Fotogeschichten

III – #11 – DN

Szene XI: Panische Angst vor dem Sonnenkönig

1573 Wörter, 8 Minuten Lesezeit.

3 Fotos.

Friederike: RB61 rollt wieder. Was für ein Idiot.

Fiona: Obwohl, er lag keineswegs verkehrt.

Friederike: Inwiefern?

Fiona: Praktisch könnte jeder antanzen, irgendeine Epoche zum Dogma erheben, sie für eigene politische Zwecke nutzen. Je nach Gusto.

Friederike: Du meinst, in Mexiko beispielsweise gründet Señor Martínez eine Azteken-Partei? Gewinnt sogar wider Erwarten?

Fiona: Volltreffer.

Friederike: Unter tosendem Jubel verkündet Señor Martínez: „Nun werden wir endlich jene blühende Hochkultur wieder auferstehen lassen, welche die bösen goldgierigen Spanier 1521 mutwillig zerstörten!“

Fiona: Viva el nuevo Reino de los Aztecas!

Friederike: Señor Martínez, erster Aztekenherrscher seit 1525.

Fiona: Viva Cuauhtémoc II.!

Friederike: Mexikaner tragen dieselbe Kleidung wie einst die Azteken zur Zeit der spanischen Ankunft. Ganze Stadtteile von Ciudad de México verschwinden, entstehen als originalgetreues Tenochtitlan neu.

Fiona: Wobei blutige Opferzeremonien hoch oben auf dem Templo Mayor am scharfen internationalen Protest scheitern dürften. Egal. Jedenfalls, du weißt, Axels Berichten zufolge argumentiert Kloster Ilbenstadt auf dem Lützelbacher Bauernhof verblüffend ähnlich.

Friederike: Allerdings missfällt Friederike plumpes Vokabular zutiefst. Weshalb Friederike sich auch nicht auf Kuhknecht-Niveau darüber unterhält. Friederike ist immerhin Künstlerin. Belegt in der Oberstufe Kunst als Leistungsfach.

Fiona: Niemand zwingt dir Axels Kneipenjargon ab. Drück dich als Kreative einfach in deiner eigenen Sprache aus.

Friederike: Dann natürlich.

Fiona: Perfekt.

Friederike: Nun, im höfischen Frankreich des 18. Jahrhunderts lief alles gut, solange dem gesellschaftlichen Mode- und Stilideal der Galanterie verpflichtete Maler ihre Werke auf Leinwand schufen. Nehmen wir zum Beispiel Antoine Watteau, für dessen unbeschwerte Liebespaare auf L’embarquement pour l’île de Cythère, entstanden 1717, die Welt ausschließlich aus Schönheit, Glück und Glanz zu bestehen scheint. Oder François Bouchers La Toilette de Vénus von 1751, wo die weibliche Aktfigur lässig und verträumt auf einem Sofa sitzt.

Fiona: Aaaaahhh, klingeling, deshalb wirbt Hanau damit auf dem Flyer.

Bienvenue au Pays de la Galanterie!

Friederike: Exakt. Dann der Absturz. Jacques-Louis David greift 1787 zum Pinsel, meint, mit Les licteurs rapportent à Brutus les corps de ses fils auf klassizistische Weise gesellschaftliche Umwälzungen andeuten -wenn nicht gar aktiv herbeirufen- zu müssen. Und weil Frankreichs königliche Kulturverwaltung im September 1789 auf öffentlichen Druck hin die Ausstellung des Werks im Salon de Paris schließlich doch erlaubt, kollabiert das seit dem 14. Juli ohnehin angeschlagene ancien régime 1792 endgültig. Dies wäre nie geschehen, hätte in jenem September 1789 von David eine kapriziöse La Toilette de Vénus im Stile Bouchers im Saal gehangen. Fazit. Letztlich führte allein Davids künstlerische Ausrichtung zum Sturm auf die Bastille.

Fiona: Wow, dein Bildervergleich, möchte am liebsten ewig zuhören. Kunst – ein unglaublich spannendes Thema. Also. Fürs Kloster Ilbenstadt steht somit der Sündenbock fest. David, Hauptschuldiger am Untergang der alten, wesentlich besseren europäischen Kultur – so wie Spanien das kulturell fortschrittliche Mesoamerika vernichtet hatte.

Friederike: Das Problem an solch gewagten Hypothesen, Davids Autobiographie von 1793 liefert null Hinweise auf revolutionäre Absichten; über Les licteurs rapportent à Brutus les corps de ses fils schreibt er lediglich:

Ce tableau est peutêtre le plus profondément et le plus philosophiquement pensé. Il [David] a eu l’art de mêler le terrible et l’agréable dans l’attitude de
Brutus, dans la douleur concentrée et la sensibilité de la mère et de ses jeunes petites filles qui viennent se réfugier dans son sein, et qui ne peuvent supporter l’horreur qu’elles éprouvent à l’aspect du corps de leurs frères morts

Vielmehr geht es um Tiefgründigkeit und Philosophie im künstlerischen Denken, um anschauliche Darstellung konkreter dramatischer Momente. Von Umsturzplänen keinerlei Spur.

Fiona: Quelle?

Friederike: Link geschickt.

Fiona: Hab ihn.

https://archiv.ub.uni-heidelberg.de/artdok/8561/1/Baetschmann_Jacques_Louis_Davids_paintings_in_the_Salon_of_1789_1991.pdf: III – #11 – DN

Friederike: Passage gefunden?

Fiona: Gefunden. Ok, in Ilbenstadt interpretiert man das gewiss anders. Allerdings…eine seltsame Widersprüchlichkeit besteht.

Friederike: Heißt?

Fiona: Einerseits, erzählt Axel, lebe und propagiere Ilbenstadt Versailles, anderseits bliebe jedoch völlig offen, WARUM das ancien régime als so mustergültig gilt; so mustergültig, dass Schloss Philippsruhe -Triebfeder und zugleich tragende Kraft dieser neo-absolutistischen Bewegung- unsere Geschichtsuhr partout dorthin zurückstellen will. Ohne solide Begründung kein rechtmäßiger Anspruch – oder?

Friederike: Und ohne rechtmäßigen Anspruch verschwimmen beim Beschwören historischer Abschnitte letzten Endes die Konturen. Wegen der regionalen Nähe zur Keltenwelt am Glauberg könnten sie in Schloss Philippsruhe theoretisch ebenso gut einen auf Keltenreich machen anstatt auf Grafschaft Hanau-Münzenberg.

Fiona: Sozusagen.

Friederike: Muss aber trotz dieses offensichtlichen Schwachpunkts gestehen, die Aufmachung des Flyers, ansprechend gelungen.

Fiona: Vertraut man den Abbildungen, läuft Hanau äußerst bereitwillig wie im Rokoko-Zeitalter herum.

Friederike: Nach künstlich gestellten Aufnahmen schaut’s nicht aus.

Fiona: Im Gegenteil.

Friederike: Authentische Begeisterung pur.

Fiona: Halt fraglich, ob alle auch den wahren Sinn ihrer Bekleidung verstehen; oder bloß deshalb freudig strahlen, weil Graf Dennis Kevin I. das 18. Jahrhundert als Nonplusultra verkauft.

Frau: Ach, lesen Sie zufällig auch diese Broschüre?

Friederike: Sie auch?

Frau: Der charmante Grenzbeamte hatte sie uns eben überreicht.

Fiona: Uns auch.

Frau: Darf ich mich ein bisschen zu Ihnen setzen?

Friederike: Gerne.

Frau: Und entschuldigen Sie bitte das unmögliche Verhalten; mein Göttergatte reagiert manchmal etwas über.

Fiona: Kein Ding.

Friederike: Kennen Sie eigentlich die Grafschaft Hanau-Münzenberg?

Frau: Indirekt. Bis Mitte Oktober 2017 ging ich zwar häufig in Hanau einkaufen, die Grafschaft selbst entstand aber erst kurz darauf. Sie?

Fiona: Dann auch indirekt. In der Grundschule besuchten wir zweimal Hanaus Märchenspiele – Das tapfere Schneiderlein und Rapunzel.

Frau: Ach, wie schön!

Friederike: Bei uns Frau Holle und Rumpelstilzchen.

Frau: Ach, wie schön!

Fiona: Die Brüder Grimm Festspiele gehörten einfach dazu.

Friederike: Damals stand Schloss Philippsruhe noch als ganz normales Schloss. Mit Museum und Standesamt.

Frau: Bis am 30. Oktober 2017 ohne jede Vorwarnung jener neue Staat aus dem Boden hervorschoss; danach fehlte mir für weitere Shoppingtouren weiblicher Mut.

Fiona: Wer überquert 2025 überhaupt noch regelmäßig den Main – abgesehen von wenigen verbliebenen Grenzgängern?

Frau: Fände es dennoch megaspannend, besagte Parade hautnah mitzuverfolgen. Hanau hat sich mittlerweile bestimmt sehr verändert.

Friederike: Würde Trump wahnsinnig gerne erleben.

Fiona: Dito. Wann bieten sich schon Gelegenheiten, den 47. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika wenige Kilometer entfernt in schillernd-barockem Kleidungsstil zu bewundern?

Friederike: Trumps majestätische Pose auf diesem Flyer-Foto erinnert spontan an Hyacinthe Rigauds berühmtes Werk. Ludwigs XIV., gemalt um 1701/02. Einziger Unterschied, auf dem feinen Stoff befinden sich lauter amerikanische Flaggen anstatt Bourbonenlilien.

Fiona: Witzig, faszinierend, provokativ sowie verstörend zugleich.

Friederike. Überlegen ja sowieso, uns dort mal umzusehen. Du sagtest vorhin in Ober-Roden: „Eigentlich könnten wir unsere im Sommer geplante Südostasien streichen. Die hier entstandenen absolutistischen Staaten bieten wahrlich Abenteuer genug.“

Fiona: Und du antwortetest: Ne, echt? Oh, wie cool!“

Friederike: Apropos Ober-Roden, soeben rollen wir in den Bahnhof ein.

Frau: Steigen Sie ebenfalls aus?

Fiona: Neu-Isenburg.

Friederike: Wir könnten Hanau gemeinsam erkunden. Ihre Mutter besitzt Kontakte zur gräflichen Grenzbehörde; beim Thema Einreise sicherlich vorteilhaft.

Frau: Klingt aufregend. Zusammen mit anderen Frauen in einem undurchsichtigen Land, da fühle ich mich gleich viel sicherer. Oh, nein, die Bahn hält, sorry.

Fiona: Wir springen zum Nummernaustauschen rasch mit raus und nehmen die Nächste.

Frau: Supi!

*****

Fiona: Sonja kommt total sympathisch rüber.

Friederike: Hoffentlich bleibt ihr Mann daheim.

Fiona: Obwohl, er lag keineswegs verkehrt.

Friederike: Was schaust du so nachdenklich in diese Richtung?

Fiona: War schon ein irrationales Zugerlebnis.

Friederike: Der Grenzbeamte?

Fiona: Ja, blicke leicht irritiert RB61 hinterher -obwohl sie ja eigentlich längst unseren Blicken entschwunden ist- und überlege:

„Ernsthaft, Fiona. Hast du unterwegs nur wirres Zeug geträumt? Oder ist Mamas ‚Schnattchen‘ heute tatsächlich durch eine normalerweise zwar längst vergangene, aber plötzlich dennoch irgendwie real gewordene Ära gefahren?“

Friederike: Bizarr trifft barocke Live-Auftritte wohl am ehesten.

Fiona: Ohja.

Friederike: Wollen wir bereits in den stehenden Zug nach Neu-Isenburg einsteigen?

Fiona: Fährt doch erst in dreißig Minuten. So wunderbares Wetter, auf, wir gehen ein Stück den Bahnsteig entlang und checken Sonjas Clip auf Instagram.

Friederike: Machen wir.

*****

Friederike: Ist ja irre.

Fiona: Münsters Durchgangsstraße.

Friederike: Überall ausgelassene Passanten.

Fiona: Etliche tragen Barockkostüme.

Fiona: Barocke Partystimmung.

Friederike: Aus den Häusern hängen Fahnen.

Fiona: Nanu, wieso schwenkt die Kamera so abrupt?

Friederike: DIE AMERIKANER KOMMEN!!!!!

Fiona: DIE AMERIKANER KOMMEN!!!!!

Friederike: Berittene Offiziere ziehen voran, gefolgt von einer großen Militärkapelle. Dahinter marschiert das Regiment. Du denkst prompt an Filmszenen, die im 18. Jahrhundert spielen. Oberkrass!!!!!

Fiona: Sonja hat den Marschtitel unten ins Video geschrieben. The World Turned Upside Down.

Friederike: Jubelnde Zuschauer. Fröhliche Anwohner werfen Blumen aus weit geöffneten Fenstern.

Fiona: Eins ist klar. Das Datum, 02. März 2025 – in Münster und Umgebung vorab bekannt. Sonst wäre Sonja nicht von Ober-Roden hingefahren, um für Social Media zu filmen.

Friederike: Klar wie Kloßbrühe.

Fiona: Darüber muss sie uns nächste Woche unbedingt näheres berichten. In Münster scheint der absolutistische Bär gesteppt zu…

Friederike: STOPP!!!!! DAS BAHNSTEIGENDE!!!!!

Fiona: OH, MEIN GOTT!!!!!

Friederike: Puh, das war knapp, in aller letzter Sekunde gemerkt!!!!!

Fiona: Stehe unter Schock!!!!!

Friederike: Meine Güte, beinahe heruntergepurzelt!!!!!

Fiona: Ärzte im Krankenhaus hätten sämtliche Knochen zusammenflicken müssen!!!!!

Friederike: Alles nur wegen des Absolutismus. Ich meine, wenn Fiona und Friederike sich wegen des ancien régime schon in Deutschland fast das Genick brechen, was erwartet beide dann erst in der Ludwig XIV. verherrlichenden Grafschaft Hanau-Münzenberg?

Fiona: Los, zurück.

Friederike: Einverstanden.

Fiona: Verd*mmt, geht’s nicht flotter?????

Friederike: Locker bleiben.

Fiona: Locker bleiben????? Wir müssen sofort in unseren Zug rein!!!!!

Bevor auf Ober-Rodens Bahnsteig von oben der absolutistische Himmel zuschlägt!!!!!

Friederike: Überredet, nichts wie weg!!!!!

Fiona, Friederike: Uuuuunnnd LOS!!!!!

Fiona: OH, MEIN GOTT, LUDWIG XIV., ER WIRD UNS MIT SEINER SONNE TÖTEN!!!!!

Friederike: Gottseidank, die Wagentüren geöffnet!!!!!

Durchhalten, Colombina!!!!!

Fiona: OH, MEIN GOTT, DULCINEA, ER WIRD UNS TÖTEN!!!!!

Friederike: Drinnen!!!!! Geschafft!!!!! Wie durch ein Wunder!!!!!

Fiona: Bin völlig kaputt. Eins weiß ich, Hanau NUR im anti-absolutistischen Sicherheitsanzug.

Ende Erzählrunde 3

31. 07. 2026

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