Fotogeschichten

III – #10 – SI

Szene X: Fast eine Lehrkraft

Fürstäbtissin von Ilbenstadt: Ja, perfekter Plan; bin leider nur umsonst rumgelatscht.

Zeitungsmitarbeiter: Wieso?

Fürstäbtissin von Ilbenstadt: Das sola gratia bewilligte Ruhepäuschen näherte sich dem Ende entgegen. Unbändige Erwartungsfreude bei diskutierenden Utopisten und Realisten gleichermaßen.

Zeitungsmitarbeiter: Jetzt mach’s doch nicht übertrieben spannend, Alessa!

Fürstäbtissin von Ilbenstadt: Umso tiefer fuhr daher jedem der Schreck in die Knochen, als unser Superheld, glühender Verfechter des radikalen Desillusionismus dazwischen brüllte: „Ruhe, verd*mmt nochmal!“ Jäh erstarb leidenschaftliches Debattieren. Und zu allem Unglück übergab er im Anschluss das Procedere freundlich seinem Kollegen, dem fiesen Ungelernt-Arbeiter; der 8c nur zu gut aus Mathematik und Physik bekannt.

Zeitungsmitarbeiter: Oh. Und warum?

Fürstäbtissin von Ilbenstadt: Unfassbar. Thorsten, das glaubst du nicht. Skandalös. Stell dir vor. Um eng umschlungen mit der für einen Schulausflug ohnehin vollkommen unpassend gekleideten Referendarin schleunigst ohne zwei Dutzend verwirrt dreinschauende Schüler zur von den Utopisten favorisierten, nur wenige Schritte entfernt liegenden Eisdiele zu schlendern. Typisch, für verknallte Lehrer hatte der Laden damals geöffnet! Wie unfair!

Zeitungsmitarbeiter: Vergiss nicht, Alessa, ihr hattet euch vier Wochen im Datum geirrt. Im September herrscht noch Saison; dann ist bis zum Frühling dicht.

Fürstäbtissin von Ilbenstadt: Thorsten, mein Thorsten, was wäre ich ohne einen soooooooooo klugen Mann wie dich? Ok, ok, schnell fortfahren im Text, bevor du mir vor lauter Verlegenheit auf dem Mainuferweg umfällst. Dementsprechend lassen die Turteltauben ihre besonders teuren Luxus-Hightec-Fahrräder gesichert an der Prälatur zurück, verschwinden albern kichernd hinten durchs Klostertor. Jeglicher Gedanke an potentiellen Zeitverlust, beiden ein Graus. Damit schlug Herrn Ungelernt-Arbeiters Stunde. Er, der heute zum ersten Mal seit Menschengedenken keine seiner dunkelblauen Schirmmützen mit der Aufschrift Nicaragua trug, „Daheim vergessen, geht euch nichts an!“, plusterte sich wie vorne an der Tafel großtuerisch auf. Schwafelte, nun an der Kasse das günstige Gruppenticket erwerben zu wollen; und klar, bis zur Rückkehr dürfe freilich keiner seinen aktuellen Platz verlassen. „Ihr seid minderjährig, merkt euch das! Denkt ihr, ich will wegen euch in den Knast? In der Oberstufe könnt ihr mit achtzehn von mir aus machen, was ihr wollt, juckt mich nicht, euer Bier! Haben wir uns da ganz klar verstanden?“

Zeitungsmitarbeiter: Sprüche wie zu meiner Schulzeit.

Fürstäbtissin von Ilbenstadt: Zehn Minuten verstreichen. Vom Ungelernt-Arbeiter nix gesehen nix gehört. Zwanzig Minuten. Extrem sinnloses Rumstehen. Dreißig Minuten. Tödliche Langeweile grassiert. Weshalb ich als Klassenprecherin trotz anderslautender Anweisung eigenmächtig beschließe, an der Museumskasse vorstellig zu werden.

Zeitungsmitarbeiter: Du warst Klassensprecherin, Alessa? Kompliment! Verantwortungsvolle Aufgabe!

Fürstäbtissin von Ilbenstadt: Vertrauenssache. Werden nur die Fähigsten und Beliebtesten. UND -nicht zu vergessen- Glaubwürdigsten. Umsichtiges, seriöses Regieren ist schon früh meine Berufung gewesen. Quod erat demonstrandum.

Zeitungmitarbeiter: Und dich stellen sie in der Wetterau als Politdilettantin und verdorbenes Früchtchen in einem hin. Oooooooooohhhhh… ich könnte…ich könnte…ich könnte…ich könnte…

Fürstäbtissin von Ilbenstadt: Thorsten, bitte, dein Blutdruck. Doch nicht wegen so ner Baggage. Hör einfach weiter zu.

Zeitungsmitarbeiter: Danke, Alessa, du bist unendlich fürsorglich. Pah, das wärs noch, wegen so Pack ins Krankenhaus! Erzähl, was ging ab an der Kasse?

Fürstäbtissin von Ilbenstadt: Ich wollte soeben los, als wir zu Tode erschrocken, vor Schock gelähmt, unseren Verstand anzweifeln. Aufgerissene Augen. Aufgerissene Münder. Panisches Geschrei. „Eine Halluzination! Sche*ße, sie kommt direkt auf uns zu!“ Thorsten, ich schwörs dir, beim Heiligen Gottfried, unserem Kirchenpatron, vom Museumseingang hüpft uns ein Zwerg entgegen. Jedoch nicht aus Fleisch und Blut! Vielmehr vollständig aus Stein! Gleichsam einer jener Knabenfiguren ringsum, welche nun auf unerklärliche Weise zum Leben erwacht war.

Zeitungsmitarbeiter: Du meinst, ein Putto oder Putte. In der Barockkunst häufig anzutreffen.

Fürstäbtissin von Ilbenstadt: Ja, genau, vielen Dank. In der linken Hand trug der Putto ein verziertes Schild; mit der rechten winkte er der 8c unübersehbar zu, als ob hochgradig wichtige Mitteilungen bevorstünden. Kaum hatte das leicht bekleidete Wesen unsere Gruppe erreicht, verscheuchte es zunächst brüsk jene Verstörten, die unlängst während des vergeblichen Wartens auf der Balustrade die besten Logenplätze für Faulenzer ergattert hatten: „Fort da mit euch!“ Anschließend nahm der Putte schwungvoll Anlauf und sprang aufs Geländer. Nachdem die bedenklich schwankende Skulptur wider Erwarten doch noch ihre Balance wiedergefunden hatte, präsentierte sie sich uns vom Podest herab in demonstrativ besserwisserischer Pose.

Man hätte glatt annehmen können, ein Lehrer.

Zeitungsmitarbeiter: Alessa. Große Fürstäbtissin. Excuse-moi. Thorsten leistet feierliche Abbitte. Mann, die Leute werden unser Blättchen den Zeitungsträgern buchstäblich aus den Fingern reißen. Fettgedruckte Überschrift auf der Titelseite:

Wo Barockfiguren munter sprechen. Unglaubliche Erlebnisse eine Klassensprecherin in Klostergarten Seligenstadt.

Das wird genial!

09. 12. 2025

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