Fotogeschichten

III – #9 – DN

Szene IX: Tempora mutantur – oder auch nicht (1)

1325 Wörter, 7 Minuten Lesezeit.

1 Foto.

Fiona: Gleich geht’s los. Drei Minuten noch.

Friederike: Ich vernehme Stimmen. Du sitzt am Gang.

Fiona: Eine betagte Seniorin, vermutlich in Begleitung ihrer Enkelin.

Friederike: Endlich, auch andere Leute lassen sich blicken.

Fiona: Erleichterung.

Friederike: Fands auf der Hinfahrt irgendwie arg suspekt, Fiona und Friederike, die einzigen Fahrgäste.

Urenkelin: Nein, nicht da, Uroma, weiter vorne.

Urgroßmutter: Ei, da sitzen ja schon welche. Ei, Guten Tag.

Friederike, Fiona: Guten Tag.

Urgroßmutter: Ei, was seid ihr für zwei Hübsche!

Urenkelin: Uroma, bitte. Hallo.

Fiona, Friederike: Hallo.

Urenkelin: Hier, Uroma. Hier setzen wir uns neben den beiden Frauen auf die andere Seite. Nimm du den Fensterplatz in Fahrtrichtung.

Urgroßmutter: Gerne, Kindchen.

Fiona: Noch zwei kommen ins Abteil. Meine Güte, auf den letzten Drücker Hochbetrieb.

Mann: Auf, hock disch hie! Bin heilfroh, wenn wir in Eppertshausen wieder deutsche Luft atmen.

Friederike: Wer sind die?

Fiona: Ein Paar. Nimmt direkt hinter uns Platz.

Frau: Sei nicht immer so griesgrämig, Schatz. Lächeln. Also, ich habe vorgestern die Fahrt jedenfalls genossen.

Mann: Dieser arrogante Franzos hat ganz schön das Maal uffgerisse.

Frau: Wundert’s dich? Welch schreckliche Deutschtümelei! Also, für mich war das ein äußerst höflicher und charmanter Zeitgenosse. Des Herrn galante Verbeugung, absolut Versailles. Absolut alte Schule. Frage, Schatz. Welche Staaten pflegen heutzutage noble Etikette gegenüber Frauen?

Mann: Affenclown.

Frau: Antwort, Schatz. Ausschließlich jene seit 2017 neuentstandenen absolutistischen Territorien!

Mann: Hannebambel.

Frau: Selbst Charles III. begrüßt wie Herr Jedermann. Wo ist im Buckingham Palace bloß die französische Hofkultur geblieben?

Mann: Und seine aufgedonnerten Wuschelhaare – erinnern an ne explodierte Klobürste.

Frau: Allongeperücke, Schatz. Allongeperücke.

Mann: Gebb mir mei Ruh!

Urgroßmutter: Vielleicht, Kindchen, kontrolliert ja dieser vornehme Kavalier von gestern.

Urenkelin: Vornehmer Kavalier? Uroma, bitte. Sein Outfit – megapeinlich! Wie leben im Jahr 2025!

Urgroßmutter: Ei, Kindchen, eben drum! Sei froh, dass sie in unserer neuen Grafschaft wieder Wert auf anständige Kleidung legen.

Enkelin: Oma, bitte. Ich hasse die Grafschaft Ysenburg-Philippseich.

Urgroßmutter: Wie du rumläufst! Enge Hose, Kindchen, und Männer können gemütlich deinen freien Bauchnabel begutachten! Unschicklich ist das, Kindchen; ohne Anstand und Benehmen! Nimm dir unserer elegant angezogenen Comtesse als Vorbild!

Urenkelin: Die?????

Urgroßmutter: Kultiviert trägt notre aimable Comtesse. Wie beim Sonnenkönig. Das mit der Mode in Frankreich hab ich nämlich 1953 bis 1956 während meiner Schneiderinnenlehre gelernt. Mode à la française, Kindchen.

Urenkelin: Uroma, bitte. Die Epoche Ludwigs XIV., längst vorbei. Schloss Philippseich spinnt total!

Urgroßmutter: Das hat mit Epochen nichts zu tun, Kindchen. Fraulicher Anstand bleibt fraulicher Anstand. Deshalb werde ich deiner Mutter nahelegen, sie möge dir schleunigst kultivierte Kleider besorgen.

Urenkelin: Niemals laufe ich privat wie Elisabeth-Claude Jacquet de la Guerre durch Münster! Niemals!

Fiona: Abfahrt. Auf die Sekunde genau.

Friederike: Friederike betont erneut, RB61 verkehrte bislang jeden Tag unpünktlich.

Urgroßmutter: In Münster wären Mädchen und Frauen nach dem Krieg dankbar gewesen, wenn es solch schicke Sachen zum Anziehen gegeben hätte. Aus Stoffresten, Kindchen, hat meine Oma mir im kalten Winter 1945/1946 mühsam ein Kleidchen zusammengenäht.

Urenkelin: Uroma, bitte. Das waren ganz andere Verhältnisse. Ich hasse unser Grafenpaar! Ich weigere mich, Untertanin zu sein! Ich fordere, dass Münster umgehend wieder Teil Deutschlands…

Fiona: Hey, pst, Achtung! Drei Barocktypen im Anflug!

Urenkelin: Oh, mein Gott, der Grenzbeamte und zwei Soldaten. Danke dir!

Grenzbeamter der Grafschaft Ysenburg-Philippseich: Messieurs dames, bonjour, vos documents, s’il vous plaît. Français, English?

Mann: Deutsch. Wir sind hier schließlich in Deutsch…

Frau: Francais. Un moment.

Grenzbeamter der Grafschaft Ysenburg Philippseich: Bien sûr, Madame.

Frau: Oh, Monsieur, quelle révérence galante!

Fiona: Wow, filmreife Verbeugung – wie im 17./18.Jahrhundert.

Mann: Soweit sind wir schon! Kannst in deinem eigenen Land nicht mehr Deutsch re…

Frau: Schweig! Jeden Moment überquert der Zug die Grenzlinie – und dann befinden wir uns vorerst eben NICHT mehr in Deutschland! Kapier’s endlich, Schatz! Los, gib mir deinen Fahrschein und dein Transitvisum!

Mann: Da!!!!!

Frau: Voilà, Monsieur, nos documents.

Grenzbeamter der Grafschaft Ysenburg-Philippseich: Merci beaucoup, Madame…parfait…voilà, c’est tout. Je vous souhaite une bonne continuation de voyage.

Fiona: Wow, abermals.

Frau: Oh, Monsieur, vous êtes plein de galanterie!

Fiona: Welch respektvolle Ehrenbezeigung gegenüber dem weiblichen Geschlecht.

Grenzbeamter der Grafschaft Ysenburg-Philippseich: Toujours à votre service, Madame.

Fiona: Warum verneigt sich eigentlich in Deutschland kein Mann vor mir? Ups, er stolziert zu uns.

Grenzbeamter der Grafschaft Ysenburg-Philippseich: Mesdames, bonjour, vos documents, s’il vous plaît. Français, English?

Fiona: Français.

Grenzbeamter der Grafschaft Ysenburg-Philippseich: Bien sûr, Mesdames, avec plaisir.

Fiona: Oh, Monsier, votre révérence galante me fait rougir de honte!

Friederike: Na, na, na, will ich überhört haben.

Grenzbeamter der Grafschaft Ysenburg-Philippseich: Gnädiges Fräulein, das ist ein meiner leischtest Übung.

Fiona: Oh, Sie sprechen Deutsch?

Grenzbeamter der Grafschaft Hanau-Münzenberg: Nur ein bisschen, Madame.

Mann: Klar, zum Anbaggern reicht’s dicke.

Frau: Still, Schatz!!!!!

Fiona: Sie sprechen ausgezeichnet. Voilà, nos documents.

Grenzbeamter der Grafschaft Ysenburg-Philippseich: Merci beaucoup, Mesdames…parfait…je vous souhaite une bonne continuation de voyage.

Fiona: Merci, Monsieur.

Grenzbeamter der Grafschaft Ysenburg-Philippseich: Bonjour, Mesdames, vos documents, s’il vous plaît. Français, English?

Urenkelin: English.

Grenzbeamter der Grafschaft Ysenburg-Philippseich: No problem, Madam. Your documents, please.

Uroma: Ist das ein Amerikaner, Kindchen?

Urenkelin: Nein, Uroma, ein Franzose. Der kann halt auch Englisch.

Fiona: Hm. Offenbar verweigert er die höfische Verbeugung. Mangels französischer Sprachkenntnisse?

Friederike: Wir werden langsamer.

Grenzbeamter der Grafschaft Ysenburg-Philippseich: Oh, from Munster? So your are subjects of our great and beloved sovereign, Louis Bertrand Hugo Marquis d’Arrêches Beaufort Count of Ysenburg-Philippseich. Welcome back home!

Fiona: Ok, doch noch ne höfische Verbeugung. Hihihihihi, wie der ‚Philippseich‘ ausspricht.

Grenzbeamter der Grafschaft Ysenburg-Philippseich: Messieurs dames, au revoir, good bye.

Urenkelin: Bye bye.

Fiona, Friederike: Au revoir, Monsieur.

Frau: À bientôt.

Urenkelin: Aufstehen, Uroma, die Bahn bremst bereits.

Urgroßmutter: Ei, das war aber ein wohlerzogener Amerikaner, Kindchen. Und sogar Französisch konnte der. Das konnten die Amerikaner 1945 nicht.

Urenkelin: Uroma, bitte. Das WAR kein Amerikaner.

Urgroßmutter: Als die Amerikaner am 25. März 1945 in Münster einmarschierten, lag Darmstadt in Schutt und Asche. Alles kaputt, Kindchen. Und wie sie durch unseren Ort liefen mit ungewaschenen Gesichtern und in schmutzigen olivgrünen Uniformen.

Urenkelin: Uroma, bitte. Deine Kriegsgeschichten nerven. Das ist achtzig Jahre her.

Uroma: Als die Amerikaner kamen, da war ich acht, Kindchen. Niemals hätt ich’s für möglich gehalten, dass die Amerikaner achtzig Jahre später vollkommen anders frisiert und gekleidet abermals bei uns einrücken.

Urenkelin: Uroma, bitte, steh auf; wir müssen zur Tür.

Uroma: Ach, und was für schicke Militäranzüge die Soldaten am 01. März trugen, Kindchen! Weiß-dunkelblau! Und die sauberen Gesichter, alle mit fescher weißer Locken- und Zopffrisur unterm dreispitzigen Hut!

Urenkelin: Jaaaaa, Uroma. Ich stand doch in der Darmstädter Straße direkt neben dir.

Urgroßmutter: Und vorneweg spielten Armeemusiker auf Trommeln und Pfeifen einen unterhaltsamen Marsch.

Urenkelin: Jaaaaa, Uroma, The World Turned Upside Down von 1646.

Urgroßmutter: Kaum von der Sonntagsmesse daheim, brüllt der Jupp vom Bürgersteig hoch: „Ilse, mach disch nunner! Mach disch uff die Gass! Die Amerikaner ziehn widder von Dieborsch enuff!“

Urenkelin: Genug erzählt, Uroma. Der Zug stoppt nur kurz.

Urgroßmutter: Eile mit Weile, Kindchen, in der Ruhe liegt die Kraft. Einen schönen Tag euch noch.

Friederike: Vielen lieben Dank, den wünschen wir Ihnen auch.

Urgroßmutter: Ei, was seid ihr für zwei Hübsche!

Urenkelin: Uroma, bitte. Tschüss.

Fiona, Friederike: Tschüss.

Urenkelin: Und denk daran, Uroma…zuerst zum Einreiseschalter.

Urgroßmutter: Ei, seit dem 01. März ist in Münster alles neu, Kindchen.

Urenkelin: Sche*ße, Social Media funktioniert bereits nicht mehr!!!!! Oh, neeeeeiiiiinnnnn, mein Chatmessenger, genauso tot!!!!! Bloß weil der 2017 gegen die Grafschaft Hanau-Münzenberg verhängte internationale Medienbann gleichermaßen in der Grafschaft Ysenburg-Philippseich gilt. Sche*ße!!!!! Sche*ße!!!!! Sche*ße!!!!! Uroma, bitte, Beeilung, die Wagen halten bereits!!!!!

Mann: Mädel, halb so wild! Rockenberg! Geheimtipp!

Urenkelin: Waaaaas? Uroma, los, mach hinne, ich blockiere derweil die Tür!!!!!

Mann: Rockenberg! Aufm Schwarzmarkt – zig Händler! Toppangebote! Am Bahnhof!

Urenkelin: Waaaaaaaaaas????? Sorry, wir müssen raus!!!!!

Mann: Rockenberg!!!!! Schwarzmarkt!!!!!! Bahnhof!!!!!! Handys!!!!! Laptops!!!!! Tablets!!!!! Geschenkt!!!!!

Urenkelin: Okaaaaaaaaaayyyyyyyyyy!!!!!

Fiona: Ähm, am Bahnhof Münster zufälligerweise gerade zwielichtige Hehler gesichtet?

Friederike: Nein. Starre lediglich irritiert ausm Fenster. Verrückt. Bis zum 28. Februar gehörte alles hier noch ganz normal zu Deutschland.

Echt verrückt.

04. 07. 2026

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