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Szene VII: Zum Schaltzentrum der Macht
Fiona: Droht viel Ärger?
Baronesse von Sempershausen Hohenfeldstein: Aufgrund strenger Etikette erwecken adlige sowie gutbürgerliche Mädels, die draußen alleine -sprich, ohne Eltern, Duenja oder Freundin- freizeitliche Aktivitäten ausüben, rasch moralischen Verdacht. Mama und Papa könnten in der gräflichen Gunst sinken.
Friederike: Ernsthaft, du als Neunzehnjährige benötigst Begleitung? Kindergarten!
Baronesse von Sempershausen Hohenfeldstein: Selbst im Schlosspark. Männlichen Annäherungsversuchen beziehungsweise heimlichen erotischen Treffen soll somit Einhalt geboten werden.
Fiona: Heißt, ständige Kontrolle.
Baronesse von Sempershausen Hohenfeldstein: Wobei, in Gesellschaft guter Freundinnen wären Parkspaziergänge oder Ausgehen sogar richtig lustig. Nur finde im Nouveau Château de Versailles erstmal solche Mädels. Ich traue keiner. Eitel buhlen alle selbstsüchtig um des mächtigen Grafen Aufmerksamkeit.
Friederike: Verstehe, Mätressenwirtschaft.
Baronesse von Sempershausen Hohenfeldstein: Seine Durchlaucht lehnt wie Preußenkönig Friedrich Wilhelm I. Mätressen ab. Aber Angélique von Bernstein Mechthild, die Gattin seiner Frau, dafür umso weniger. Erkennt ihr den im gleißenden Licht leuchtenden Gebäudekomplex dahinten?

Ihr luxuriöses Domizil.
Friederike: Meine Güte, dieses Zelt da reflektiert wahnsinnig stark.
Baronesse von Sempershausen Hohenfeldstein: Bei dem genauso. Sein greller Glanz, nur deshalb erträglich, weil ich seitlich geradeaus blicke.

Seht ihr?
Fiona: Du, Leonore, vom Karussell nahen zwei Männer heran. Beim einen ganz klar, der Kassierer von vorhin. Doch wer ist der wütende Schreihals?
Baronesse von Sempershausen Hohenfeldstein: Unser Sonnengraf vom Main. Offenbar macht er ihn für Donalds und Melanias Blamage verantwortlich. Oh, mein Gott, hoffentlich bleiben wir unbeachtet!
Friederike: Tatsächlich der Graf?
Baronesse von Sempershausen Hohenfeldstein: Seine Durchlaucht Dennis Kevin I. von Gottes Gnaden Graf von Hanau-Münzenberg.
Graf von Hanau-Münzenberg: HANNEBAMBEL, ELENDISCHER, TUST MIR MEIN SCHÖNES FEST RUINIEREN!!!!!
Fiona: Leise schluchzende Rechtfertigungsversuche.
Friederike: Armer Kerl.
Graf von Hanau-Münzenberg: HEULSUS, HALT’S MAAL!!!!! WIE KANN MAN NUR SO STRUNZ DUMM SEIN UN VORM KARUSSELL FÜR’N TRUMP NE KASS UFFBAUE!!!!!
Baronesse von Sempershausen Hohenfeldstein: Oh, neeeeeiiiiin, entdeckt!!!!! Oh, Gooooott, und er eilt herbei!!!!! Meine Ehre!!!!! Ich bin verloren!!!!!
Graf von Hanau-Münzenberg: Meine Damen, gestatten, dass Wir Sie mit jener respektvollen Verbeugung begrüßen, wie sie früher bei allen Kavalieren Europas trefflicher Brauch gewesen.
Friederike: Oh, Euer Durchlaucht!
Graf von Hanau-Münzenberg: Touristinnen?
Fiona: Aus Obertshausen.
Graf von Hanau-Münzenberg: Ah, ganz in der Nähe. Wie gefällt zwei anmutigen Obertshäuserinnen Unsere Grafschaft Hanau Münzenberg?
Friederike: Die vielen ungewohnten Eindrücke überall – es erschlägt einen förmlich. Wir fühlen uns märchenhaft ins 18. Jahrhundert zurückversetzt.
Graf von Hanau-Münzenberg: Nur dieses aufrichtige Kompliment überzeugt Uns, auch weiterhin als Souverän zu herrschen. Stellen Sie sich vor, Wir wollten morgen abdanken. Sie haben soeben die Grafschaft Hanau-Münzenberg gerettet.
Alle: Hahahahahahahahahaha!
Graf von Hanau-Münzenberg: Baronesse von Sempershausen Hohenfeldstein, Uns deucht, Madame Duenja irrt verzweifelt umher. Zugleich vermissen etliche Festgäste Conte Lorenzo aus Neapel. Savez-vous par hasard quelque chose de plus à cet sujet?
Baronesse von Sempershausen Hohenfeldstein: Euer Durchlaucht, bitte, verschweigt meinen Eltern, dass ihre einzige Tochter listig entschwand. Lorenzo und ich tändelten lediglich nonchalant miteinander.
Graf von Hanau-Münzenberg: Wir bezeugen mit eigenen Augen, Ihr weilt erfreulicherweise in anständiger Gesellschaft; und erfinden daher eine klitzekleine Notlüge. Mesdames, toujours à votre service.
Fiona: Au revoir, Monsieur le Comte.
Friederike: C’était un grand honneur pour nous.
Baronesse von Sempershausen Hohenfeldstein: Eine zentnerschwere Last fällt von mir ab. Leonore Felicitas‘ Integrität – gerettet!
Graf von Hanau-Münzenberg: UN JETZT, HANNEBAMBEL, MACH DISCH FORT!!!!! MACH DISCH WO HIE!!!!!
Fiona: Tja, irgendetwas scheint schiefgelaufen zu sein.
Baronesse von Sempershausen Hohenfeldstein: Lasst uns weiterlaufen.
Friederike: Was Friederike verwundert, euer Staatsoberhaupt spricht hessischen Dialekt?
Baronesse von Sempershausen Hohenfeldstein: Privat sogar äußerst gerne.
Fiona: Und jene galante Form der auffälligen Verbeugung vor Frauen. Wie damals im 17./18. Jahrhundert. Respektvoll.
Friederike: Stilvolle Knigge. Old school. In meinem Gymnasium Mangelware.
Baronesse von Sempershausen Hohenfeldstein: Du bist Schülerin?
Friederike: Oberstufe. Komme in die Jahrgangsstufe 13, baue nächstes Jahr mein Abi.
Baronesse von Sempershausen Hohenfeldstein: Cool. Ich hatte letzte Woche mündlich. Endlich vorbei.
Friederike: Herzlichen Glückwunsch!
Baronesse von Sempershausen Hohenfeldstein: Dankeschön! Leider bringt die Allgemeine Hochschulreife adligen Abiturienten wenig.
Fiona: Wieso?
Baronesse von Sempershausen Hohenfeldstein: Prinzipiell dürfen Adlige keinerlei Beruf ausüben. Jene Vorschrift stammt aus Zeiten des ancien régime, als ständische Konventionen dem Adel jegliche Art von Arbeit untersagten.
Fiona: Bedeutet?
Baronesse von Sempershausen Hohenfeldstein: Meine Lebensagenda besteht darin, tagein tagaus höfische Vergnügungen zu konsumieren; und ja, irgendwann standesgemäß zu heiraten und Kinder zu kriegen. Egal. Jetzt sind wir erstmal am Ziel angelangt.
Friederike: Schloss Wilhelmsbad ist ja allerliebst!
Fiona: Ärgerlicherweise stört optisch dieser hässliche Absperrzaun.
Baronesse von Sempershausen Hohenfeldstein: Gräfin Angélique von Bernstein Mechthild ließ ringsherum das hübsche Gitter entfernen; es widersprach plötzlich ihrem Geschmack. Bis dutzende Fronpflichtige wesentlich kostspieligeren Ersatz aufstellen, dienen Baustellenzäune als Provisorium.
Fiona: Hihihihihi, ich stecke einfach frech meine Nase durch.

Perfekt, ungetrübte Sicht.
Baronesse von Sempershausen Hohenfeldstein: Vor dir liegt das Dienerinnenhaus. Links davon der eheliche Wohntrakt. Im Gebäude rechts leben Maîtresse en titre Adélaïde sowie fünf weitere weibliche Geliebte.
Friederike: Wir sind zwar selbst lesbisch, aber das klingt ziemlich krass.
Fiona: Oberkrass.
Baronesse von Sempershausen Hohenfeldstein: Hofschranzen flüstern gehässig, sämtliche politischen Entscheidungen fielen dort drüben hinter fest abgeschlossener Schlafzimmertür im kuscheligen Ehebett – anstatt in Schloss Philippsruhe.
Friederike: Diskret sozusagen.
Fiona: Ihr Mann besitzt dazu hoffentlich eine eigene Meinung.
Baronesse von Sempershausen Hohenfeldstein: Gewiss. Nun muss ich mich jedoch definitiv verabschieden.
Friederike: Telefonnummernaustausch?
Baronesse von Sempershausen Hohenfeldstein: Besitzt ihr Handys vom Rockenberger Schwarzmarkt, welche sowohl in Deutschland als auch hierzulande funktionieren? Wegen des Medienbanns.
Fiona: Bedaure.
Baronesse von Sempershausen Hohenfeldstein: Voici ma carte de visite. Wenn ihr wieder in Hanau seid, wünscht damit am Schlosstor Leonore Felicitas Baronesse von Sempershausen Hohenfeldstein zu sprechen. Adieu.
Fiona: Tschüss, Leonore.
Friederike: Wir melden uns. Versprochen.
Fiona: Bedrückt huscht sie davon.
Friederike: Niemals solch ein Leben im goldenen Käfig.
Fiona: Dito.
Friederike: Und was stellen zwei Liebende jetzt Schönes an?
Fiona: Louise empfahl Spaziergänge entlang des Mains bis zur Schleuse Mühlheim. Dazu müssten wir bloß per Bus zurück ins Zentrum und dort einmal umsteigen.
Friederike: Dann looooos!
19. 10. 2026
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