Fotogeschichten

IV – #2 – DN

Szene II: Erste Begegnung mit der Galanterie

787 Wörter, 4 Minuten Lesezeit.

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Fiona: Huch!!!!! Was schlägt denn da plötzlich so?????

(Stimme vom Schloss): Le très puissant président des États-Unis d’Amérique se lève gracieusement pour recevoir les félicitations!

Fiona: Barockmusik ertönt. Puuuuhhh, hatte ich mich zuvor erschrocken.

Friederike: Georg Friedrich Händels Concerto Grosso Op. 6 Nr. 10 in d-Moll von 1739. Unverkennbar. Ah, verstehe, das war eben garantiert ein ausrufender Herold mit schwerem Klopfstab; unter anderem bekannt aus einigen Historienfilmen, welche im 17./18. Jahrhundert spielen.

Fiona: Korrekt, der kündigt beim pompösen Empfang wichtigtuerisch die vornehmen Gäste an.

Friederike: Meine Güte, als ob das Orchester direkt vor uns säße.

Fiona: Jenseits des Sicherheitsgitters stehen scheinbar an jeder Ecke große schallende Lautsprecherboxen.

(Rufe vom Schloss): Vive le Roi!!!!!

Friederike: Lumpen lässt sich die Grafschaft Hanau-Münzenberg jedenfalls nicht.

(Rufe vom Schloss): God save the King!!!!!

Fiona: Hast du vorhin die unzähligen Festzelte gesehen?

(Rufe vom Schloss): George Washington is nothing compared to you!!!!!

Friederike: Schloss Wilhelmsbad, ideale Kulisse.

Fiona: Wenn sie Trumps Geburtstag hier schon so aufwendig zelebrieren, wie opulent feiert man dann erst in Schloss Philippsruhe?

Friederike:

Le nouveau Château de Versailles

schreibt die Touristenbroschüre gewiss nicht ohne Grund.

Fiona: Küss mich, Cinderella!

Friederike: Pst…warte, Snow White…hörst du auch von oben dieses alberne Rumgekicher?

(Gekreische vom Schloss): Donald!!!!! Donald!!!!!

Fiona: Auf dem Pfad entlang des Absperrzauns eilt ein Händchen haltendes Pärchen in Rokokokleidung heran. Er zieht sie ungeduldig hinterher.

Junge Frau: Hihihihihihihihihihi, oh, mein Geliebter, wie geschieht mir?

(Rufe vom Schloss): The thirteen colonies back to Great Britain!!!!!

Junge Frau: Hihihihihihihihihihi, Pfoten weg von meinem Po, wenn Maman neugierig zusieht!

(Rufe vom Schloss): Tear up the Declaration of Independence!

Junge Frau: Hihihihihihihihihihi, pfui, unverschämter Grabscher, untersteh dich!

Junger Mann: Oh, ich von zwanzig heißglühenden Pfeilen des Gottes Cupido gleichzeitig im Herzen Getroffener!

Junge Frau: Hihihihihihihihihihi, nein, du dreister Frechdachs, Hände weg, pfui! Pfui!

Junger Mann: Oh, betörend trällernde rossignol d’amour, ne fais plus la coquette!

Junge Frau: Ich brülle um Hilfe!

Junger Mann: Mauvaise sorcière! Unstillbares männliches Verlangen nach aufgrund grausamer Standesbarrieren streng verwehrten Reizen raubt mir Elendem sämtliche Sinne. Du weißt, Giacomo Casanova lehrt in seiner Histoire de ma vie:

Die Lust nach der verbotenen Frucht ist uns seit Evas Zeiten ein Stachel im Fleisch.

Junge Frau: Huhuhuhuhuhuhuhuhuhu, hihihihihihihihihihi, au secours, maman, die weibliche Gefühle deiner einzigen Tochter geraten endgültig außer Kon…eeeeeyyyyyyyyyy, mein A*sch, hihihihihihihihihihi!

Fiona: Komm, wir gehen kurz vom schmalen Pfad runter, sonst schafft’s Madame Accoutrée im aufwendigen Kleidchen nie vorbei.

Junge Frau: Hihihihihihihihihihi, schau nur, mein Geliebter, in Deutschland tragen sie Lumpen.

Friederike: Meint die uns?

Junge Frau: Tse, erbärmliche Armut!

Fiona: Tse, eingebildete Kuh!

Junge Frau: Oh, mein Geliebter, ohrfeige sie sofort, j’éxige réparation!

Friederike: Keinerlei Reaktion.

Fiona: Stattdessen umfasst der heißblütige Galan ihren Arm in noch eindeutigerer Absicht.

Friederike: Auch ne Reaktion.

Junge Frau: Hihihihihihihihihihi, welche unanständigen Sachen planst du bloß, mein Geliebter? Hihihihihihihihihihi, nichts verraten, es ist alles so unglaublich aufregend für mich dans ce bois!

Fiona: Hunderttausend Euro Einsatz, was gleich irgendwo hinterm Dickicht geschieht.

Friederike: Tja, der Chevalier de Seingalt lehrt’s.

Fiona: Casanovas Memoiren, hierzulande offenbar eine Art Bibel.

Friederike: Im Hotel, in der Stadt, überall hängen Bilder mit Szenen aus dem berühmten Werk – teils ziemlich schlüpfrigen Inhalts.

Fiona: Äußerst wichtiger Themenwechsel. Woher wusste die Tussi überhaupt, dass wir Deutsche sind?

Friederike: Dafür brauchst du kein Baumschulabitur. Überleg. Wie viele Personen ungefähr sind Fiona und Friederike seit ihrer vorgestern erfolgten Einreise modern gekleidet begegnet?

Fiona: Null?

Friederike: Anscheinend gehen wir optisch weder als spanische noch kroatische Touristinnen durch.

Fiona: Aber Schweden könnte passen. Oder Belgien. Oder Österreich. Oder Irland.

Friederike: Oder Litauen?

Fiona: Egal, Hauptsache, Madame Accoutrée bleibt artig verschwunden.

Friederike: Oh, mein Gott, am Ende schreit Madame Accoutrée mitten in Aktion puterrot auf!

Fiona: Weil Maman neugierig zusieht.

Friederike: Ja, und flieht notdürftig zurechtgemacht jenen schmalen Pfad entlang des Absperrzauns zu uns zurück. Madame Accoutrée fragt süßlich: „Wollen wir allerbeste Freundinnen werden, die sich alles anvertrauen?“

Fiona: Absolute Horrorvorstellung.

Friederike: Ähm…betrachten wir die Tapetendarstellungen unseres Hotelzimmers eventuell zu intensiv?

Fiona: Möglicherweise.

(Gekreische vom Schloss): Un miracle, le Roi Soleil m’a fait signe de la main, je vais m’évanouir!!!!!

Friederike: Boah ey, die Sonne knallt voll grell ins Waldstück rein.

Vermutlich benötigt Friederike trotz vieler Bäume bald ihre lunettes de soleil aus ihrem sac à main.

Fiona: Ok, doch vorher nochmal ein äußerst wichtiger Themenwechsel. Warum, bitteschön, nannte Mister Lover zuerst den französischen Originaltitel, zitierte anschließend jedoch auf Deutsch? Sorry, ça ne me laisse tout simplement pas.

Friederike: Madame Accoutrées Stecher hielt uns ebenso für deutsche Mädels und dachte: „Boah ey, Alter, jede Wette, diese zwei heißen Bienen können perfekt Französisch; die Sprache allerdings beherrschen beide sicherlich nur teilweise.“

27. 08. 2026

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