Fotogeschichten

III – #12 – SI

Szene XII: Rührselige Story oder: Eine Begebenheit aus dem Zeitalter des Absolutismus

Fürstäbtissin von Ilbenstadt: Und so sah die surreale Erscheinung stolz ausschließlich brandneueste Modelle auf sich gerichtet, erbittert danach lechzend, den Sensationsaugenblick optimal einzufangen; wobei deren Besitzer zeitgleich vor Mitleid teils erfolgreich gegen Tränenströme ankämpften teils hemmungslos schluchzten, weil dem Umjubelten zwei rechte Finger fehlten. Dies blieb nicht unbemerkt.„Ach, ihr lieben Kinderlein, Gott lass euch immer selig sein. Wenn ihr wüsstet, was mir widerfuhr!“ „Was ist dir armem Geschöpf den nur passiert?“, heulte Miriam. „Weh und Ach! Das Unglück ereilte mich während der ‚Schlacht bei Dettingen‘, stattgefunden am 27. Juni 1743 unweit von Seligenstadt. Ich bin nämlich steinalt, müsst ihr wissen, erlebte viele Abenteuer in der Welt. Anno 1743 in treuen Diensten der britischen Armee, wo man mich aufgrund meiner Kleinwüchsigkeit als idealen Kundschafter verwendete, erteilte Seine Britannische Majestät, König Georg II. vor Beginn jener Bataille höchstpersönlich mir Befehl, auf vorgeschobenem Beobachtungsposten den gegnerischen Aufmarsch auszuspionieren. Mit auf dem Feldzug dabei auch der weltbekannte Komponist Georg Friedrich Händel; nicht als Soldat, sondern als musikalischer Truppenbetreuer. Kühn unterwegs, um hinüber zu den Franzosen zu schwimmen, erkannte mein unfehlbarer Späherblick, wie Händel in Reichweite der auf der anderen Mainseite postierten französischen Artillerie arglos Noten niederschrieb. Ihm, dem Musiker, der zwar unendlich viel von Dur und Moll, jedoch absolut nichts von Schlachtfeldern verstand, war nicht einmal ansatzweise bewusst, in welch akuter Lebensgefahr er schwebte. ‚Mister Handel, Mister Handel, for God’s sake!!!!! Go back to the King!!!!! It’s very dangerous for you here!!!!!‘, erschallt mein gellender Warnschrei. In diesem Moment eröffnen französische Kanoniere überraschend das Feuer. Kalkweißen Gesichts erblicke ich eine direkt auf Englands großen Sohn zufliegende Kanonenkugel. Torwartgleich hechte ich ‚Noooooooooooooooooooo!!!!!‘ kreischend seitwärts, stoße mit linker Hand das begnadete Genie aus der Schusslinie, lenke mit rechter Frankreichs Eisenball knapp vorbei –Millimeterarbeit!-, bringe den gebürtigen Hallenser umgehend aus feindlichem Beschuss in Sicherheit. Händel gerettet. Der Kundschafter allerdings büßte durch jenes Geschoss zwei Finger ein. Als Dank für erfolgte Rettung komponiert Händel flink das ‚Dettinger Te Deum‘. Manipulierte Musikwissenschaftler verkaufen euch dreiste Lügen, des Meisters Werk preise den glorreichen Sieg der Verbündeten über Ludwig XV.. Papperlapapp!!!!! In Wahrheit preist Händel -vor sicherem Tod bewahrt- darin Gott für meine Heldentat. Und ich erhielt vom strahlenden Georg II. abends in Anwesenheit sämtlicher Offiziere dieses Schild hier als Auszeichnung mit folgenden Worten überreicht: ‚Very well done, Sir! God bless you!’“

Zeitungsmitarbeiter: Ich brauch nen Schnaps.

Fürstäbtissin von Ilbenstadt: Und zur Bekräftigung des vollständigen Wahrheitsgehalts seiner getätigten Aussagen gab uns der Putto mit derselben Gestik wie eben zuvor das Ehrenwort: „Bei meiner Ehr.

Meine verkrüppelte Hand aufs Herz!“ Und, Thorsten, was denkt der routinierte Fachmann?

Zeitungsmitarbeiter: Der Ritt auf der Kanonenkugel, ein Sche*ßdreck dagegen; Baron von Münchhausen, ein lausiger Amateur. Alessa. Ich versprech’s dir. Hoch und heilig. Entreißen wird man den Zeitungausträgern unseren Wetterauer Dorfpostillion.

Fürstäbtissin von Ilbenstadt: Ganz deiner Meinung, Thorsten. Dank mir wirst du neuer Chefredakteur. Aber der Reihe nach. Nachdem es dem Kriegsveteranen strategisch gelungen war, sowohl den optischen Überraschungseffekt als auch den emotionalen Mitleidsbonus vollständig auf seiner Seite zu haben…VERD*MMT NOCHMAL, IHRE GEFÜHLSDUSELIGEN SCHWÄCHLINGE!!!!! HAT EUCH EIGENTLICH SCHON MAL JEMAND INS MAINWASSER GEWORFEN????? EURE VERHEULTEN VISAGEN, IGITT, WIE IHR AUSSEHT!!!!!

Diener 2: Wir schämen uns unserer Tränen nicht, allergnädigste Herrin. Dieses arme, beklagenswerte Kerlchen, bis zum Lebensende kriegsversehrt.

Diener 1: Moderne emanzipierte Männer zeichnen sich unter anderem dadurch aus, ihr inneres Bedürfnis zu weinen öffentlich zuzulassen.

Diener 2: Auch Indianer kennen Schmerzen.

Diener 1, Diener 2: Es ist im Moment für uns alles so furchtbar emotionaaaaaaaaaaaaaaal…

Fürstäbtissin von Ilbenstadt: SCHMEISS SIE IN DEN FLUSS, THORSTEN!!!!! SCHMEISS SIE IN DEN FLUSS!!!!! ANSONSTEN TU ICH’S!!!!! OOOOOOOOOOHHHHH…ICH KÖNNTE…ICH KÖNNTE…ICH KÖNNTE…ICH KÖNNTE…

Zeitungsmitarbeiter: Alessa, liebe Alessa, Zorn ist keine Lösung! Denk auch an deinen Blutdruck! Am Ende kippst du mir mitten auf dem Mainuferweg um, und ich muss dich zurück ins Rumpenheimer Schloss tragen! Alessa, mein Gott, du wirst ja richtig verlegen!!!!!

Fürstäbtissin von Ilbenstadt: Haaaaaaaaaach, wiiiiiiiiiieeeeeeeeee gerne würde ich mich jetzt ohnmächtig von Thorstens starken Armen tragen lassen! Cruels dieux! Die Pflicht als Geschichtenerzählerin!

Diener 2: Lass dich in deinem tränenreichen Gefühlschmerz weinend umarmen, ooooohhh, Bruuuuuuuuuuder!!!!!

Diener 1: Jaaaaaaaaaa, lass uns um einander tröstend Brüüüüüüder sein, es tut so unendlich guuuuuuuuuut!!!!! Wein alles raus, Bruder, wein alles raus!!!!!

Diener 2: Dieser aaaaarme Kerl, hat doch niiiiieeeeeandem was getaaaaaaaaaan, er wollte noch bloß heeeeeeeeellllllllllfen!!!!!

Zeitungsmitarbeiter: Ich brauch nen Doppelten.

16. 12. 2025

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