Fotogeschichten

III – #5 – RR

Szene V: Aus Spaß wird Ernst

697 Wörter, 4 Minuten Lesezeit.

2 Fotos.

Coralie: Horcht auf! Die Zeit! Begeben wir uns weiter Richtung Küssnacht!

Aurélie: Wohlan, Tell, wackrer Mut, schick an dich. Die Pflicht muss rasch vollendet sein.

Alle: Hahahahahahahahahaha!

Nathalie: Fand Wilhelm Tell damals zum Gähnen langweilig, doch jetzt macht’s plötzlich richtig Spaß. Woran liegt’s?

Coralie: Fand Schullektüre auch immer öde; Schullektüre bedeutet Lesen unter Notendruck. Wie, bitteschön, soll da Spaß aufkommen?

Céline: Nach vorne an die Spitze, Tell, wie eben! Geh du uns all’n voran!

Juliette: Seht, ich tu’s.

Nathalie: Flink, geschwind, die Armbrust; bald schnaubt des bösen Geßlers Pferd!

Juliette: Oh, unerschrockene Eidgenossen, gegen Habsburgs Tyrannei, vernehmet frohe Kunde:

Durch diese hohle Gasse muss er kommen.

Es führt kein andrer Weg nach Küßnacht. Hier –

Vollend ichs – Die Gelegenheit ist günstig.

Erstaunlich, wie viel manchmal von einst einschläfernden Texten hängenbleibt.

Madeleine:

DER LANDVOGT KOMMT!

Juliette: Blöke er nicht rum, Armgard, was soll’n nur die Leute denken?

Madeleine:

DER LANDVOGT KOMMT!

VERD*MMT, SCHAU HIN!!!!!

Juliette: AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAHHHHHHHHHH!!!!!

Nathalie: Sche*ße…selbst auf die Entfernung…das ist doch…

Juliette: AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAHHHHHHHHHH!!!!!

Anwohner aus dem Fenster: BRAUCHT IHR DA UNTEN HILFE, MÄDELS? WARTET, ICH HOL MEINEN TELESKOPSCHLAGSTOCK!

Alle: NEEEEEIIIIINNNNN!!!!!

Coralie: Oh, mein Gott, Mädels, was machen wir bloß?

Madeleine: Umdrehen und davonlaufen!!!!!

Aurélie: Ernsthaft? Möchtest du dir vor ihr DIESE Blöße geben?

Céline: Und überhaupt, sinnlos, sie joggt täglich fünfzehn Kilometer Turbotempo – bei Wind und Wetter!

Coralie: Was glaubst du wohl, wie flink die uns einholt; und das würde dann erst richtig peinlich.

Nathalie: Dito. Stellen wir uns mutig der Auseinandersetzung.

Juliette: Ich will nicht, dass die jetzt da ist!!!!!

Angélique: Na, daaaaas ist aber echt ein ulkiger Zufall! Constanzes keck entsprungene Ehrenjungfern, ihr hier unterwegs? Lang, lang ist’s her.

Als ich euch letztes Mal erblickte,

Weiltet ihr charmant am Hofe.

Jetzt, zur Frühlingsjahreszeit,

in der zarte Blüten duftend sprießen,

begegnen wir uns wieder.

Juliette: Spar dir poetisches Gesülze für deine Liebste auf.

Angélique: Ehefrau. Parlieren abtrünnige Hofdamen wenigstens noch à la mode?

Céline: Du trägst une bague de mariage? .

Coralie: Bernadette und du, ihr seid un couple mariée?

Angélique: Bin wahrlich agréablement surprise. Hatte nach über zwei Jahren Abwesenheit ehrlich gesagt grässliches Denglisch befürchtet. Depuis cinq semaines, frisch vermählt sozusagen.

Aurélie: Glückwunsch!

Angélique: Dankeschön!

Nathalie: Wie denkt Dennis Kevin darüber?

Angélique: Dennis Kevin? Was soll Dennis Kevin groß sagen? Gegen wilde, leidenschaftliche Frauenliebe vermögen selbst absolutistische Herrscher nichts auszurichten.

Anwohner aus dem Fenster: STRESST DIE BLONDE MIT DEM PFERDESCHWANZ RUM? WARTET, ICH KOMM MIT DEM TELESKOPSCHLAGSTOCK RUNTER!

Juliette, Céline, Madeleine, Coralie, Aurélie, Nathalie: NEEEEEIIIIINNNNN!!!!!

Angélique: Na, na, na, erlebten wir hier etwa den Versuch eines ausländerfeindlichen Gewaltakts mitten in Deutschland? Bin choquée.

Madeleine: Quatsch keine Opern, Angélique.

Angélique: Nicht mal mehr in deiner standesgemäßen Kleidung kannst du dich als Hanau-Münzenbergische Staatsbürgerin nach Nieder-Roden wagen. Aus Angst vor Übergriffen trägt Amalias Gemahlin notgedrungen ihre Joggingsachen. Eine Schande pour Allemagne.

Juliette: Hatte Amalia die Scheidung eingereicht?

Angélique: Wozu? Bei Ludwig XIV. ging’s schließlich ebenfalls.

Aurélie: Du meinst, diese morganatische Zweitehe mit Françoise Aubigné Marquise de Maintenon?

Angélique: Constanzes Gattin blickt wirklich stolz auf euch, Mädels. Euer am Hof erworbenes Wissen sitzt vortrefflich. Ludwig XIV. – Maß aller Dinge. Und deshalb nennen Bernadette und ich es liebevoll Versailles en miroir.

Madeleine: Versailles spiegelvekehrt?

Angélique: Heißt schlicht und ergreifend, was dem französischen König 1683/1684 recht war, ist der Hanau-Münzenbergischen Gräfin 2024 billig. Wie pflegt Seine Durchlaucht avec plaisir zu sagen?

Céline: „Auch der Absolutismus muss mit der Zeit gehen. Die ‚Amish‘ nutzen klugerweise auch Züge als modernes Fortbewegungsmittel.“ Daher kommt es Touristen fälschlicherweise Anachronismen gleich, wenn sie in der Grafschaft Hanau-Münzenberg wie um 1775/1780 gekleidete Personen mit Handy am Ohr erspähen.

Juliette: Es erwies sich im Mai/Juni 1789 tatsächlich als fataler Fehler, dass man berechtigten Forderungen nach Neurungen von vornherein schroffe Absagen erteilte.

Juliette: Weshalb Dennis Kevin am 30. Oktober 2017 nach glorreicher Rückkehr vom Balkon des Neustädter Rathauses ins dahinter befindliche Zimmer auf die Frage eines eng vertrauten Offiziers, „Sag, ‚Koba‘, was tun wir jetzt?“, antwortete: „Genosse Premier-Lieutenant, wir machen mit einem angepassten Absolutismus dort weiter, wo der alte 1789 versagt hat.“

Angélique: Rückkehrtest bravourös bestanden. Als ob ihr nie entlaufen wärt. Einmal Hofdame, immer Hofdame.

19. 06. 2026

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