Fotogeschichten

III – #6 – FP

Szene VI: Signalwirkung

1327 Wörter, 7 Minuten Lesezeit.

2 Fotos.

Hofdamen Yvette, Chantal, Sylvie:
AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAHHHHHHHHHH!!!!!

Hofdame Veronique: Enttäuschung. Wut. Ich drehe mich um. „Eyyyyy, du mieser Aaaaa*sch, du miiiiieeeeeser A*sch, und dafür investiere ich wertvolle Lebenszeit sinnlos in Schminken und Klamottenauswahl? Um mir von dir hier auf nem billigen ‚Kirchendate‘ so nen Sche*ß anzuhören? Verp*ss dich, du! Los, verp*ss dich!“

Hofdame Yvette: Perfekte Wortwahl, du hast diesen unverschämten
Ex-Garçon-de-pis im passenden Sprachjargon gnadenlos entsorgt!!!!!

Hofdame Sylvie: Extrem starke Gefühle, leider kein klares Anzeichen echter Kompatibilität.

Hofdame Veronique: Wenn Flori denn gegangen wäre.

Hofdame Sylvie: Wie?

Hofdame Veronique: Vom explosionsartigen Wutausbruch völlig
unbeeindruckt, zwinkert er mir frech zu, dreht meine Vorderseite schwuppdiwupp wieder zum Eisengitter.

Hofdame Sylvie: Respekt. Bei deinem Temperament.

Hofdame Yvette: Hundert Pluspunkte. Männer dürfen sich NIEMALS vom akut aufwallenden weiblichen Gefühlschaos mitreißen lassen.

Hofdame Chantal: Männer müssen DER unerschütterliche Fels in der Brandung sein, um welchen wir vertrauensvoll unsere Emotionen wickeln dürfen.

Hofdame Veronique: Oh, mein Goooooooooooooott, jaaaaaaaaaaaaa, Flori stand lässig ÜBER meinen bedauerlicherweise leicht reizbaren hitzigen Regungen!!!!! Statt beleidigt oder patzig zu reagieren, zogen durchtrainierte Muskeln Veronique behutsam noch inniger heran. OH, MEIN GOOOOOOOOOOTT, MEIN BLONDER LOCKENKOPF IST DOCH FUSSBALLKAPITÄN!!!!!

Hofame Sylvie: Dachte, Agent.

Hofdame Veronique: Still!!!!! Also. Von Floris gelassener Männlichkeit beflügelt, ebbt fraulicher Gefühlssturm im Nu ab. Mit inständigem Unterton flüstern sanfte Worte hinter Bernadettes Ehrenjungfer: „Im Ernst, Veronique. Du weißt, ich liebe dich über alles. Bitte, vertrau mir. Ich meine es ausschließlich gut mit dir. ‚Schloss Philippsruhe‘, Herrschaftssitz einer skrupellosen Clique korrupter, krimineller Lügner und Betrüger – kein gutes Pflaster für anständige Mädchen!“

Hofdame Sylvie: EY, WAS FÄLLT DEM EIN?????

Hofdame Chantal: EIN NEIDISCHER BAUER IST ER, MISSGÖNNT UNS DAS PRACHTVOLLE HOFLEBEN!!!!!

Hofdame Yvette: EINMAL P*SSPAGE, IMMER P*SSPAGE!!!!!

Hofdame Sylvie: LASS DIE FINGER VON DEM!!!!!

Hofdame Veronique: Stichwort Bauer. Zunächst vergleiche ich Flori tatsächlich mit unserem Münzenberger Paysan. Frustriert vom bestbezahltesten, gleichzeitig verachtetsten Nebenjob, welchen Oberstufenschüler und Studenten am Hof ergattern können, lästert er fies gegen unser geliebtes Grafenpaar. Mein Bauchgefühl jedoch rät dringend von neuerlichen Auftritten als kreischende Drama-Queen ab, empfiehlt, geduldig detaillierte Ausführungen abzuwarten.

Hofdame Chantal: Kamen sie?

Hofdame Veronique: „Bei morgentlichen Betrachten im Spiegel verspürst du es im tiefsten Grund deines feinfühligen Herzens, dieses traurige Gefühl tiefer Verunsicherung. Zwei müde leere Augen fragen: ‚Veronique, bist das wirklich noch du?‘ Ja, rein äußerlich werdet ihr zum inneren Kreis der Hofgesellschaft gezählt. Die Wahrheit? Im sogenannten ‚Nouveau Château de Versailles‘ fungieren Hofdamen lediglich als herausgeputzte Staffage. Hübsche, unbedeutende, austauschbare Bühnendekoration für ein perfides Maskenspiel! Püppchen seid ihr! Nichts weiter!“

Hofdame Yvette: PHHHH, DASS ICH NICHT LACHE!!!!!

Hofdame Sylvie: WEEEEEEEEEEHHHHHEEEEEEEEEE, WENN ICH FLORIAN ERWISCHE, DANN KANN ER WAS ERLEBEN!!!!!

Hofdame Yvette: NOCH NIIIIIIIIIIEEEEEEEEEE BIN ICH ALS PALASTDAME
DERMASSEN DESAVOUIERT WORDEN!!!!!

Hofdame Chantal: Argumente, Garçon-de-pis!

Hofdame Veronique: „Bitte, Veronique, beantworte mir folgende Frage aufrichtig und furchtlos, du liebst mich! Bitte, Veronique, Hand aufs Herz, welche Lügen tischt Bernadette Constanze Amalia Gräfin von Hanau-Münzenberg Gräfin von Bernstein-Mechthild euch tagtäglich auf? Dass die von Dennis Kevin I. beanspruchten historischen Gebiete ausnahmslos freiwillig, jubelnd, mit wehenden Fahnen, zu ihm übergelaufen sind? Oder wurden vier adrette Maskottchen etwa über die Wahrheit informiert?“

Hofdame Sylvie: Worauf will Florian hinaus?

Hofdame Veronique: Bekanntlich existiert jenes höchstinstanzliche
Urteil vom 29. Oktober 2017, wonach Dennis Kevin das Territorium der ehemaligen Grafschaft Hanau-Münzenberg grundsätzlich zusteht.

Hofdame Yvette: Er hatte den 1643 zwischen Georg II. von Fleckenstein-Dagstuhl sowie Landgräfin Amalie Elisabeth von Hessen-Kassel geschlossen Erbvertrag erfolgreich angefochten, die Willenserklärungen beider Parteien für nichtig erklären lassen.

Hofdame Sylvie: Georg II. von Fleckenstein Dagstuhl, 1643 Vormund für den noch minderjährigen Friedrich Casimir.

Hofdame Veronique: Friedrich Casimir Graf von Hanau-Lichtenberg, seit 1642 zugleich Erbe der Grafschaft Hanau-Münzenberg.

Hofdame Chantal: Der Dreißigjährige Krieg.

Hofdame Yvette: Dennis Kevins Winkeladvokaten behaupteten, ohne Kriegswirren hätte Georg II. von Fleckenstein-Dagstuhl niemals unterschrieben.

Hofdame Chantal: Vormund Georg II. von Fleckenstein-Dagstuhl, Regent einer kriegsbedingt finanziell ohnehin arg bedrängten Grafschaft, sei im Jahr 1643 vielmehr zusätzlich Erpressungsopfer Hessen-Kassels geworden.

Hofdame Veronique: Prinzessin Amalie Elisabeths Druckmittel? Hanau-Münzenbergische Schulden! Und genau diese Schulden deutete die Klägerpartei als aufsummierte Kriegsschulden. Wenn er sofortige Zahlungsforderungen, sprich, den Staatsbankrott abwenden möchte, bleibt keine Alternative.

Hofdame Sylvie: Damit kam Dennis Kevin juristisch durch.

Hofdame Yvette: Ergo, die einstige Grafschaft Hanau-Münzenberg war nach dem Tod Graf Johann Reinhards III. 1736 keineswegs an Hessen-Kassel gefallen, sondern bestand als verborgener Rechtskörper weiter.

Hofdame Chantal: Was Fragen ihrer territorialen Ausdehnung 2017 anbetraf, legte das Gericht daher 1736 zugleich als Normaljahr fest.

Hofdame Yvette: Allerdings, aufgrund unumstößlicher Fakten, dass unsere Welt seit 1736 grundlegende Veränderungen aufweist, gilt beim Durchsetzen gebietlicher Ansprüche eine wichtige Auflage.

Hofdame Sylvie: Unterwerfungen betroffener Kommunen unter Hanauer Oberherrschaft bedürfen vorab deren Einwilligung per Bürgerabstimmung oder Magistratsbeschluss.

Hofdame Veronique: Bernadettes Märchenerzählungen zum Trotz, einige Rathäuser lehnten Diskussionen von vornherein kategorisch ab. Steinau, Schlüchtern und Babenhausen verwiesen beispielsweise auf mit einem solchen Systemwechsel verbundene unkalkulierbare Risiken; anders ausgedrückt, man befürchtete regionale Strukturzusammenbrüche.

Hofdame Chantal: Warum sollte Constanze lügen?

Hofdame Veronique: Politisch inkorrekte Thematik. Bedenke, gemäß offizieller Lesart scharten sich ALLE früheren Besitzungen in begeisterter absolutistischer Aufbruchsstimmung um Seine Durchlaucht Dennis Kevin I. von Gottes Gnaden Graf von Hanau-Münzenberg, bejubelten frenetisch die sagenhafte Wiederkunft vergangener Blüteepochen.

Hofdame Sylvie: Wie antwortete Schloss Philippsruhe?

Hofdame Veronique: „Glaub mir, Veronique, im Verlauf meiner Anstellung habe ich in Pagenuniform plus Zopfperücke diese Grafschaft nur zu gut kennengelernt“, gibt Flori bislang wohlgehütete Insiderkenntnisse Stück für Stück weiter preis, „angesichts jener Tatsachen beschloss man, sich formierenden kommunalen Widerstand durch Androhung einer Kappung des Schienennetzes rücksichtslos zu brechen.“

Hofdame Yvette: Ach, du meine Güte!

Hofdame Veronique: Am 24. Oktober 2018, frühmorgens, ertönt mitten beim Frühstück Floris Einsatzbefehl. Auftrag? Dennis Kevin nebst hohem Militär während im S-Bahnhof Steinheim durchgeführter Maßnahmen gegebenenfalls zur Verfügung zu stehen! Mit halbleerem Magen, auf offenem Bahnsteig dem ersten ungemütlichen Herbststurm des Jahres ausgesetzt, wartet er eimerbewaffnet abseits der Mächtigen. Friert. Bibbert. Irgendwann der rüpelhafte Ruf: „P*sspage, scher dich her!“ Zwei Offizieren zu Diensten, prahlt direkt daneben Amalias Gatte lauthals mit seinem Strahlglanz als in der Nachfolge Ludwigs XIV. uneingeschränkt regierender Fürst.

Hofdame Chantal: Ich glaube, ich bin im falschen Film.

Hofdame Veronique: Weil das große Eisenbahnsignal vor der Steinheimer Brücke Rot anzeigt, stoppt zeitgleich eine aus Frankfurt kommende Odenwaldbahn. Gerade möchte Flori sich untertänig wieder auf Warteposition begeben, reißt Dennis Kevin ihn mit linker Hand zurück, in der rechten ein gezücktes Smartphone. „Hiergeblieben, Bursche! Schaue der ‚Garçon-de-pis‘ nur gut hin! Hohohohohohohohohoho, damit kann er auf der Abiparty bei Damen punkten!“

Hofdame Chantal: Ich BIN im falschen Film!

Hofdame Veronique: Um bei sieben hochgestellten Herren hinter ihm potentielle Verdachtsmomente auszuräumen, der P*sspage schaue und lausche nebenher, tat Flori deshalb geschickt so, als ob ein begeisterter Eisenbahnfan neugierig den wartenden Dieseltriebzug betrachte.

„Ici parle Son Altesse Dennis Kevin I. par la grâce de Dieu Comte de Hanau-Munzenberg! Zugehört! Ich habe in Steinheim RE85 nach
Eberbach signaltechnisch in meiner absolutistischen Gewalt! Wenn Sie Ihre Stadtverordneten, Ihre Einwohner, binnen zweiundsiebzig Stunden nicht klipp und klar von den Vorteilen der unter dem Schutz des strahlenden Sonnenkönigs stehenden ‚Grafschaft Hanau-Münzenberg‘ überzeugen, unterbrechen Wir die Verbindung, erlauben fortan keiner einzigen Bahn mehr, Unser Staatsgebiet zu durchfahren! Mögen die Fahrgäste dann zusehen! Dixi!“

Hofdame Chantal: So etwas grenzt ja an Erpressung.

Hofdame Yvette: So etwas IST Erpressung!!!!!

Hofdame Veronique: Dies sah Babenhausen genauso.

Hofdame Sylvie: Niemals! Dennis Kevin repräsentiert französische Hofkultur. An jedem Grenzübergang begegnen Eingereiste überdimensionalen Schildern.

Le pays de la galanterie

Bienvenue!

Beziehungsweise

Le pays de la galanterie

À bientôt!

Hofdame Veronique: Dies sah Babenhausen anders. Flori zufolge sicherte das Stadtoberhaupt noch am Telefon zu, ausnahmslos allen Forderungen nachzukommen.

Hofdame Chantal: Und dann?

Hofdame Veronique: Nach Dennis Kevins Anruf bei der zuständigen Bahnbetriebsstelle springt das Signal umgehend auf Langsamfahrt!; woraufhin die Odenwaldbahn anfährt.

Hofdame Yvette: Krass.

Hofdame Veronique: Flori, fassungslos. Doch was vermögen niedrigste Arbeitskräfte auszurichten?

Ihnen bleibt bloß, vom Bahnsteigende dabei zuzuschauen, wie RE85 über die Grenzbrücke rumpelt.

Hofdame Chantal: Wahr gesprochen.

Hofdame Veronique: Vier Tage später meldet Versailles, dem bereits im 18. Jahrhundert stets gut versorgten Amt Babenhausen stünden nach überwältigendem Bürgerentscheid nunmehr im Millenniumzeitalter abermals glanzvolle feudale Zeiten bevor.

31. 05. 2026

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