSWAND!!!!! ER WILL MICH HOLEN!!!!! IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIHHHHHHHHHHHHHHHHHHHH!!!!! LUFT!!!!! LUFT!!!!! LUFT!!!!! LUFT!!!!! OH, GOTT!!!!! ICH BRAUCH LUFT!!!!!
Psychiater: Warte.
Marquise de Hanau-Münzenberg: Puuuuuuuuuuhhhhh…danke… eeeeennnnndlich Luft! Frische Luft! Tut das guuuuuuuuuut! Könnten Sie das Fenster vielleicht noch etwas mehr öffnen? Danke, Herr Doktor.
Psychiater: *gähn*…und weiter spielt die Musik.
Marquise de Hanau-Münzenberg: Theluma und Helanchri überlassen Alessa Marie allein ihrem Schicksal. Verzweifelt möchte ich mich unter stechendem Herzrasen fest am schroffen Gestein entlang tasten, möchte durch kräftigen Händedruck wenigstens auf einer Seite dessen Einsturz beziehungsweise das Schließen der Wand verhindern. „Lieber vom Teufel geholt als lebendig tot!“, schallt tapfer die Parole. Da antwortet eine unsichtbare Stimme: „Gott zum Gruße, anmutiges, vornehmes Edelfräulein! Wohin des Weges so zerlumpt und zerzaust, mutterseelenallein, ohne Anstandsdame?“ Erste Vermutung, ein übler Pferdescherz von oben; dann jedoch fahre ich panisch zusammen. Herr Doktor, was nun geschah…im Vergleich dazu die Filmszene in Ringu, als der böse Geist aus dem Fernseher steigt, zum Kringeln vor Lachen. So wahr ich hier vor Ihnen auf der Couch liege: Auf der von mir aus gesehenen rechten Felswand bewegt sich von ganz hinten langsam ein Schatten heran.
Psychiater: Menschenskinder, noch ein Fussel. Hab ich beim Bügeln etwa nicht richtig hingesehen? Erzähl ruhig weiter.
Marquise de Hanau-Münzenberg: Unterhalb der Brücke hält er an.

„Wer…wer…wer…wer…wer…sind…Sie?“, keuche ich in grässlicher Gewissheit, dass Alessa Maries junges Leben hier kläglich enden wird; mein letzter Wunsch, zu wissen, wer mein Mörder ist.
Psychiater: Komm, lass die Katze aus dem Sack.
Marquise de Hanau-Münzenberg: Der Schatten spricht: „Madame la Marquise kennen mich. Ich bin der, welcher Sie in der letzten Walpurgisnacht auf des Blocksbergs Gipfel schmerzlich vermisste. Wo waren Gnädigste? Sämtliche Karussellpferdchen kamen auf Ziegenböcken geflogen. Am heißen, hell lodernden Feuer gabs jede Menge original ‚Thüringer Bratwüste‘ vom Grill. Dazu literweise zehnprozentiges ‚Oma Teufel’s Schwarzbier‘.“ Mit AAAAAAAAAA-AAAAAAAAAAHHHHHHHHHH!!!!! stürze ich aus dieser verfluchten Schlucht, stolpere kreischend auf die Teufelsbrücke zu. Dahinter das rettende offene Gelände. Zu früh gefreut. Mitten auf dem wackligen Übergang bringen mich zwei der Holzbalken jäh zu Fall. Verflixt und zugenäht. Alles tut weh. Vom Hexenhaus ertönt schadenfrohes Hohngelächter: „Hahahahaha, ätsch bätsch!“ Nichts wie weg! Mein Hinfallen, ihr Werk! Jeden Augenblick werden sie Windböen herbeizaubern, welche mich erfassen und hinab in die Schlucht stoßen – direkt in Darth Vaders wartende Arme! Auf der anderen Seite angelangt ein prüfender Blick auf die Brücke.

Sie bleibt leer. Darth Vader, Dark Lord of the Sith, verzichtet offenbar großzügig auf Verfolgungsjagden. Schüttelfrost. Nervlich endgültig am Ende, breche ich daraufhin mit Weinkrämpfen zusammen.
Psychiater: Applaus! Bravo! Bravissimo!
Marquise de Hanau-Münzenberg: Sie klatschen? Herr Doktor, das war am 11. August 2016 nicht witzig!
Psychiater: Da capo! Zugabe! Zugabe! Zugabe!
Marquise de Hanau-Münzenberg: Geht’s noch?
Psychiater: Fantastisch, diese früheren Unterhaltungsformen. Das war im 18. Jahrhundert eben noch solider Zeitvertreib. Dein Beispiel demonstriert, dass sich unsere moderne versklavte Internetjugend wieder auf ursprüngliches, unverdorbenes herzerfrischendes Amüsement im Freien zurückbesinnt. Ja, Alessa Marie, du bist die strahlend leuchtende Speerspitze einer neuen Generation selbstbewusster junger Leute, die es nimmer dulden, von iPhones, Smartphones, Tablets, PCs, Fernsehern, unters Joch geschickt zu werden. In Schiller’schem Freiheitsdrang drängts euch ungestüm nach draußen. Weg von Facebook. Weg von YouTube. Weg von Instagram. Und nimm deine Freundinnen mit!
Der Mensch ist frei geschaffen, ist frei,
Und würd er in Ketten geboren,
Laßt euch nicht irren des Pöbels Geschrei,
Nicht den Mißbrauch rasender Toren.
Vor dem Sklaven, wenn er die Kette…
Marquise de Hanau-Münzenberg: Ich kapier bloß Bahnhof, dürfte aber aus Wilhelm Tell sein.
Psychiater: Alessa Marie, du als waschechte Hanauerin weißt doch. Die Teufelsschlucht wurde im Rahmen der von 1777 bis 1785 unter Erbprinz Wilhelm von Hessen-Kassel erfolgten Parkgestaltung wie alle übrigen Attraktionen zur Zerstreuung der illustren Hofgesellschaft künstlich errichtet. Nach geselligen Ausblicken vom Schneckenberg, zwanglosen Drehrunden auf den Karussellkutschen spazierte sie zur gruseligen Schlucht, um sich zum krönenden Abschluss heiteren Flanierens kurzweiligem Schauer hinzugeben – bevor einen die harte Realität wieder einholte.
Marquise de Hanau-Münzenberg: Stimmt.
Psychiater: Es tut mir leid, es dir sagen zu müssen, Alessa Marie, aber die Pferdegäule hatten Recht.
Marquise de Hanau-Münzenberg: Nun machen Sie aber mal halblang!!!!!
Psychiater: Alessa Marie. Ums auf den Punkt zu bringen. Wer wie du aufgedonnert als Marie Antoinette beziehungsweise Comtesse du Barry durch Hanau stolziert, das Hofleben des 18. Jahrhunderts als Nonplusultra vergöttert, muss sich in der Teufelsschlucht konsequenterweise brav mit dem zufrieden geben, was längst vergangene Freizeitunterhaltung anbietet.
Marquise de Hanau-Münzenberg: Aber…
Psychiater: Kein aber. Wählerisch die schönsten Rosinen aus dem Kuchen picken ist nicht.
22. 12. 2025
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