Szene II: Empirischer Einwand
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Marquise de Hanau-Münzenberg: Bingo! Plötzlich verlässt ein dubioser Typ die Fahrerkabine, schleicht nervös herum, schaut ängstlich umher, sucht etwas Bestimmtes. Scheinbar vergeblich, woraufhin sein Blick zu mir herüberschweift. “He, du da hinten mit dem Plakat! Warte mal ne Sekunde, Kleine!” Rasch überquere ich die Straße. Was will der Zugführer von mir?
Psychiater: Und?
Marquise de Hanau-Münzenberg: Herr Doktor, das glauben Sie nie und nimmer, also, kaum auf der anderen Seite, hüpft mir dieser Mann bereits mit Riesensprüngen entgegen, ja, Sie können sicherlich meine Irritierung erahnen, als er zwischen dem rostigen Straßenschild sowie dem nicht minder verrosteten Oberlei…
Psychiater: Langsamer, des Doktors Kugelschreiber glüht. Also…der Zugführer hüpfte auf dich zu?
Marquise de Hanau-Münzenberg: Die Bewegungsabläufe erinnern prompt an den Bajazz beim Herbsteiner Fastnachtsumzug – nur weitaus dramatischer ausgeführt. Bombastisch! Phänomenal! Jeder Sprung, tausend Hingucker! Verrückt, mal hält er sich verzweifelt beide Gehörgänge zu, mal schleudern seine Hände wutentbrannt imaginäre Gegenstände durch die Luft!
Psychiater: Wurdest du angesprochen?
Marquise de Hanau-Münzenberg: Kurz bevor das merkwürdige Springwesen vor mir steht, stoppt es, nimmt wie ein armseliges Häufchen Elend auf dieser metallenen Quervorrichtung Platz, wirkt völlig verstört. Mich interessiert der Grund, indes mein Gegenüber gebietet mit zittrig gegen die Lippen gehaltenen Zeigefingern unverzügliches Schweigen. “Pssssst! Gott sei Dank, dass ich dich hier antreffe, Kleine! Bist ja so schick angezogen, sicher aus feinem Haus.” “Oui, Monsieur, ‘robe à l’anglaise‘. Papa und Mama sind bald das neue Grafenpaar von Hanau-Mün…” Unhöfliche Unterbrechung: “Psssssst! Sag, vornehme Schönheit, kann man hier frei sprechen? Sind irgendwo Wanzen oder Kameras versteckt? Psssssssssst…nichts sagen…ja…sie ist wieder da…ich kann sie hören…wieder diese Stimme…überall diese Stimme…psssssssssst!” Vor Neugierde platzend versuche ich geschickt, Geheimnisse zu entlocken: “Aber Sie sollen nicht zufällig Frankreich von den Engländern befreien wie damals Jeanne d’Arc?”
Psychiater: Alessa Marie!!!!! Was hast du getan?????
Marquise de Hanau-Münzenberg: Äh…weshalb die Aufregung?
Psychiater: Es ist äußerst unklug, Stimmen hörenden Menschen gegenüber heikle Geschichtsvergleiche anzustellen. Falsch interpretiert, verschlimmern sie unter Umständen bestehende psychische Leiden, machen unerträglichen Alltag endgültig zur Höllenqual. Kaum auszudenken, der arme Teufel kennt Johannas Biographie, hat fortan bis ans Lebensende seine elendige Verbrennung als Hexe am 31. Mai 1431 in Rouen vor Augen. Fürs nächste Mal.
Marquise de Hanau-Münzenberg: Wusste ich’s doch, es gibt Hexen!!!!!
Psychiater: Alessa Marie!!!!!
Marquise de Hanau-Münzenberg: Uuuuuppppps! Und ich wunderte ich mich, warum nach meiner Frage seine Augen panisch glitzerten, sein gesamter Körper wie bei -15°C bibberte. “Ich flehe dich an, Mädchen, du musst mir helfen“, schluchzt er, „wo finde ich hier den Fahrkartenautomat? Im Zug befindet sich keiner.” Ich zeige lässig aufs gewünschte Objekt. Der Bajazz eilt hin, schaut, trommelt mit geballten Fäusten ablehnend dagegen, jammert los: “Nicht der vom ‘Rhein-Main Verkehrsverbund’!“ „Öhm, sondern?“ „Der für die ‘Stadtwerke Offenbach’! Ein kleiner, gelber Stempelautomat!” “Öhm, keine Ahnung!” Daraufhin wendet er sich ruckartig zum Zug um, sinkt heulend zu Boden. “Mamaaaaa…ich hatte doch keinen! Mamaaaaaaaaaa…du…die Alexandra wollte am Kiosk ganz viele Lollis! Und Kaugummis! Und Lakritze! Ehrlich, Mama, ehrlich, ich hatte doch keinen!” Voll daneben.
Psychiater: ACH, DU MEINE GÜTE!
Marquise de Hanau-Münzenberg: Äh, was?
Psychiater: Symptome schwerster psychotischer Schübe, hervorgerufen durch ein in Kindertagen erlittenes Offenbacher Stadtgrenzentrauma. Sigmund Freud befasste sich 1925 mir dieser gefährlichsten Form auftretender Zwangsneurosen eingehend.
Marquise de Hanau-Münzenberg: Offenbacher Stadtgrenzenwas? Herr Doktor, könnte es sein, dass ich Ähnliches habe?
Psychiater: Inwiefern?
Marquise de Hanau-Münzenberg: Drei Tage nach der großen Karusselleröffnung schaute ich heimlich mit meinen Freundinnen den japanischen Horrorfilm Carved – The Slit-Mouthed Women. Trotz ausdrücklichen Elternverbots. Abends. Bei Amanda. Seither ist es mir psychisch unmöglich, für unsere ausgiebigen Einkaufstouren auf Frankfurts Zeil von Wilhelmsbad aus die Regionalbahn zu nehmen. Jene langgezogene Kurve in Richtung Maintal erweckt jedes Mal grässliche Visionen. Kurz vor Hanaus Stadtgrenze hält der Zug abrupt. Fensterglas klirrt. Schreie. Schwarze, weiß dampfende Monsterkrallen langen gezielt herein, ergreifen gierig Alessa Marie. Mariella umklammert todesmutig meine Beine, vergeblich, alsbald ermattet tapfere Mädchenkraft. “Süße, muss loslassen, verzeih mir, ich liebe dich!” Kreischende Insassen, hilflose Zeugen, wie mich die fürchterliche Schreckensgestalt in den angrenzenden Wald verschleppt. Ziel, das unterirdische, finstere Karussellgewölbe, wo bereits mehrere unglückliche Jugendliche eingekerkert sind. Herr Doktor, grauenvoll, sobald heruntergehende Schranken baldige Einfahrt unseres Zuges ankündigen, erblasse ich unter heftigen Schweißausbrüchen. Verzerrte geschminkte Mundpartien röcheln todeskampfartig. Beruhigungsversuche meiner Freundinnen, vergebens, wir müssen rüber auf Bahnsteig 2, den Umweg über Hanau Hauptbahnhof fahren.
Psychiater: Was ja nicht unbedingt die verkehrteste Alternative ist.
Marquise de Hanau-Münzenberg:
Es immer nur eine Frage des Blickwinkels.
Psychiater: Hä?
Marquise de Hanau-Münzenberg: Fatoni, Narkolepsie.
Psychiater:
Armageddon’s just a matter oft time
Marquise de Hanau-Münzenberg: Hä?
Psychiater: Kiss, War Machine.
Marquise de Hanau-Münzenberg: Egal. Jedenfalls, besagte Angstattacken, besonders extrem. Mein Körper verharrt im Schockzustand, rührt sich null Millimeter vom Fleck. Caislin fächelt mir dann Luft zu, bis die Regionalbahn abfährt und endlich hinter der langgezogenen Biegung verschwindet. Erst JETZT vermag ich einigermaßen klare Gedanken zu fassen. In Gottes Namen, helfen Sie mir, Herr Doktor, es geht nicht mehr!!!!!
Psychiater: Nur keine Panik auf der sinkenden Titanic! Wie ich ja unserem damaligen Vorgespräch entnehmen konnte, bist du eifrige Teilnehmerin am alljährlichen Schüleraustausch mit Tottori. Japan, ein faszinierendes Land. Verständlich, dass dir nach jedem Rückflug die folgenden Monate qualvoll vorkommen. Dementsprechend fühlst du dich in Hanau wie in einem dunklen Verlies eingesperrt, zum ohnmächtigen Warten verurteilt. Jene Mitgefangenen stehen für deine Mitaustauschschüler, denen es ebenso ergeht. Ihr seid jung, wollt raus in die Welt, ins Land der aufgehenden Sonne, Tokyo erleben, jedoch, die öde Brüder-Grimm-Stadt kettet euch grausam an.
Marquise de Hanau-Münzenberg: Blödsinn. Fühle mich am Main pudelwohl. Seit dem 30. Oktober 2017 residieren wir standesgemäß in Schloss Philippsruhe. Bye bye, Doppelhaushälf…
Psychiater: Dieser Dämon symbolisiert lediglich unbewusste Sehnsüchte, welche dich mit immenser Stärke bereits vor dem nächsten offiziellen Austausch nach Fernost ziehen möchten. Ähnlich wie Rippströmungen unvorsichtige Schwimmer weit aufs offene Meer hinaus. Betrachte ihn daher vielmehr als guten, hilfsbereiten Geist, der sich anderen Menschen liebend gerne plump aufdrängt. Sollte er weiterhin unerträglich nerven, erhältst du von mir vorsorglich simple Aufgaben. Mit deren Hilfe verfliegen seine zugegebenermaßen oftmals lästigen Nebenwirkungen im Nu. Begib dich zum Wilhelmsbader Bahnhof! Lauf von dort gemütlich entlang der Schienen bis Maintal Ost! Nimm anschließend die nächste Verbindung zurück! Daheim realisierst du erleichtert: „Hey, cool, kein Gespenst huschte zwischen den Bäumen hervor!“
Marquise de Hanau-Münzenberg: Undurchführbar.
Psychiater: Wieso?
Marquise de Hanau-Münzenberg: Ganz am Ende von Gleis 1 hängt ein unmissverständliches Hinweisschild. Kein Durchgang! beziehungsweise Betreten verboten!

Zumindest nahm ich es dort am 22. September 2017 beim Beobachten jener langgestreckte Kurve wahr.
Psychiater: Wolltest du am 22. September 2017 nicht vorne an den Schranken anwerben?
Marquise de Hanau-Münzenberg: Musste zuvor dringend für kleine Mädchen, begab mich daher flink zum ausschließlich Insidern bekannten, weit abseits der Straße von Gleis 1 rechts ins Wäldchen führenden Pfad.
Psychiater: Alessa Marie. Ich Psychiater. Du Klientin. Nur, damit die Verhältnisse klar sind. Entweder nimmt Madame la Marquise erteilte Therapieratschläge bereitwillig an oder wir brechen sofort ab. Es ist nämlich unter meinem Niveau, mir von Kassenpatienten Inkompe…
Marquise de Hanau-Münzenberg: Juhuuuuuuuuuu!!!!! Vielen lieben Dank für Ihre tollen Tipps, Herr Doktor!!!!! Dachte schon, ich sei plemplem!!!!!
09. 05. 2026
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