Fotogeschichten

III – #7 – KP

Szene VII: Übersetzung

1345 Wörter, 7 Minuten Lesezeit.

1 Foto.

Psychiater:

In Interviews zu Motiven einstigen Tuns befragt, machte er stets traumatische Kindheitserlebnisse dafür verantwortlich, schuldlos in die düstere Welt bezahlter marodierender Landsknechte geraten zu sein. Demnach hatte er 1992 als Zwölfjähriger während einer Straßenbahnfahrt von Frankfurt nach Offenbach kurz vor dem Halt Stadtgrenze/August-Bebel-Ring, welcher damals zugleich die Tarifgrenze zwischen beiden Städten bildete, entsetzt realisiert, dass nach seinem Rendezvous am Frankfurter Südbahnhof kein Pfennig mehr zum obligatorischen Lösen eines Weiterfahrtickets der Stadtwerke Offenbach im ledernen Brustbeutel klingelte. Weinend vor Angst, womöglich als Schwarzfahrer erwischt zu werden, stieg der ehrliche Pfadfinder alsdann aus, sah hilflos zu, wie die Linie 16 ohne ihn in Richtung Marktplatz davonrollte. Anstatt für soviel Ehrlichkeit jedoch Dank oder Anerkennung zu ernten, bestrafte die daheim ungehalten wartende Mutter ihren erheblich verspätet eintrudelnden Sohn mit dreimonatigem Taschengeldentzug.

Marquise de Hanau-Münzenberg: In Offenbach verkehren doch gar keine Straßenbahnen.

Psychiater: Fakt. Der Betrieb auf dem Offenbacher Teilabschnitt der 16 wurde 1996 aufgrund des ein Jahr zuvor eröffneten S-Bahntunnels eingestellt.

Marquise de Hanau-Münzenberg: Oh.

Psychiater: Und bis zum Start des RMV im Mai 1995 mussten aufgrund geltender FVV-Tarifbestimmungen aus Frankfurt kommende Fahrgäste tatsächlich an der Station Stadtgrenze/August-Bebel-Ring entweder im Straßenbahnzug beim Fahrer oder rasch draußen am Automaten ein Ticket für Offenbacher Gebiet lösen und entwerten – wofür in den Wagen eigens kleine gelbe Stempelautomaten montiert waren. Ich selbst erinnere mich noch deutlich an die freundliche Damenstimme vom Band:

Nächste Haltestelle: Stadtgrenze/August-Bebel-Ring. Stadt- und Zahlgrenze. Zur Weiterfahrt in Richtung Marktplatz mit der Linie 16 benötigen Sie einen Fahrschein der Stadtwerke Offenbach.

In Oberrad fing ich stets wie ein hypernervöser Zappelphilipp damit an, sämtliche Hosentaschen nach dem bald benötigten Fahrgeld abzutasten. Schweißtreibende Panikgedanken übten während des hektischen Suchens zusätzlich Druck aus: „Sche*ße, was, wenn du nicht zahlen kannst? Aussteigen? Schwarzfahren?“ Als wär’s gestern gewesen.

Marquise de Hanau-Münzenberg: Hmmm…die angeblichen Stimmen, von denen Heiner faselte…bestimmt dieses Sprechband. Sein traumatisches Erlebnis von 1992 im Straßenbahnwaggon. Trotz klarer Aufforderung konnte er sich aufgrund Alexandras hoher Ansprüche am Frankfurter Südbahnhof einfach keinen Fahrschein leisten. Und Heiners kindisches Rumgeheule, eine dramatische Auseinandersetzung mit der nicht minder traumatischen Erfahrung, trotz größter Ehrlichkeit von Mama später bestraft worden zu sein.

Psychiater: In dir steckt eine kompetente Psychiaterin! Im Artikel steht aber noch mehr. Eigenen Aussagen zufolge wurde Kleiniheini auf dem anschließenden Fußweg zum unfreiwilligen Augenzeugen gewalttätiger Auseinandersetzungen zwischen Steine werfenden Demonstranten, welche die Schließung der Kaiser-Friedrich-Quelle verhindern wollten, und Polizeikräften. Laut Artikel DIE Zäsur in seinem jungen Leben. In Happy Together berichtete er:

Suddenly, two pretty young militant girls flirted with me. They offered six bags of fruit candies. In return, I was supposed to fetch stones from nearby construction sites for ninty minutes, passing by the burning car tires everywhere. That’s how I got an early introduction to paid mercenary business.

Vom hautnah erlebten Straßenkampf traumatisiert hätte es ihn 1998 als Abiturient –trotz anerkannter Kriegsdienstverweigerung– nach Mittelamerika verschlagen, um sich einer von Capitán Zacharias de Kerk geführten Söldnerkompanie zunächst als Hilfsbursche anzudienen. Nochmaliges Zitat: 

Diese ganzen Behauptungen konnten aber nie zweifelsfrei überprüft werden. Sie sind wohl als Teil selbst gestifteter Mythenbildungen um seine Person zu interpretieren, welche den späteren legendären Ruf als Putschist Heiner der Hitzkopf zusätzlich verklären sollten. 

Bewiesen ist lediglich: Unser Mädchen für alles avancierte unter de Kerk rasch zum Comandante und führte Anfang Januar 2000 östlich von Kinshasa als Colonel Denard erstmals eigene Einheiten. Aus nie geklärten Gründen löst er seine Truppen noch im selben Monat wieder auf, verlässt über Nacht die Zentralafrikanische Republik Kongo – Ziel unbekannt. Drei Monate später taucht Colonel Denard erneut in Afrika auf, diesmal in Usubalkusafulien. Wie dem auch sei. Für mich als Psychiater klingen Heiners Ausführungen glaubwürdig, erklären sie doch plausibel die von dir beschriebenen Wurf- und Sprungbewegungen; jene wilden Bewegungsabläufe – keine Imitationen des Herbsteiner Bajazz!

Marquise de Hanau-Münzenberg: Sondern vielmehr hochschießende Erinnerungen.

Psychiater: Im Fachjargon Flashsbacks genannt. Erinnerungen an sechs lausige Packungen Fruchtbonbons, die einen aufrichtigen Pfadfinder mit Vorbildfunktion in der Schlacht um Offenbachs heiliges Quellwasser zum Söldnerboy korrumpierten.

Marquise de Hanau-Münzenberg: Jeden Tag eine gute Tat.

Psychiater: Für eine Handvoll Dollar.

Marquise de Hanau-Münzenberg: Endlich zuhause eingetroffen schob Heiner dann auch noch Alexandra den Schwarzen Peter zu, verschwieg eigene Käuflichkeit.

Psychiater: Für einen aufrechten Scout muss das psychische Folterqual gewesen sein. Tja, alles nur, weil’s Bübchen wenige Minuten zuvor Spielball perfider Tarifpolitik geworden war.

Marquise de Hanau-Münzenberg: Hmmm…und mit der Blitzhochzeit versuchte Heiner seine im Straßenbahnabteil auf traumatische Weise gewonnenen Erkenntnisse zu verarbeiten: „Ich bin pleite! Wegen eines Mädchens! Ich bin ein Beta! Ich bin ein Loser!“ In Usubalkusafulien spekulierte er vermutlich: „Söldnerchefs stehen bei Präsidententöchtern hoch im Kurs. Los, die schnapp ich mir!“ Ja, und den Lokomotivführerberuf wählte Heiners Therapeut deshalb aus, um ihm als „Straßenbahnfahrer“ irgendwann wieder angstfreies Überqueren von Stadtgrenzen zu ermöglichen. Logisch, Straßenbahnfahrer brauchen keine Fahrscheine.

Psychiater: Bravo, werte zukünftige Frau Kollegin! Therapeuten bevorzugen ausnahmslos die Lokführermethode. Kontaktherstellungen zum Trauma mit richtigen Tramfahrzeugen würden unzumutbare Konfrontationen mit dem Auslöser darstellen; daher nähert man sich der seelischen Verletzungsursache mittels Ersatzstraßenbahnen.

Marquise de Hanau-Münzenberg: Sprich, Eisenbahnzügen.

Psychiater: Heiners Sitz vorne im Führerstand symbolisiert exakt jenen Sitzplatz, von dem Pfadfinder Heinerli 1992 zwangsweise aufstand, um nicht zum unwürdigen, eventuell sogar ertappten Betrüger zu mutieren.

Marquise de Hanau-Münzenberg: Einleuchtend.

Psychiater: Sämtliche am Offenbacher Stadtgrenzentrauma leidenden Lokführer im Dienst der Deutsche Bahn AG dürfen solche Therapien nur unter strengen Sicherheitsauflagen beginnen. Monatlich erhalten sie vom behandelnden Psychiater für jeden einzelnen Arbeitstag eine gültig gestempelte Imitation des Offenbacher Stadtwerketickets. Diese ist im Führerstand jederzeit griffbereit aufzubewahren; brechen unterwegs unvorhergesehen traumatische Konflikte auf, können Patienten sofort erleichtert aufatmen: „Halleluja, ich bin im Besitz eines rechtmäßig entwerteten Fahrscheins!“ In ihrer Wahnvorstellung verwandelt sich nun der Führerstandsitz prompt in jenen einstigen Straßenbahnsitzplatz, auf dem sie nun als ehrliche Menschen gelassen weiterfahren dürfen.

Marquise de Hanau-Münzenberg: Verstehe.

Psychiater: Und allein deiner wundervollen kreativen Plakataktion, Alessa Marie, verdanken wir Heiners Flashback-Reaktionen. Beim Erblicken des selbstgebastelten Anwerbeschildes schossen ins Unterbewusstsein verdrängte Bilder von 1992 torpedoartig empor.

Marquise de Hanau-Münzenberg: Bilder von auf der Demonstration zornig hochgehaltenen Transparenten. 

Psychiater: Im Nu wechseln für Zugführer Heiner die von Wilhelmsbad weiter Richtung Frankfurt führenden Eisenbahnschienen ihre Bedeutung, indem sie nunmehr jene Straßenbahngleise darstellen, auf der die 16  an jenem Tag von der Stadtgrenze/August-Bebel-Ring ohne Klein Heini bis zum Endpunkt Marktplatz fuhr. 

Marquise de Hanau-Münzenberg: Ok, Herr Doktor, ich übertrage das verständnishalber kurz in meine eigene Sprache. Also. Alessa Marie eilt am 22. September 2017 auf Bahnsteig 1 zum P*inkeln ins nahe Waldstück, hält dabei -vom Offenbacher Stadtgrenzentrauma schwer gebeutelt- das gesamte Wilhelmsbader Bahnhofsgelände für die Straßenbahnstation Stadtgrenze/August-Bebel-Ring.

Die Richtung Maintal weiterführende Trasse, für sie jene früher zwischen Stadtgrenze und Marktplatz verlaufenden Gleise der Linie 16.

Psychiater: Hervorragend! Meine Hochachtung als Mediziner! Als ob du tatsächlich schwer daran erkrankt wärest!

Marquise de Hanau-Münzenberg: Dankeschön!

Psychiater: Angenommen, Heiner der Hitzkopf hätte sein fehlendes Offenbachticket ohne deinen Impuls bemerkt – unvorstellbar! Für am Offenbacher Stadtgrenzentrauma leidende Lokführer repräsentiert nämlich jeder letzte fahrplanmäßige Bahnhof/Haltepunkt VOR einer Stadtgrenze zwanghaft besagte Tramstation; und ihr Zug repräsentiert jene Tram, wo einst das grausame Schicksal zuschlug. Beispielsweise würden traumatisierte Lokführer von Güterzügen trotz grüner Signale lange vorher abbremsen, im Bahnhof Wilhelmsbad schließlich anhalten, aussteigen, vergeblich nach dem Automaten Ausschau halten, danach direkt vor der Lokomotive das Gleisbett blockieren.

Marquise de Hanau-Münzenberg: Äh, wieso?

Psychiater: Jeglicher Möglichkeit beraubt, den geforderten Fahrschein zu erwerben, gleicht die Haltestelle Stadtgrenze/August-Bebel-Ring unüberwindbaren Hindernissen. Ihr wahnhafter Verstand grübelt, findet für das Fehlen des normalerweise dort befindlichen Automaten dennoch keinerlei Erklärungen. Im Gedankenkarussell hoffnungslos gefangen, versuchen diese armen Schweine daher eine „Straßenbahnweiterfahrt“ um jeden Preis zu verhindern.

Marquise de Hanau-Münzenberg: Gruselig.

Psychiater: Die Forschungsliteratur beschreibt sogar Fälle, in denen das Fehlen des Billetts nicht rechtzeitig vor der Station Stadtgrenze/August-Bebel-Ring aufgefallen war.

Marquise de Hanau-Münzenberg: Sondern?

Psychiater: Erst hinterher. Aus schrecklicher Furcht vor unerbittlichen Kontrolleuren hielten die “Straßenbahnfahrer” daher auf offener Strecke an, kletterten raus, stürzten zur Tarifgrenze zurück.

Marquise de Hanau-Münzenberg: Echt?

Psychiater: Wie Michael M., welcher am 26. November 2015 seine S8 rund zweihundert Meter vor Dietesheim per Notbremsung stoppte, trotz strömenden Regens zur S-Bahnstation Steinheim zurückrannte, Tasten für Fahrkarten der Stadtwerke Offenbach dort am Automaten allerdings vergeblich suchte.

09. 08. 2026

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