Szene III: Glatt übersehen oder Bukowski-Freundinnen
851 Wörter, 5 Minuten Lesezeit.
2 Fotos.
Fiona: Am besten gleich die Plätze. Magst du ans Fenster?
Friederike: Ja, vorne. Friederike hat bekanntlich noch nie hinten gesessen.
Fiona: Fiona läuft jetzt nicht in Stöckelschuhen durch den fahrenden Zug! Das ruckelt doch ständig! Außerdem bekommt sie davon Bauchschmerzen!
Friederike: Friederike möchte sich aber unbedingt nach vorne begeben!
Fiona: Keine Widerrede – darfst auch ans Fenster!
Friederike: Oh, mein Goooooott, diese Eisenbahnfahrt wird ganz und gar schreeeeecklich werden!!!!!
Fiona: Unser Waggon, menschenleer. Visumspflicht wirkt scheinbar für viele abschreckend.
Friederike: Find’s dermaßen ungerecht, weshalb brauchen wir kein Transitvisum für Dudenhofen?
Fiona: Die 2024 geplante Einführung scheiterte am massiven örtlichen Widerstand; der gesamte Rodgau ging damals auf die Barrikaden.
Friederike: Erinnere mich. Ja, der Rodgau, der kämpft.
Fiona: Hoffentlich macht Münster es nach.
Friederike: Erzähl, was weißt du über die Grafschaft Ysenburg-Philippseich? Hast dir doch in Rockenberg auf dem Schwarzmarkt das Smartphone mit Hanau-Münzenbergischen Apps drauf geholt.
Fiona: Warte…eventuell informiert die Homepage des Schlosses… such, such, such, such…du meine Güte!
Friederike: Was?
Fiona: Sieh dir die beiden an.
Friederike: Wer soll das denn sein?
Fiona: Der frisch gekürte Graf samt Gattin.
Friederike: Hahahahaha, die Perücke von dem Typ, wie die von Ludwig XIV.; und seine Frau ähnelt auffallend stark Francoise d’Aubigné Marquise de Maintenon, überwiegend unter dem Namen Madame de Maintenon bekannt. Endlich zahlt’s sich aus, dass unser Geschichtslehrer im Unterricht gerne mit Bildern arbeitet.
Fiona: Gib acht. Fasse zusammen. Laut Webseite entstand die historische Grafschaft Philippseich 1711 als Teil der Grafschaft Ysenburg-Offenbach, umfasste die Orte Götzenhain, Offenthal, Sprendlingen, Urberach uuuuund…Münster.
Friederike: Klingeling!
Fiona: Als solche existierte sie bis 1806. Nun wird’s interessant.
Friederike: Lausche gespannt.
Fiona: Weil die Familie Ysenburg den Nachkommen aus der Ehe zwischen Graf Georg August zu Ysenburg-Philippseich und Teresa Burkart jegliche Anerkennung als ebenbürtig versagte, erlosch gemäß offizieller Lesart damit zugleich der Adelstitel Graf zu Ysenburg-Philippseich. In einem feierlichen Akt wurde daher am 23. Februar 2025 die Rechtsnachfolge von Seiner Durchlaucht Dennis Kevin I. von Gottes Gnaden Graf von Hanau-Münzenberg an Louis Bertrand Hugo Marquis d’Arrêche Beaufort, langjähriger treuer Weggefährte, übertragen.
Friederike: Nem Franzosen?
Fiona: Louis Bertrand Hugo Marquis d’Arrêche Beaufort Graf zu Ysenburg-Philippseich.
Friederike: Immerhin, wir wissen, wo unsere vierzig Euro landen.
Fiona: Axel behauptet, jene mit Präsident Trump koordinierte Aktion am Karnevalswochenende verfolge das Ziel, alte, im Lauf der Geschichte abhanden gekommene Ysenburgische Bezeichnungen mittels Titelkauf zu reaktivieren und an verdiente Günstlinge zu verteilen.
Friederike: Ernsthaft?
Fiona: Axel will in Lützelbach belauscht haben, am Hanau-Münzenbergischen Hof gäre es seit längerem erheblich. Zahllose in- und ausländische Adlige mit Einfluss hielten sich seit 2017 im Nouveau Château de Versailles als Höflinge auf, Glücksritter, allesamt in der festen Zuversicht, über den strahlenden Sonnengraf vom Main alte Feudalrechte zu ergattern. Oft ertrügen sie dafür beengte Zimmer, teilweise sogar schäbige Rumpelkammern. Das Schloss platze nämlich aus allen Nähten.
Friederike: Goldgräberstimmung gekippt. Schloss Philippsruhe muss liefern.
Fiona: Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft. Ansonsten, meint Axel, stünde die Grafschaft Hanau-Münzenberg bald ohne diese wichtigen blaublütigen Stützen des absolutistischen Systems da. Folglich fordere man von Berlin Gebietsabtretungen; was freilich politisch ausschließlich mit Hilfe des mächtigsten Mannes der Welt durchzusetzen sei.
Friederike: Abgesehen davon, dass ich nur auf Frauen stehe, stehen Männer, welche sich freiwillig auf unfreien Bauernhöfen als Kuhknechte verdingen, nicht sonderlich hoch im Kurs bei mir.
Fiona: Axel ist ok. Freue mich total für Mama. Wem schreibst du?
Friederike: Eifersüchtig, Zuckerpuppe?
Fiona: Rasend, Sahnetorte!
Friederike: Larissa.
Fiona: Konkreter.
Friederike: Treffen pünktlich auf die Minute ein, Cousinchen.
Fiona: Stadtbummel zu dritt, wirklich keine ideale Lösung.
Friederike: Die Arme quält sich mitten in den Osterferien. Alles bloß wegen diesem A*rsch! Larissa sucht Aufheiterung.
Fiona: Ihr hättet ebenso gut zu zweit nach Darmstadt gekonnt.
Friederike: Benötige dich engumschlungen an meiner Seite, Herzblatt.
Fiona: Ich dich auch, Süßer Fratz. Aber im Herrengarten soll sie bitteschön allein herumspazieren; schließlich möchte ich dich dort unbedingt küssen.
Friederike: Tu’s auf Vorrat. Eh keiner außer uns im Abteil. Von einem Zugbegleiter beziehungsweise einer Zugbegleiterin ebenfalls weit und breit…
Fiona: Pssssst…küssen…
Friederike: …meine Blume…
*****
Fiona: …deine sanften Lippen…
Friederike: …noch fester küssen…bitte…
Fiona: …was ist, Zuckerwatte?…
Friederike: …du bist doch bei mir, Honigbärchen?…
Fiona: …halt mich noch enger…
Friederike: …grrrrrrrrrr…heute abend…
Fiona: …grrrrrrrrr…
Fiona, Friederike: …grrrrrrrrrr…
*****
Fiona: …ich liebe dich auch über alles…
Friederike: …du…der Zug fährt langsamer.
Fiona: Erreichen jeden Augenblick Eppertshausen.
Friederike: Klitzekleine Kusspause. Vielleicht steigen vor Dieburg ja doch noch welche zu.
Fiona: Stimmt.
Friederike: Komisch.
Fiona: Komisch?
Friederike: Oh, mein Gott, wir sind längst an Eppertshausen vorbei. Das ist schon Münster.
Fiona: Vor lauter quatschen und knutschen.
Friederike: Frauen, echt.
Friederike, Fiona: Hihihihihihihihihihi!
Fiona: Die Bahn hält.
Friederike: Keinerlei Durchsagen. Kein Grenzpersonal erscheint zum Kontrollieren.
Fiona: Münsters Bahnsteig, menschenleer.
Friederike: Heruntergekommene Station.
Fiona: Hässliche Graffitis. Schade irgendwie.
Friederike: Seit Jahren so. Entfernen kostet ne Stange Geld.

It’s not pretty
Fiona: Heyyyyy, Kätzchen, du kennst I Met A Genius?????
Friederike: Best modern poem ever, princess.
Fiona: Schnell, lass mich an deinen Fensterplatz, muss unbedingt das Gedicht fortsetzen.
Friederike: Beeil dich, RB61 rollt wieder.
Fiona: Ok, sitze bequem. Also.

It was the first time I’d
Realized
That
26. 03. 2026
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