Fotogeschichten

II – #7 – FP

Szene VII: Künstlerkritik

1318 Wörter, 7 Minuten Lesezeit.

Hofdame Yvette: Egal, Mädels. Vorschlag. Wir nutzen sinnvoll jene verbleibenden achtzehn Minuten, nehmen auf der Sitzbank gemütlich Platz, checken genüsslich Alessa Maries Account.

Hofdame Chantal: Jaaaaa, super Idee. Überprüfen, welch unüberbietbaren Müll Ilbenstadts allergrößte Fürstäbtissin aktuell auf Instagram postet.

Hofdamen Yvette, Veronique, Sylvie: Hahahahahahahahahaha!

Hofdame Sylvie: Schreck lass nach!

Hofdame Yvette: Nimmt ja immer gruseligere Formen an.

Hofdame Veronique: Unverkennbar, brandneues Konzept.

Hofdame Chantal: Anscheinend vermarktet la grande Marquise ihre bescheuerten Bilderstorys jetzt als so eine Art von Musik.

Hofdame Veronique: Eine fotografierende Fürstäbtissin, die auf Komponistin macht, wie affig ist daaaaaaaaaas denn?

Hofdame Yvette: EY, GUCKT, TRUMP HAT EINEN KOMMENTAR DAGELASSEN!!!!! GIBT’S DOCH GAR NICHT!!!!!

Great work, girl!!!!!!!!!!

Hofdame Sylvie: Das Verifizierungszeichen, tatsächlich!!!!!

Hofdame Yvette: Seht, in der Bio: 45th and 47th President of The United States of America.

Hofdame Veronique: Erbärmlich, wie krampfhaft manche versuchen, im öffentlichen Gedächtnis zu bleiben.

Hofdame Sylvie: Anscheinend dermaßen tief in der Versenkung verschwunden, dass er jetzt sogar schon Deals mit Alessa Marie machen muss.

Hofdame Chantal: Und bei ihr ging’s vermutlich zuvor mit den Followerzahlen rapide bergab.

Hofdame Sylvie: Berechtigterweise.

Hofdame Veronique: Trump, letzter Strohhalm.

Hofdame Yvette: Hahahahaha, Marquischen meint’s bitter ernst. Geht los mit Allegro.

Divertimento für Fotogeschichten C-Dur Op.1 “La Irreguliosa”

ALLEGRO

So wie die im Tokioter Daimyo-Garten ‘Koishikawa-Korakuen’ stehende irreguläre Steinlaterne hinsichtlich Form und Gestalt gegenüber ihrer konservativen Verwandtschaft abweichende Standpunkte vertritt, verweist das von einer jungen Hanauer Sensationsfotografin im elterlichen Frühlingsgarten gierig festgehaltene unregelmäßige Leuchten lebhaft flackernder Krokuskerzenflammen auf sich von der bislang streng kontrapunktisch ausgerichteten Fugentechnik nicht unerheblich unterscheidende heitere sowie unbeschwerte Elemente, welche in dieser Gattung nun den charakteristischen Schwerpunkt fotogeschichtlicher Komposition bilden.

Hofdame Chantal: Wartet, wartet, warte. Diese Bilder kennen wir doch.

Hofdame Veronique: Klarer Fall. Die reibt sie jedem unter die Nase.

Hofdame Chantal: Prahlt mit acht schulischen Japanaufenthalten.

Hofdame Sylvie: Angeberin.

Hofdame Yvette: Ohooooo, Allergnädigste weilten in Tokio! Glückwunsch! Ja, JETZT sind Sie Big in Japan!

Hofdame Veronique: Überhaupt, was ist das für ein ellenlanger Satz? Da gähnst du nach zwanzig Wörtern, schläfst nach dreißig ein. Im Deutschunterricht nie etwas von sinnvoller Punktsetzung gehört, Frau Fürstäbtissin?

Hofdame Yvette: Aaaaaah, jeeeeeeeeeeeeeeetzt kapiere ich den Inhalt, Mädels! Ungelogen, brauchte bei DER Länge dafür fünf Leseanläufe. Achtung, Achtung! Die unübertreffliche Meisterin, Frau Johanna Sebastiana Bach tut hiermit ein für alle mal ihre Stilabkehr vom engen Kontrapunkt hin zu freieren Formen kund! Klatscht Beifall!

Hofdame Chantal: Jaaaaaaaaaaaaaaa, ich begreif’s nun auch allmählich!!!!! Alessa Maries bisherige Werke hießen stets Fotografische Kontrapunktserie. Anders ausgedrückt: Von der ernsten Fuge zum heiteren Divertimento.

Hofdame Sylvie: Ich auch, ich auch, ich auch!!!!! Mit dem Endlossatz soll höchstwahrscheinlich die musikalische Tempoangabe Allegro in Buchstaben übersetzt werden; ihn quasi ebenso schnell runtersprechen wie Pianisten rasch auf dem Piano Allegrostücke spielen.  

Hofdame Yvette: Uralte Aufnahmen.

Hofdame Sylvie: Herbst 2013 beziehungsweise Herbst 2014.

Hofdame Chantal: Krass. Dreht ihren Followern sieben, acht Jahre alte Aufnahmen an.

Hofdame Veronique: Was Fans, anders als wir Insiderinnen, natürlich kaum wissen können.

Hofdame Sylvie: Betrügerin!

Hofdame Yvette: Und zur Krönung die reißerische Selbstbezeichnung: Hanauer Sensationsfotografin

Hofdame Veronique: Wie peinlich ist daaaaas denn? Als ob ihre 08/15 Schnappschüsse gleichrangig mit jenen spektakulären Bildern von der ersten menschlichen Mondlandung sind.

ANDANTE

Die folgenden Ansichten aus einem heimischen Herbstgarten zeigen Betrachtern klar, dass seine Besitzer während dieser Jahreszeit nicht unbedingt nach Japan reisen müssen, um in dortigen Parkanlagen gemächlich den rot leuchtenden Japanischen Fächerahorn bewundern zu können.

Hofdame Sylvie: Immerhin. AndanteGemächlich. Leuchtet einigermaßen ein.

Hofdame Veronique: Aaaaaaaaaaber, ma chèèèèèèèèèère, lass dich doch von der nicht übers Oooooooooohr hauen. Ein Paysan genügt.

Hofdame Yvette: Dass besagter heimischer Herbstgarten gar nicht den Schlosspark meint, sondern Familie Kaisers früheres Doppelhausgrundstück, verrät sie freilich nicht. Fehlende Jahresangaben suggerieren es jedoch.

Hofdame Sylvie: 2014 entstanden, drei Jahre bevor Kaisers in Schloss Philippsruhe einzogen.

Hofdame Veronique: Das wäre ja noooooooooooooooch peinlicher, an vorgräfliche Zeiten zu erinnern, in denen Dennis Kevin noch als Krankenpfleger im Universitätsklinikum Frankfurt auf der Intensivstation arbeitete und Constanze…

Hofdame Chantal: Sorry, Unterbrechung. Jessica. In Bernadette Constanze Amalia hat sie sich erst 2017 umbenannt. Weil’s höfischer wirkt.

Hofdame Veronique: Stimmt, stimmt, stimmt, vergesse ich jedes Mal. Also, Korrektur, und Jessica als Fremdsprachensekretärin für Französisch/Spanisch ihr Geld verdiente.

Hofdame Sylvie: Teilzeit wohlgemerkt. 

Hofdame Yvette: Vertuschung nennt man das.

Hofdame Chantal: Exactement. Vorgaukeln falscher Tatsachen.

SCHERZO

An einem strahlenden Herbsttag kippte die nahe des Leuchtturms von Enoshima wohnende Katze Neko plötzlich mitten auf dem Weg vor lauter Lachen seitlich um, als sich nämlich neunzehn, vom schweißtreibenden steilen Treppenaufstieg sichtlich erschöpfte Austauschschüler und deren zwei Lehrer schnaufend an ihr vorbeischleppten, um danach für die ihnen im Reiseführer versprochenen Ausblicke auf den Pazifik sowie Japans Küste mit zusammengebissenen Zähnen abschließend noch den hohen Anzeiger wichtiger Schiffssignale erklimmen zu müssen.

Und als Neko sah, wie alle bloß ihre Köpfe schüttelten, wütend über die eigene Dummheit empört in Richtung der gerade von unten bis hierher bewältigten Stufentreppe zurückblickten, wobei nicht wenige lauthals über die kleine Insel schimpften, miaute sie kichernd in ihre Pfote: “Hihihihihihihihihihi, schon wieder kommen Touristen, denen es leider erst hier oben auffällt, dass sie den wirklich äußerst beschwerlichen Aufstieg sehr viel bequemer per Rolltreppe hätten bewältigen können.” 

Einige Zeit darauf fiel Neko plötzlich erneut vor schallendem Gelächter seitwärts hin, als ihr nämlich dieselbe Gruppe, diesmal jedoch im Vergleich zur Begegnung vorhin körperlich vollkommen verausgabt sowie klatschnass geschwitzt, aus Richtung der weit unterhalb gelegenen Meereshöhlen mit letzten vereinten Kräften japsend entgegenschwankte. 

Und sofort bemerkte die Katze, wie sich alle dabei an die Stirn tippten, zornig über zu viel verfrühten Optimismus voller Verachtung auf den nun endlich hinter ihnen liegenden stufigen Leidensweg zurückblickten, gleichzeitig Enoshima unüberhörbar verwünschten, worauf sie wiederum in ihre Pfote miauend sinnierte: “Hihihihihihihihihihi, auch sie haben wohl in den Grotten das Aufsichtspersonal fröhlich gefragt, wo denn die bequeme Rolltreppe nach oben sei.”

Hofdame Veronique: Schock! Nun wird die Angelegenheit erst so richtig kriminell!

Hofdame Yvette: Oh, wie fies!

Hofdame Sylvie: Oh, wie mies und gemein!

Hofdame Veronique: Jetzt mal im Ernst, Mädels, was deeeeenkt sie sich eigentlich? Was deeeeenkt sie sich eigentlich?

Hofdame Sylvie: Arme Neko! Frech, einfach nur frech, der unschuldigen Katze Schadenfreude zu unterstellen!

Hofdame Chantal: Was fällt der überhaupt ein?

Hofdame Veronique: Ich frage euch, meine Lieben: Wie lieblos, wie abgebrüht, wie eiskalt wie muss man im Herzen sein? Was ist in frühester Kindheit schiefgelaufen?

Hofdame Sylvie: Das süße Kätzchen schläft in wohlverdienter Ruhe, träumt dabei sicher schön von Mäusen.

Hofdame Veronique: Doch anstatt leise und diskret weiterzulaufen, neeeeeiiiiinnnnn, sie bleibt stehen, lichtet sanft schlafende Tiere rücksichtslos für eigene Zwecke ab.

Hofdame Yvette: Dein Vater ist doch Anwalt. Urheberrechtsverletzung?

Hofdame Veronique: Eindeutiger Copyrightverstoß! Diese Bi*tch hat skrupellos ihre Fotokamera ausgelöst, ohne Neko vorher um Erlaubnis zu bitten. Neko wurde ungefragt geknipst.

Hofdame Chantal: Zack, Post gemeldet. Es reicht. Höchste Zeit, dass Madame la Marquise auf Social Media gestoppt wird! 

Hofdame Sylvie: Super, Chanti! Bevor schlimmeres geschieht.

PRESTO

Anders als im 2. Satz führen hingegen folgende Aufnahmen rasch zu der Erkenntnis, dass Besitzer heimischer Japanischer Fächerahorne sich für den Herbst frühestmöglich nach günstigen Flügen ins Land der aufgehenden Sonne erkundigen sollten, wenn sie während dieser Jahreszeit beim Spaziergang durch Tokios Daimyo-Garten ‘Rikugien’ einer irregulären Steinlaterne begegnen möchten.  

Hofdame Veronique: Seltendämlicher Schrott. Waaaaaaaaaas für ne Logik! Nein, jetzt mal im Ernst, Mädels, was deeeeeeeeeenkt sie sich eigentlich? Was deeeeeeeeeenkt sie sich eigentlich? WAS, bitteschön, wenn die Besitzer KEINER irregulären Steinlaterne begegnen möchten?

Hofdame Sylvie: Gut Frage, nächste Frage.

Hofdame Yvette: Brilliante Textanalyse, ma chère!

Hofdame Chantal: Dann fliegen sie halt nach Mallorca. 

Hofdame Sylvie: Eben. Oder fahren an die Nordsee.

Hofdame Yvette: Oder bleiben in der Region.

Hofdame Sylvie: Oder verbringen Urlaub auf Balkonien.

Hofdame Veronique: Schon mal intensiver drüber nachgedacht, Fräulein Neunmalklug, dass Japanischer Fächerahorn für Gartenbesitzer eventuell einfach nur ein wunderschönes Ziergewächs darstellt?

Hofdame Sylvie: Dessen leuchtendes Rot im Herbst optisch echt Eindruck schindet. Voll edel. Meine Eltern haben auch einen stehen; allerdings würden sie dafür niemals extra nach Japan düsen. Dieses Land käme nie auf ihre Löffelliste; für keine irreguläre Steinlaterne der Welt.

Hofdame Yvette: Also, warum textet du dann sinnlos Leute zu, Herzchen?

12. 03. 2026

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