Szene II: Erste Begegnung mit der Galanterie
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Fiona: Huch!!!!! Was schlägt denn da plötzlich so?????
(Stimme vom Schloss): Le très puissant président des États-Unis d’Amérique se lève gracieusement pour recevoir les félicitations!
Fiona: Barockmusik ertönt. Puuuuhhh, hatte ich mich zuvor erschrocken.
Friederike: Georg Friedrich Händels Concerto Grosso Op. 6 Nr. 10 in d-Moll von 1739. Unverkennbar. Ah, verstehe, das war eben garantiert ein ausrufender Herold mit schwerem Klopfstab; unter anderem bekannt aus einigen Historienfilmen, welche im 17./18. Jahrhundert spielen.
Fiona: Korrekt, der kündigt beim pompösen Empfang wichtigtuerisch die vornehmen Gäste an.
Friederike: Meine Güte, als ob das Orchester direkt vor uns säße.
Fiona: Jenseits des Sicherheitsgitters stehen scheinbar an jeder Ecke große schallende Lautsprecherboxen.
(Rufe vom Schloss): Vive le Roi!!!!!
Friederike: Lumpen lässt sich die Grafschaft Hanau-Münzenberg jedenfalls nicht.
(Rufe vom Schloss): God save the King!!!!!
Fiona: Hast du vorhin die unzähligen Festzelte gesehen?
(Rufe vom Schloss): George Washington is nothing compared to you!!!!!
Friederike: Schloss Wilhelmsbad, ideale Kulisse.
Fiona: Wenn sie Trumps Geburtstag hier schon so aufwendig zelebrieren, wie opulent feiert man dann erst in Schloss Philippsruhe?
Friederike:
Le nouveau Château de Versailles
schreibt die Touristenbroschüre gewiss nicht ohne Grund.
Fiona: Küss mich, Cinderella!
Friederike: Pst…warte, Snow White…hörst du auch von oben dieses alberne Rumgekicher?
(Gekreische vom Schloss): Donald!!!!! Donald!!!!!
Fiona: Auf dem Pfad entlang des Absperrzauns eilt ein Händchen haltendes Pärchen in Rokokokleidung heran. Er zieht sie ungeduldig hinterher.
Junge Frau: Hihihihihihihihihihi, oh, mein Geliebter, wie geschieht mir?
(Rufe vom Schloss): The thirteen colonies back to Great Britain!!!!!
Junge Frau: Hihihihihihihihihihi, Pfoten weg von meinem Po, wenn Maman neugierig zusieht!
(Rufe vom Schloss): Tear up the Declaration of Independence!
Junge Frau: Hihihihihihihihihihi, pfui, unverschämter Grabscher, untersteh dich!
Junger Mann: Oh, ich von zwanzig heißglühenden Pfeilen des Gottes Cupido gleichzeitig im Herzen Getroffener!
Junge Frau: Hihihihihihihihihihi, nein, du dreister Frechdachs, Hände weg, pfui! Pfui!
Junger Mann: Oh, betörend trällernde rossignol d’amour, ne fais plus la coquette!
Junge Frau: Ich brülle um Hilfe!
Junger Mann: Mauvaise sorcière! Unstillbares männliches Verlangen nach aufgrund grausamer Standesbarrieren streng verwehrten Reizen raubt mir Elendem sämtliche Sinne. Du weißt, Giacomo Casanova lehrt in seiner Histoire de ma vie:
Die Lust nach der verbotenen Frucht ist uns seit Evas Zeiten ein Stachel im Fleisch.
Junge Frau: Huhuhuhuhuhuhuhuhuhu, hihihihihihihihihihi, au secours, maman, die weibliche Gefühle deiner einzigen Tochter geraten endgültig außer Kon…eeeeeyyyyyyyyyy, mein A*sch, hihihihihihihihihihi!
Fiona: Komm, wir gehen kurz vom schmalen Pfad runter, sonst schafft’s Madame Accoutrée im aufwendigen Kleidchen nie vorbei.
Junge Frau: Hihihihihihihihihihi, schau nur, mein Geliebter, in Deutschland tragen sie Lumpen.
Friederike: Meint die uns?
Junge Frau: Tse, erbärmliche Armut!
Fiona: Tse, eingebildete Kuh!
Junge Frau: Oh, mein Geliebter, ohrfeige sie sofort, j’éxige réparation!
Friederike: Keinerlei Reaktion.
Fiona: Stattdessen umfasst der heißblütige Galan ihren Arm in noch eindeutigerer Absicht.
Friederike: Auch ne Reaktion.
Junge Frau: Hihihihihihihihihihi, welche unanständigen Sachen planst du bloß, mein Geliebter? Hihihihihihihihihihi, nichts verraten, es ist alles so unglaublich aufregend für mich dans ce bois!
Fiona: Hunderttausend Euro Einsatz, was gleich irgendwo hinterm Dickicht geschieht.
Friederike: Tja, der Chevalier de Seingalt lehrt’s.
Fiona: Casanovas Memoiren, hierzulande offenbar eine Art Bibel.
Friederike: Im Hotel, in der Stadt, überall hängen Bilder mit Szenen aus dem berühmten Werk – teils ziemlich schlüpfrigen Inhalts.
Fiona: Äußerst wichtiger Themenwechsel. Woher wusste die Tussi überhaupt, dass wir Deutsche sind?
Friederike: Dafür brauchst du kein Baumschulabitur. Überleg. Wie viele Personen ungefähr sind Fiona und Friederike seit ihrer vorgestern erfolgten Einreise modern gekleidet begegnet?
Fiona: Null?
Friederike: Anscheinend gehen wir optisch weder als spanische noch kroatische Touristinnen durch.
Fiona: Aber Schweden könnte passen. Oder Belgien. Oder Österreich. Oder Irland.
Friederike: Oder Litauen?
Fiona: Egal, Hauptsache, Madame Accoutrée bleibt artig verschwunden.
Friederike: Oh, mein Gott, am Ende schreit Madame Accoutrée mitten in Aktion puterrot auf!
Fiona: Weil Maman neugierig zusieht.
Friederike: Ja, und flieht notdürftig zurechtgemacht jenen schmalen Pfad entlang des Absperrzauns zu uns zurück. Madame Accoutrée fragt süßlich: „Wollen wir allerbeste Freundinnen werden, die sich alles anvertrauen?“
Fiona: Absolute Horrorvorstellung.
Friederike: Ähm…betrachten wir die Tapetendarstellungen unseres Hotelzimmers eventuell zu intensiv?
Fiona: Möglicherweise.
(Gekreische vom Schloss): Un miracle, le Roi Soleil m’a fait signe de la main, je vais m’évanouir!!!!!
Friederike: Boah ey, die Sonne knallt voll grell ins Waldstück rein.

Vermutlich benötigt Friederike trotz vieler Bäume bald ihre lunettes de soleil aus ihrem sac à main.
Fiona: Ok, doch vorher nochmal ein äußerst wichtiger Themenwechsel. Warum, bitteschön, nannte Mister Lover zuerst den französischen Originaltitel, zitierte anschließend jedoch auf Deutsch? Sorry, ça ne me laisse tout simplement pas.
Friederike: Madame Accoutrées Stecher hielt uns ebenso für deutsche Mädels und dachte: „Boah ey, Alter, jede Wette, diese zwei heißen Bienen können perfekt Französisch; die Sprache allerdings beherrschen beide sicherlich nur teilweise.“
27. 08. 2026
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