Szene IX: Kabale und Liebe
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Ex-Hofdame Fabienne: So komfortabel und warm im Auto drinnen.
La Pompadour: Hab ich’s nicht gesagt?
Ex-Hofdame Fabienne: Viel besser zum Plaudern.
La Pompadour: Du darfst dich für unser…naaaaa…du weißt schon… tête-à-tête…gerne super eng an mich kuscheln.
Ex-Hofdame Fabienne: Ach, Angélique…
La Pompadour: Perfekt für dich so, Maus?
Ex-Hofdame Fabienne: Jaaaaa.
La Pompadour: Weißt du, Maus, missgünstig gesinnte Menschen kannte bereits das historische Versailles Ludwigs XIV.. Warum also sollte Das neue Versailles am Main eine Ausnahme bilden?
Ex-Hofdame Fabienne: Ja, das Getratsche nervt total.
La Pompadour: Und Dennis Kevin prahlt: „Voilà, c’est authentique!“ Vollkommen falsches Signal. Jedenfalls, in Schloss Philippsruhe intrigieren zahlreiche Hofschranzen, mit denen nicht gut Kirschen essen ist. Sei ehrlich, was lästern böse Zungen über Angélique?
Ex-Hofdame Fabienne: Na jaaaaa…
La Pompadour: Sieh mich bitte fest an.
Ex-Hofdame Fabienne: Na ja, du hättest Amalia raffiniert angemacht, nur, um bei einer reichen, deutlich älteren Frau Luxus und Privilegien abzustauben. Äääääh…und du seist unersättlich… wenn Bernadette erschöpft ausfällt, hüpfe umgehend La belle Clothilde zu dir ins Bett.
La Pompadour: Danke für deine Offenheit. Ja, solche Geschichten kursieren – und sie schmerzen. Ich möchte dir etwas Tiefprivates erzählen.
Ex-Hofdame Fabienne: Echt?
La Pompadour: Weil ich der Palastdame Fabienne vertraue.
Ex-Hofdame Fabienne: Erzähl.
La Pompadour: Skrupellose Lügen, wenn jemand behauptet, Madame l’insatiable aka La Pompadour hätte sich schnöden Vorteils wegen berechnend an Bernadette rangeschmissen. Was ich der Ehrenjungfer Fabienne nun sage, darüber wissen lediglich Amalia sowie Adélaide Bescheid. Du hältst sicherlich dicht, Kuschelmaus?
Ex-Hofdame Fabienne: Ehrenwort.
La Pompadour: Kein Außenstehender vermag auch nur annähernd nachzuvollziehen, wie furchtbar verwahrloste Kinder alkoholkranker Eltern leiden.
Ex-Hofdame Fabienne: Oh, mein Gott, Angélique, davon wusste ich nichts!
La Pompadour: Vom Jugendamt in Obhut genommen, kam ich mit Acht ins Heim, mit vierzehn in eine Mädchensozialeinrichtung. Diese furchtbaren einsamen Phasen zerfressen dich. Immer wieder. Immer wieder. Unerbittlich. Du drehst fast durch, kannst einfach nicht mehr. Sche*ße, sorry, es tut so weh!!!!!
Ex-Hofdame Fabienne: Weine nicht, Mary Robinson…hier…ein Taschentuch.
La Pompadour: Du bist so süß! Und mit siebzehn haust du heimlich ab, steigst an der Hauptwache in die erstbeste S-Bahn, zufällig die S8, landest dreißig Minuten später in Hanau Hauptbahnhof. Das war ja 2019, vor Corona, als noch zum Einreisen ein Reisepass genügte. Nichtsdestotrotz, Riesenglück, der Grenzbeamte vergisst die schriftliche Einverständniserklärung. Bald findet sich Frau Ausreißerin verzweifelt am Schlosstor wieder, eine kleine Anstellung erhoffend, vielleicht dazu ein Dach über dem Kopf. Und dann eilt er herbei, jener märchenhafte Zufall, mit dem Hollywood Kinokassen füllt. Ich schwöre, während ich an die Wachsoldaten herantrete, rattert auf der Philippsruher Allee Constanzes Kutsche heran. Wegen des Toreingangs verlangsamt das Gefährt, rollt im Schritttempo an der Bittstellerin vorbei. Bernadette nimmt Angélique wahr, schaut aus dem Fenster herunter; Angélique nimmt Constanze wahr, schaut zum Fenster herauf. Entflammte Magie!
Ex-Hofdame Fabienne: Am Hof wird verbreitet, in vollster Kenntnis über Constanzes Neigung seist du per S-Bahn regelmäßig nach Hanau gependelt, hättest in Kesselstadt geduldig den richtigen Zeitpunkt abgepasst, knallenge Leggings, bauchnabelfreies Top, aufgedonnert bis zum geht nicht mehr.
La Pompadour: Fake News. Solcher Fummel wäre am Schlosstor kaum zehn Sekunden geduldet worden. Seit nunmehr drei Jahren laufen Intrigen gegen mich. Faktencheck. Constanze, von heftiger Liebesglut erfasst, warb lange um meine Gunst; und ich machte es trotz eigenen glühenden Verlangens wahrlich kompliziert. Brüder Grimm’sches Maison du Café kennst du.
Ex-Hofdame Fabienne: Logisch, am Neustädter Rathaus, dem Sitz der Reunionskammer.
La Pompadour: Bernadette vermittelt dort eine gutbezahlte Arbeit als Bedienung, besorgt in Maintal passende Räumlichkeiten.
Ex-Hofdame Fabienne: Amalia besitzt ein großes Herz.
La Pompadour: Achtung, wichtige Ansage! An sämtliche Feinde im Nouveau Château de Versailles! Obgleich Angélique Ihrer Durchlaucht Bernadette Constanze Amalia Gräfin von Hanau-Münzenberg Gräfin von Bernstein-Mechthild ALLES verdankt, möchte sie NIE den Anschein erwecken, dafür in irgendeinem Abhängigkeitsverhältnis zu stehen. Annähernd sieben Monate spiele ich die Stolze, mime die Hochmütige. Demütige. Blamiere. Kränke. Dennoch, bisweilen geben mehrmals vor versammelter Hofgesellschaft brüsk Abgewiesene keineswegs auf, bleiben voller Sehnsucht dran, sanft, unaufdringlich, warten, ermutigen. All dies imponierte mir, stärkte mein Selbstbewusstsein.
Ex-Hofdame Fabienne: Du bist unglaublich stark.
La Pompadour: Und irgendwann lacht morgens das Kalenderblatt fröhlich:„Hallo, und Herzlichen Glückwunsch, liebe Angélique! Wir zählen den 22. September 2020!“ Bernadette spürt, heute erlöst Angélique sie vom qualvoll verzehrenden Kummer. Sie lädt das Geburtstagskind zu einem speziellen Rendezvous im Staatspark Wilhelmsbad, holt ihre Angebetete am Bahnhof Wilhelmsbad ab, von wo aus wir Händchen haltend Richtung Parkgelände schlendern.
Ex-Hofdame Fabienne: Oh, wie süüüüüüüüüüß!
La Pompadour: Plötzlich geschieht etwas total Witziges.
Ex-Hofdame Fabienne: Erzähl.
La Pompadour: Stell dir vor. Zum Bersten vollgestopft mit kochenden weiblichen Emotionen entgeht Angélique beim Betreten des Parkgeländes der ringsum entstehende Gitterzaun; obwohl Bernadette eigenhändig die rot-weiße Banderole hochhebt.
Ex-Hofdame Fabienne: Der jetzige Schlosszaun?
La Pompadour: Genau. Die im September 2020 größtenteils noch bestehenden Baulücken ersetzen deshalb provisorisch befestigte Absperrbänder samt entsprechenden Hinweisschildern:
Zutritt verboten!
Was ich völlig Benebelte aber erst später realisiere.
Ex-Hofdame Fabienne: Verstehe.
La Pompadour: Aufgepasst. Ausgerechnet an DEM Tag versäumt der beauftragte Sicherheitsdienst, Wilhelmsbads Staatspark nach verbotswidrig durchgeschlüpften Besuchergästen abzusuchen.
Ex-Hofdame Fabienne: Peinlich.
La Pompadour: Peinlich? Absicht, Kuschelmaus! Also, wir steuern geradeaus das Hauptgebäude an.

Hierbei bemerke ich im rechten Blickwinkel eine gemütlich in der Sonne dösende Besucherin.
Ex-Hofdame Fabienne: Hihihihihi!
La Pompadour: „Sieh dir die auf der Sitzbank an!“ „Na, der werd ich helfen!“ Furie Amalia stürmt los – aber wie!
Ex-Hofdame Fabienne: Hihihihihi!
La Pompadour: Kehrt alsbald beruhigt zurück, und wir beginnen albern zu kichern. Tun affig wie Verschwörerinnen. Schlagartig kehrt Stille ein…zwei von Aphrodites unabwendbarem Zauberspruch getroffene Seelen sehen scheu einander an…behutsam…sacht… zärtlich zieht Amalia Angélique…nahe zu sich heran…
Ex-Hofdame Fabienne: …Mary Robinson…aber…
La Pompadour: …zart verschmelzen hauchdünn gespreizte Lippen…
Ex-Hofdame Fabienne: …ich…ich…
La Pompadour: …gaaaaanz zart…
Ex-Hofdame Fabienne: …meine Mary Robinson…OH, MEIN GOTT!!!!!
Marquise d’Auteuil-Billancourt: Oh là làààààààààà!
La Pompadour: Menschlich, Kuschelmaus. Die Aufregung. Ma chère, peux-tu baisser rapidement les vitres, s’il te plaît?
Marquise d’Auteuil-Billancourt: Constance ne va quand même pas devenir jalouse?
La Pompadour, Ex-Hofdame Fabienne: Hihihihihi!
Ex-Hofdame Fabienne: Es ist unendlich intim zwischen uns.
La Pompadour: Wie bei den zwei Mädels im Zimmer auf Francois Bouchers Gemälde La Toilette von 1742?
Ex-Hofdame Fabienne: Aaach, Angéliiique…
La Pompadour: Bin sicher, Kuschelmaus, die haben auch das eine oder andere Mal voreinander gepupst, wenn’s notwendig war.
Ex-Hofdame Fabienne: Mein schnuckliges Rokokozimmer…meine edle Garderobe…
La Pompadour: Ich weiß, Kuschelmaus, ich weiß. Wird geregelt. Du, aber wir sind ein bisschen vom Thema abgekommen, stimmt’s?
Ex-Hofdame Fabienne: Ja, irgendwie.
La Pompadour, Ex-Hofdame Fabienne: Hihihihihi!
Ex-Hofdame Fabienne: Und anschließend?
La Pompadour: Geheimniskrämerei pur. „Schließ fest deine Augen! Aber nicht schummeln!“, drängt Constanze ungestüm, führt Angélique näher ans Gebäude heran, bleibt stehen, richtet ihr vorsichtig das Gesicht empor. „Oh, mein Gott, was hast du bloß mit mir vor, Bernadette?“ quietsche ich vergnügt. „Nun darfst du sie wieder öffnen!“

„Woooooooooow!!!!!“
Ex-Hofdame Fabienne: Ich sterbe vor Spannung!
La Pompadour: „Droben befindet sich Angéliques geräumiges Schlafzimmer. Es ist alles eingerichtet. Die ehemalige Kuranlage heißt ab sofort ‚Schloss Wilhelmsbad‘. Ich schenke es dir zu deinem heutigen 18. Geburtstag als Zeichen meiner tiefen Liebe zu dir.“
Ex-Hofdame Fabienne: Oh, mein Gooooott, wie romaaaaantisch!
La Pompadour: Kennst du The Princess Diaries?
Ex-Hofdame Fabienne: Jaaaaa, so zuckersüß!
La Pompadour: Ich schwör’s dir, Kuschelmaus, eng umschlungen bestaunen wir von unten Angéliques im Sonnenschein strahlendes Schlafgemach; und spontan empfindet diese dabei genauso wie Mia. Plötzlich Prinzessin!
Ex-Hofdame Fabienne: In Dennis Kevins Grafschaft Hanau-Münzenberg unterliegt der Film strengstem Verbot.
La Pompadour: Königin Clarisse verliebt sich nicht standesgemäß in Chauffeur Josef.
Ex-Hofdame Fabienne: Zensur halt.
La Pompadour: Politik. Egal. Was weder Bernadette noch ich ahnen, da war kurz zuvor ein Typ mit Fotokamera rumgeschlichen. Noch am selben Abend gehen auf Hanau-Münzenbergs Instagramversion zwei desavouierende Posts viral. Zufälligerweise. Im Gegensatz zur Frau war das kein trotz unübersehbarer Hinweise einfach dreist weitermarschierter Besucher.
Ex-Hofdame Fabienne: Sondern?
La Pompadour: Ein schäbiger Handlanger. Handelte im Auftrag. Gewisse Kreise, detailliert über Bernadette und mich informiert.
Ex-Hofdame Fabienne: Fies!
La Pompadour: Hanaus eitle Hofkamarilla stößt sich erheblich daran, dass ein einfaches Mädchen mit schwierigem Hintergrund 2020 zu Constanzes offizieller Favoritin aufstieg. Das war, ist und bleibt der wahre Grund, nicht etwa Amalias gleichgeschlechtliche Disposition oder ein frisch renoviertes Geburtstagsgeschenk – ganz im Gegenteil.
Ex-Hofdame Fabienne: Schloss Philippsruhe rühmt allenthalben Friedrichs des Großen vorbildliche Toleranz als absolutistischer Monarch des 18. Jahrhunderts, weil sein Bruder, Prinz Friedrich Heinrich Ludwig von Preußen, homosexuell war, und man am Hof daraus auch keinen Hehl machte.
La Pompadour: Gleichzeitig betont Schloss Philippsruhe in besonderem Maße die Großherzigkeit Ludwigs XVI..
Ex-Hofdame Fabienne: Ludwig XVI. bürgte 1784 persönlich, als der Prinz notgedrungen in Frankreich einen Kredit von 130.000 Talern aufnahm.
La Pompadour: Heinrichs verschwendungssüchtiger Günstling, Offizier Christian Ludwig von Kaphengst, hatte seine Güter verpfändet.
Ex-Hofdame Fabienne: Heinrich erhielt übrigens ebenso ein Schloss.
La Pompadour: Schloss Rheinsberg 1744.
Ex-Hofdame Fabienne: Zwar von keinem Liebhaber, dafür aber vom königlichen Bruder.
22. 03. 2026
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