Szene VIII: Fontainebleau und seine Auswirkungen
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4 Fotos.
Hofdame Veronique: Achtung, Video läuft!
(Handylautsprecher, Florian): Ludwig XIV. – Wichtigtuer, Schaumschläger,
Nichtskönner. Teil 2. Hallo, liebe Liebhaberinnen und Liebhaber verstörender Berichte! Wie ich weiterhin extrem verwirrt über Die neue Grafschaft Hanau-Münzenberg? Dann bleibt unbedingt dran, denn ich verspreche euch: Auch im heutigen Video wird es wieder wahnsinnig spannend. Doch zunächst der obligatorische Risikoausschluss. Leute, bitte beim Zuschauen wie immer bequem auf dem Sofa sitzen, damit ihr angesichts SOLCHER Enthüllungen nicht umfallt! Ja, was haben wir heute vor? Genau! Heute will ich die euch bereits in Teil 1 vermittelten deprimierenden Informationen über den großen Sonnenkönig eingehender unter die Lupe nehmen; und wie letzte Woche begrüße ich dazu ganz herzlich meinen Experten Leonard. Leonard kennt ihr schon aus mehreren Videos, er ist Kommilitone, studiert ebenfalls Deutsch und Geschichte auf Lehramt an Gymnasien in Frankfurt. Grüß dich, Leonard! Echt klasse, dass du wieder tatkräftig unterstützend vorbeischaust!
(Handylautsprecher Leonard): Pffffff…grüß dich…pfffffffff…Flori…pfffff…
Hofdame Yvette: Stopp mal! Jetzt wirklich, du liebst einen Studenten? Der soll gefälligst Examen machen und Beamter sein! Was für ne Frechheit, unser aller Idol so zu bezeichnen! Ludwig XIV., größter und bester Freund des Hanau-Münzenbergischen Volkes!!!!
Hofdame Sylvie: Aber, Veronique hat Recht, er ist YouTuber. Wow, 1 Million Abos plus. Seht euch Kommentare, Likes und Werbepartner an.
Hofdame Chantal: Sowie massenweise vorhandenen Dislikes und übel beleidigenden Äußerungen. Hanau-Münzenbergs Trolle in Höchstform. Perfekt! Weiter so! Was bildet Florian sich ein?
Hofdame Veronique: Grrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrrr!!!!!
Hofdame Chantal: Schon gut.
(Handylautsprecher Florian): Ich sehe, du kannst dein Lachen nur mühsam unterdrücken. Sag, was ist los, Leonard?
(Handylautsprecher Leonard): Entschuldigung, Florian, aber jedes Mal beim Begriff Sonnenkönig überkommen mich schlagartig Lachanfälle
(Lautsprecherstimme Florian): Nicht dein Ernst, Leonard! Roi Soleil…welch ehrfurchtsgebietender, ruhmvoller Titel. Jedenfalls dürfte in das in Schloss Philippsruhe bei gewissen Personen Irritiationen auslösen
(Handylautsprecher Leonard): Pfffff…pfffff…pfffff…pfffff…pfffff…pfffff…
Hofdame Sylvie: Wie affig. Was ist denn mit DEM los?
(Handylautsprecher Florian): Alles ok, Leonard, ich versuch’s andersrum. Bevor du mir hier noch vor schallendem Gelächter platzt. Du hast vorletzte Woche deine Seminararbeit über Ludwig XIV, abgegeben. Tja, und nun verlangt man von dir das Streichen etlicher Passagen. Ansonsten gibt’s keinen Schein.
(Handylautsprecher Leonard): So schaut’s aus, Florian.
(Handylautsprecher Florian): Hast du vergessen, korrekt zu zitieren?
(Handylautsprecher Leonard): Schlimmer.
(Handylautsprecher Florian): Verrat uns mehr.
(Handylautsprecher Leonard): Unter Verwendung zuverlässiger Quellen gelang es mir, diesem royalen Schauspieler endlich die goldene Maske vom Gesicht zu reißen. Versailles. Größter Lug und Trug aller Zeiten. Wacht auf, Leute, noch 2021, über 300 nach seinem Tod, täuscht euch dieser Hochstapler, dieser Bluffer, mit seiner lächerlichen Schrottbude!
(Handylautsprecher Florian): Harte Vorwürfe, mein Lieber. Wenn zufällig in Schloss Philippsruhe jemand zuschaut.
(Handylautsprecher Leonard): Ausgehend vom Briefwechsel der Lieselotte von der Pfalz gelangen mir ferner Nachweise, dass Château Fontainebleau von Versailles als Luftnummer sogar übertroffen wurde.
(Handylautsprecher Florian): Was schreibt denn die Schwägerin Ludwigs XIV.?
(Handylautsprecher Leonard): Die Herzogin von Orléans bemängelt das fehlende stille Örtchen. Ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen. Leute, fasst euch ans Köpfchen; Fontainebleau, jenes für Architektur und Interieur berühmte Schloss, besaß im ausgehenden 17. Jahrhundert keine Toilette.
(Handylautsprecher Florian): Ja…aber…Leonard…um Gottes Willen…die
französische Hofkultur…Maßstab jener Epoche…irgendwann mussten Männlein und Weiblein doch mal wohin.
(Handylautsprecher Leonard): Am 9. Oktober 1694 beklagt Lieselotte von der Pfalz die für Frauen vorgeschriebene Etikette, das große Geschäft ausschließlich abends -und nur außerhalb im angrenzenden Waldstück- verrichten zu dürfen. Zitat:
Sie sind in der glücklichen Lage, scheissen gehen zu können, wann sie wollen, scheissen sie also nach Belieben. Wir sind hier nicht in derselben Lage, hier bin ich verpflichtet, meinen Kackhaufen bis zum Abend aufzuheben; es gibt nämlich keinen Leibstuhl in den Häusern an der Waldseite. Ich habe das Pech, eines davon zu bewohnen und darum den Kummer, hinausgehen zu müssen, wenn ich scheissen will, das ärgert mich, weil ich bequem scheissen möchte, und ich scheisse nicht bequem, wenn sich mein Arsch nicht hinsetzen kann.
Bedeutete im Klartext, brav und geduldig abwarten, bis die Sonne abends endgültig „Au revoir!“ gerufen hatte.

Hofdame Veronique: Triggerpunkt getroffen!
Hofdame Chantal: Ey, wie frauenfeindlich waren DIE denn damals.
(Handylautsprecher, Leonard): Mon dieu! Kannst du deinen geschockten Zuschauern Quellen nennen, Florian? Sonst halten dich unbelehrbare Liebhaber französischer Hofkultur womöglich für einen Verfechter kruder Verschwörungstheorien. Du weißt, wie vom Mainstream Manipulierte reagieren können, wenn ihr Weltbild jäh zusammenbricht.
(Handylautspercher, Florian): Freilich, Leonard. tagesspiegel.de, 23. August 2009. Überschrift:
Serie: Andere Zeiten, andere Berufe Der Abtrittanbieter
Doch zurück zu Liselotte von der Pfalz. Gegenargument, Leonard, im eben zitierten Auszug beglückwünscht sie in Versailles weilende Adlige um die dort vorhandenen sanitären Vorteile. Ich meine, SO miserabel kann’s demnach beim Sonnenkönig gar nicht gewesen sein!
(Handylautsprecher Leonard): Du meinst, der Leibstuhl, von naiven Versailles-Fans gelegentlich zu Ludwigs Ehrenrettung angeführt?
(Handylautsprecher, Florian): War doch super praktisch. Oder?
(Handylautsprecher, Leonard): Mal ehrlich, Florian, Leibstühle sind kaum weniger peinlich. Halte dir Versailles‘ Gesamterscheinungsbild vor Augen. Was bedeuten Toilettenstühle in gigantischen Prachtbauten, wo ein rauschendes Fest das andere ablöste, eine opulente Opernaufführung die andere jagte? Château de Versailles besaß unter Ludwig XIV. lediglich ein einziges eingebautes Klo, Achtung!, nicht im modernen Sinn als fest installiertes WC mit Wasserspülung.
(Handylautsprecher Florian): Aber immer noch besser so, als in Schloss Fontainebleau das Verschwinden der Sonne abwarten zu müssen.

Hofdame Veronique: Boah, das triggert mich jetzt wirklich!!!!!
(Handylautsprecher, Leonard): Auch wieder wahr.
(Handylautsprecher Florian): Forscher argumentieren bisweilen, jenes zunächst in der Tat erstaunlich anmutende sanitäre Defizit sei bei genauerer Betrachtung bloß ein folgerichtiges Resultat erheblicher technischer Schwierigkeiten gewesen. Um jedoch allgemeinverständlich zu bleiben, verzichte ich auf fachwissenschaftliche Diskussionen und verwende stattdessen einen Bericht auf spurensucher.eu vom 21. Juni 2019, der Interessierte auch ohne Vorkenntnisse rasch mit unserer heutigen Materie vertraut macht. Überschrift:
VERSAILLES: FEUCHTER TRAUM OHNE TOILETTENSPÜLUNG
Was diesen Artikel besonders wissenswert macht, er analysiert den offensichtlichen Missstand weniger isoliert, sondern vielmehr vor dem Hintergrund einer landschaftsgestalterischen Gesamtproblematik. Am deutlichsten trat diese bei praktischen Überlegungen zur Bewässerung der weit über tausend Schlossparkbrunnen zutage. Als oberster Gartenarchitekt Ludwigs XIV. stand André Le Nôtre nämlich vor zwei grundlegenden Herausforderungen:
a) ausreichend Wasserbeschaffung.
b) genug Druckaufbau.
In den Parkanlagen sollen Druckprobleme aufgetreten sein, weil Le Nôtres Arbeitgeber alle tausendvierhundert Brunnen gleichzeitig betreiben wollte.
(Handylautsprecher, Leonard): Druck, richtig doller Druck; das A und O bei solch anspruchsvollen Vorhaben.
(Handylautsprecher, Florian): Betrachten wir vergleichsweise die 1714 erstmals öffentlich präsentierten Wasserspiele im heutigen Bergpark Wilhelmshöhe, zeigt sich in für Ludwig XIV. beschämender Weise, dass Kassel dem großen Versailles ideentechnisch um Längen voraus war. Hier entstand ein ausgeklügeltes System, welches ausschließlich auf dem physikalischen Naturgesetz der Schwerkraft basiert, sprich, Wasser fließt über natürliche Gefällhöhen hinunter. Simpel und beeindruckend zugleich.
(Handlautsprecher, Leonard): Während sich unser armer Le Nôtre mit Möglichkeiten zur Realisierung einer starken Druckerzeugung befassen musste.

Hofdame Veronique: Oh, mein Gooooott, warum hab ich schon wieder
hingesehen?????
(Handylautsprecher, Florian): Genau, Leonard. Riesendruck.
Hofdame Veronique: Ich wollte doch eben gar nicht hinsehen!!!!!
(Handylautsprecher, Leonard): So richtig doller Druck. So wie ihn Liselotte von der Pfalz empfunden haben muss, bevor endlich die Sonne am Horizont untergegangen war.

Hofdame Veronique: Biiiiiiiiiiiiiiiiiiitte, liebe Sonne kehr um, biiiiiiiiiiiiiiiiiiiitte, geh nicht untergehen!!!!! Oh Goooooooooott, ich vermag meinen Blick nicht abzuwenden!!!!!
Hofdame Yvette: Meine Güte, Drama-Queen, lass das Video endlich weiterlaufen. Leonard hat Recht, mächtiger Druck…
Hofdame Veronique: HALT DIE FR*SSE!!!!!
Hofdame Yvette: HALT DU SIE DOCH!!!!!
Hofdame Veronique: Oh Goooooooooooooooooooott, gleich ist die Sonne weg!!!!! Madame Rosalindes Wahrsagekunst!!!!!
25. 06. 2026
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