Fotogeschichten

II – #2 – RR

Szene II: Spuren

Ex-Hofdame Juliette: “Schau nicht zurück, mein kleines Küken“, mahnte eindringlich die Gänsemama, „es ist gefährlich, in die Vergangenheit zurückzuschauen! Das bringt Unglück!“ Fabienne, du weißt, mit Abstellen der Koffer haben wir die Grafschaft Hanau-Münzenberg unwiderruflich quittiert.

Ex-Hofdame Fabienne: Ich schaue nicht zurück.

Ich betrachte lediglich Reifenabdrücke im Matsch.

Ex-Hofdame Juliette: Toll.

Ex-Hofdame Fabienne: Rein theoretisch wäre es möglich gewesen, dass Monsieur Chauffeur mangels Folgeauftrag auf dem Waldparkplatz weiterhin zur Verfügung steht.

Ex-Hofdame Sandrine: Mon dieu, quelle illusion!

Ex-Hofdame Nathalie: Süße, vorhin etwa den Geräuschpegel des Automotors überhört? Dem Dröhnen nach zu urteilen konnte der anscheinend nicht schnell genug davonbrausen.

 Ex-Hofdame Juliette: Phhhhh, überhaupt, mit DEM Fritzen würde ich eh NIE MEHR fahren! Wie er uns beim Einsteigen naserümpfend von oben bis unten musterte. Als wären wir in historischen Kleidern, als wären wir mit historischen Frisuren rückständige grüne Marsmädchen. Jede Wette, dieser Kerl ist KEIN Freund von Schloss Philippsruhe, dem neuen Château de Versailles unserer Zeit.

Ex-Hofdame Nathalie: Aber den 5-Euro-Schein Trinkgeld haben seine Finger gierig geschnappt.

Ex-Hofdame Sandrine: Reifenabdrücke hin oder her. Solche Typen benötigen wir eh nicht! Ich tippe gerade eine Textnachricht; Mama wird uns abholen. So, fertig. Und senden.

Ex-Hofdame Fabienne: Wie stellst du dir das vor?

Ex-Hofdame Sandrine: Wir zwängen uns einfach in der Garage raus, nehmen unbemerkt die Durchgangstür zum Garten; abends bei Dunkelheit fahre ich euch dann heim.

Ex-Hofdame Juliette: Klingt nach prompter Rückantwort.

Ex-Hofdame Nathalie: Echt? Schon?

Ex-Hofdame Fabienne: Was schreibt deine Mutter?

Ex-Hofdame Sandrine: Ach, mein Engelchen, weißt du, unfolgsame Töchter, die in Hanau pompös in den Tag hinein leben, packen es garantiert problemlos zu Fuß nach Jügesheim. 

Ex-Hofdame Nathalie: Erinnert spontan irgendwie an jenen, von hastiger Aufbruchsstimmung erfassten Fahrer.

Ex-Hofdame Sandrine: Immerhin probiert.

Ex-Hofdame Fabienne: Ich möchte jetzt wirklich nicht allzu pessimistisch orakeln, doch seid versichert, wir übrigen drei sparen uns lieber uns den Griff zum Smartphone.

Ex-Hofdame Juliette: Ja, Mädels, gekränkte Eltern lassen unbelehrbare Töchter spüren, welche Konsequenzen es nach sich zieht, wenn frischgebackene, besserwisserische Abiturientinnen entgegen abratender Meinungen Hanau-Münzenbergs prunkvolles Hofleben favorisieren.

Ex-Hofdame Fabienne: Oh, mein Gott, mich überkommen plötzlich schreckliche Schuldgefühle!

Ex-Hofdame Nathalie: Mich auch, Küken, mich auch!

Ex-Hofdame Juliette: Frustriert über eine durch CoVid-19 um den Partyspaß betrogene Oberstufenzeit, kannten junge, vergnügungssüchtige Schulabgängerinnen nach den mit Ablauf des 07. April 2022 zeitgleich in Hessen und der Grafschaft Hanau-Münzenberg entfallenen verbliebenen Corona-Schutzmaßnahmen ausschließlich EIN Lebensmotto.

Ex-Hofdame Sandrine: Nachholen bis der Arzt Kommt!

Ex-Hofdame Fabienne: Hach, der 07. April 2022! Freudenreiche Wonne, glückselige Erleichterung erfüllte die Herzen!

Ex-Hofdame Juliette: Ja, Mädels, wir hätten misstrauisch werden müssen, als lebenserfahrene Elternpaare unermüdlich vor Einreisen in die für auffallend minimale Einstellungsanforderungen hinlänglich bekannte Grafschaft Hanau-Münzenberg warnten. Drei Tage nach den mündlichen Prüfungen waren Madeleine und Céline im Wochenblättchen auf eine unscheinbare Kleinannonce gestoßen.

Erfolgreiche Abiturientinnen des aktuellen Jahrgangs 2022 für Tätigkeiten als Hofdamen in Vollzeit gesucht. Französische Vornamen von Vorteil. Französischkenntisse für einfache Konversation (idealerweise ausbaufähig), aber nicht Bedingung. 

Eine Mobilfunknummer. Keine Bewerbungsadresse. “Kommt, wir rufen einfach mal auf Französisch an, aus purem Spaß, möchte wissen, wer sich meldet”, ulkte Coralie.

Ex-Hofdame Nathalie: Fünf Minuten parler en francais mit Ihrer Durchlaucht höchstpersönlich. Coralie am Smartphone perplex, als Beste im Französisch-Leistungskurs dennoch sprachlich absolut souverän.

Ex-Hofdame Fabienne: Vorstellungsgespräch, 25. Juli 2022.

Ex-Hofdame Sandrine: So trafen acht abenteuerlustige Jügesheimerinnen in Schloss Wilhelmsbad ein.

Ex-Hofdame Juliette: Ein gewisse Irritationen auslösender Ort. Hanaus gräfliches Residenzschloss befindet sich bekanntlich in Kesselstadt.

Ex-Hofdame Nathalie: Ok, Mädels, zugegeben, bis zuletzt vermutete insgeheim ohnehin jede eine Fake-Anzeige.

Ex-Hofdame Fabienne: Hofdamen von Bernardette Constanze Amalia Gräfin von Hanau-Münzenberg Gräfin von Bernstein-Mechthild? Per Inserat? Ausgerechnet wir? Zu schön, um wahr zu sein!

Ex-Hofdame Sandrine: Anstatt jedoch unverrichteter Dinge umkehren zu müssen, gewähren am Eingang zwei Dienerinnen unerwartet Einlass. Eine höhere Hofangestellte geleitet ins obere Stockwerk, zu Tür, welche zwei andere Lakaiinnen mit demselben Maß an Professionalität öffnen.

Ex-Hofdame Nathalie: Dann…dieses übertrieben kitschig eingerichtete Zimmer…nun ja…wir merken, wir stören im infantilen Rokoko-Disneyland.

Ex-Hofdame Fabienne: Unsere möglichweise künftige Arbeitgeberin, zuvor offenbar rasch aus den Federn gesprungen, notdürftig etwas übergeworfen. Eine wesentlich jüngere Frau fühlt sich dadurch im Bettchen arg vernachlässigt, macht aus weiblichem Verlangen keinen Hehl.

Ex-Hofdame Nathalie: Fünfminütiges belangloses Gerede ohne jeglichen Sinn, langweiliges Blabla, das niemanden interessiert.

Ex-Hofdame Sandrine: Acht abenteuerlustige Jügesheimerinnen mochten’s anschließend kaum glauben, die Welt, sämtlichen Unkenrufen zum Trotz, ein rosafarbener Ponyhof. Alle hatten den Job!

Ex-Hofdame Juliette: Exakt an DIESEM Punkt, Mädels, sollten wir ehrlicherweise zähneknirschend Buße tun. Einholen seriöser Informationen bezüglich des urplötzlichen Abgangs unserer Vorgängerinnen VOR Vertragsunterzeichnung am 31. Juli 2022 wäre Mindestanforderung gewesen. Stattdessen schenkten deren Nachfolgerinnen von der höheren Hofangestellten ihnen unten zum Abschied frech aufgetischten Märchen uneingeschränktes Vertrauen.

Ex-Hofdame Fabienne: Demnach hätte Elaine de Clichy, raschsüchtige Maîtresse des vor entehrenden Wettschulden nach Hanau geflohenen, mittels aus dubiosen Kanälen stammender Gelder -beschafft von General Heiner Jawlonskji- wieder ehrenhaft aufgerichteten Marquis Robert Hyacinthe d’Aurillac, diverse Intrigen gesponnen.

Ex-Hofdame Sandrine: Konkreter Anlass, Elaines während einer Opernpause -man spielte Giuseppe Gazzanigas L’Isola d’Alcina, uraufgeführt 1772- von den Palastdamen Veronique, Chantal, Yvette uns Sylvie im Foyer öffentlich als unvorteilhaft sitzend, phantasielos sowie perfekt fürs Stille Örtchen diskreditierte Turmfrisur.

Ex-Hofdame Fabienne: Räubergeschichte für Idiotinnen!!!!!

Ex-Hofdame Juliette: Daher, Fabienne, geschieht’s uns einfältigen Gänsen vollkommen Recht, wenn Herrn Taxifahrer unlängst wichtigere Dinge beschäftigten. Auf, weiter!

11. 02. 2026

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