Szene V: Sehnsuchtsgefühle
Hofdame Yvette: Kommt, lasst uns rüber auf die andere Straßenseite wechseln; dadurch sind wir Constanze ein Stückchen näher.
Hofdame Sylvie: Super Idee!
Hofdame Yvette: Ehrlich gesagt, Sylvie, zerbreche ich mir über deine soeben gestellte Frage momentan gar keinen Kopf. Vielmehr schweift mein Blick voller Verlangen geradeaus in Richtung der ruhmreichen Grafschaft Hanau-Münzenberg.

Hinter den hohen Bäumen im Hintergrund verläuft die Maingrenze.
Hofdame Veronique: Pflichte dir bei, Yvette. Kaum dreißig Minuten außer Landes, schon quälen Entzugserscheinungen.
Hofdame Yvette: Das Hofleben, berauschend wie Drogen.
Hofdame Sylvie: Zugegeben, Covid-19 führte hier ebenfalls zu einschneidenden Zäsuren.
Hofdame Veronique: Im Schloss flattert der Begriff minimalisme versaillais umher.
Hofdame Chantal: Prachtaktivitäten seit März 2020 in deutlich abgespeckter Form – und auf zwingende Anlässe beschränkt.
Hofdame Sylvie: Schlichtes Rahmenprogramm.
Hofdame Chantal: Nehmen wir beispielsweise bedeutende Empfänge; vor CoVid-19 fanden anlässlich solcher Ereignisse in der als Gräfliches Opernhaus dienenden alten Orangerie opulente, verschwenderische Barockopernaufführungen statt.
Hofdame Yvette: Inszeniert zur unmissverständlichen Unterstreichung von Dennis Kevins unübertrefflich strahlender Fürstenherrlichkeit.
Hofdame Sylvie: So schrieb es bis Lockdown 1 streng höfisches Protokoll vor.
Hofdame Veronique: Ersatzweise spielt seitdem der Hofcembalist diverse Stücke.
Hofdame Chantal: Wie letzte Woche unter anderem Francis Hopkinsons 1788 veröffentlichte Seven Songs for the Harpsichord or the Forte Piano.
Hofdame Sylvie: Eigens ausgesucht für den angereisten Verlierer der US-Wahl 2020.
Hofdame Veronique: Ehrlich, Mädels, ich hätte Trump SO niemals erkannt; dachte bei der feierlichen Ankündigungszeremonie zuerst, Ludwig XIV. persönlich schreite einher – ernsthaft!
Hofdame Yvette: Warum er wohl vier Wochen lang ausgerechnet im vergleichsweise schlicht ausfallenden Versailles am Main residiert? Milliardenschwere Rentner, luxuriöse Privatresidenz einschließlich Golfplatz in Mar-a-Lago, Florida, vorhanden, haben Schloss Philippsruhe eigentlich gar nicht nötig.
Hofdame Veronique: Um vielleicht nun im Ruhestand die Grafschaft Hanau-Münzenberg privat kaufen zu wollen – wie vor zwei Jahren als President of The United States of America Grönland für die USA?
Alle Hofdamen: Hihihihihihihihihihi!
Hofdame Sylvie: Jedenfalls, vorerst vorbei jene Ära, als Hanau-Münzenbergs Gräfliches Opernhaus zu Ehren des frisch akkreditierten britischen Botschafters Giulio Cesare in Egitto in nie zuvor erlebtem Prunk zeigte.
Hofdame Yvette: Georg Friedrich Händels großartiges Bühnenwerk. Das war am 23. Oktober 2019.
Hofdame Chantal: Heute, am 08. September 2021, regiert vergleichsweise puritanisch anmutende Bescheidenheit.
Hofdame Yvette: Gottseidank geht es durch die am 23. August eingeführte 3G-Regel spürbar aufwärts.
Hofdame Veronique: Doch trotz anhaltender Pandemie, trotz schmerzhafter Lockdowns, trotz ständig wechselnder Corona-Schutzvorschriften, unsere Faszination bleibt ungebrochen.
Hofdame Yvette: Bizarres Elysium, welches vier frischgebackene Abiturientinnen im Juli 2019 betreten durften.
Hofdame Chantal: Wahr gewordene Märchenwelten. Auf Schritt und Tritt vermittelt Schloss Philippsruhe den Eindruck, plötzlich, wie per Zauberhand, an einem der von Jakob und Wilhelm Grimm erwähnten Königshöfe zu verweilen.
Hofdame Sylvie: Oh mein Gott! Jeden Augenblick promeniert Dornröschen samt tapferem Retter durchs Parkgelände, hach, die Verlobten hauchen sich einander neckend unablässig liebende Küsse zu!
Hofdame Yvette: Nebenjob Grimm’sche Märchenfigur, heißbegehrt bei deutschen Oberstufenschülern und Studenten.
Hofdame Veronique: Oh, mein Gott! Oder Schneewittchen und sein Prinz, in der nahen Christuskirche soeben kirchlich getraut, umtanzen albern das Teichbecken, werfen kichernd rückwärts über die Schultern unzählige Glücksmünzen hinein!
Hofdame Sylvie: Oh, mein Gott! Und am Haupteingang wartet währenddessen ihre goldene Kutsche mit knallbunter Aufschrift Jeunes mariés, welche sie geschwind ins romantische Flitterwochenvergnügen chauffiert!
Alle Hofdamen: Oh, mein Gooooooooooooooooooooooooott!!!!!
Hofdame Veronique: Betörend.
Hofdame Sylvie: Fremdartig.
Hofdame Chantal: Begeisternd.
Hofdame Yvette: Ein Anachronismus.
Hofdame Veronique: Denn würden medizinische Schutzmasken, Mindestabstandsregeln, Laptops, Smartphones, Elektrizität, fließend warmes und kaltes Wasser, starker Straßenverkehr auf der Philippsruher Allee, nicht daran erinnern, dass menschliche Zivilisationsgeschichte mittlerweile im Pandemiejahr 2021 eingetrudelt ist, wahrlich, ich fühlte mich gleichsam einer circa 1775/1780 in einem vornehmen europäischen Residenzschloss tätigen Hofdame.
Hofdamen Sylvie, Chantal, Yvette: Nicht nur du, Süße!
Hofdame Chantal: Angefangen bei Seiner Durchlaucht Dennis Kevin I. von Gottes Gnaden Graf von Hanau-Münzenberg bis hinunter zur kleinen Waschmagd, alle tragen stets die ihnen standesgemäß gebührende Kleidung jener Epoche.
Hofdame Sylvie: Gesetzlich vorgeschrieben. Nachzulesen im Décret sur l’étiquette vestimentaire et l’lapparence extérieure obligatoire à la cour de Hanau-Muenzenbergue.
Hofdame Veronique: Datiert vom 12. Dezember 2019
Hofdame Yvette: Weshalb nonkonform Gekleidete seither vorm Tor kategorisch abgewiesen werden.
Hofdame Sylvie: Stimmt. Aber vielleicht sollten wir lieber dezent umkehren.
Hofdame Chantal: Sonst kontrolliert uns der Zoll wirklich noch hier am Bahnübergang.
19. 02. 2026
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