Fotogeschichten

#3 KP

Szene III: Botschaften

Marquise de Hanau-Münzenberg: Bei Papas Grafschaft Hanau-Münzenberg. Ich schwöre, seit Juli 2016 werde ich jede Nacht von den fürchterlichen Hexen-Karussellpferden im Traum bedroht. Ihr Haus taucht auf, stets in verschieden Perspektiven. Aus ihm heult ein unsichtbarer, eisiger antarktischer Schneesturm: „Kleine, liebliche Marquise de Hanau-Münzenberg…Bienchen…hörst du uns? Bastele morgen wieder ein Plakat in den Maßen 1,2 X 1,5 Meter, klebe darauf dann ein großen Foto von der ‚Eremitage‘ im Wilhelmsbader Staatspark , und schreib dazu in dicken leuchtenden Buchstaben wie gewohnt folgende Sätze:

Hallo, lieber Lokomotivführer!!!!! Bitte, bring umgehend deinen Zug zum Stehen!!!!! Folge mir anschließend rasch zur nahe im Staatspark Wilhelmsbad gelegene abgeschiedenen ‚Einsiedelei‘, um dort fortan als weiser Eremit über die Schönheit des ältesten Karussells der Welt zu meditieren!!!!!

Versuch nicht uns täuschen, kleine liebliche Marquise de Hanau-Münzenberg, sonst wird Schreckliches geschehen!“

Psychiater: Witz komm raus, du bist umzingelt. Kannst du das Karussell wenigstens präzise beschreiben? Erscheint es zum Beispiel eher verschwommen? Oder mehr verzerrt?

Marquise de Hanau-Münzenberg: Absolut authentisch, würde ich sagen. Als befände ich mich bei strahlendem Hochsommerwetter auf dem Parkgelände. In einem Traum beispielsweise am 05. August 2016. Da lugt es vormittags beinahe vollständig hinter dem in Blickrichtung rechts von ihm stehenden Baum hervor. Ich befinde mich unterhalb der Anhöhe, etwas links von dessen Ästen. Aus ihm heraus fegen meinen emporstarrenden Augen frostige Sturmböen entgegen, in ihnen die Befehle wiederholenden Pferdestimmen. Dennoch herrscht Windstille. Unheimlich. Nicht mal der kleinste Zweig bewegt sich. Verrückt.

Psychiater: Sind dir zufällig bestimmte Details in Erinnerung geblieben?

Marquise de Hanau-Münzenberg: Klar, Doc. Selbst eines jener Absperrbänder, mit welchen man anfangs das frisch angelegte Gelände geschützt hatte, war erkennbar, nachdem sich Szene geändert hatte.

Psychiater: Die Szene änderte sich?

Marquise de Hanau-Münzenberg: Ich spaziere weiter durch die Parklandschaft, entferne mich mehrere Meter vom Karussell. Bleibe stehen. Drehe mich um. Starre es wiederum an. Ohne Vorwarnung peitscht quer über den Rasen neuerlich dieser schaurige antarktische Stimmenblizzard.

Anschließend hexen mich die Pferde mit einem mir unverständlichen magischen Spruch direkt an den Plastikschutz des Karussells. Auch hier vermag ich nicht das Gesicht abzuwenden, stiere durch die auf dem Kunststoff reflektierten Spiegeleffekte hinein, dermaßen überzeugend glänzend, dass gestochen scharfe Nahaufnahmen selbst im Traum schier unlösbare fotografische Herausforderungen darstellen würden.

Psychiater: Wenn es sehr glaubwürdig wirkt…haben sie denn bei ihren gewagten Drohungen gegen dich Konkretes in der Hand?

Marquise de Hanau-Münzenberg: Meine Flirt Apps. Hämisch tönen sie abschließend:„Du hast nun die Wahl, reizende Marquise de Hanau-Münzenberg. Missachtest du unsere Anordnungen, erfährt deine strenge Mutter augenblicklich vom babylonischen Treiben ihres sündhaften Bienchens auf dem Smartphone. Pfui, schäm dich! Kokett mit Kerlen chattende anständige Grafentöchter sind dem Herrn ein Gräuel! Oder: Sie erfährt kein Sterbenswörtchen, doch dafür verwandeln wir Mamis geliebtes ‚Bienchen‘ *schnipps* in einen Oberleitungsmasten am Wilhelmsbader Bahnübergang. Verstehst du uns hoffentlich gut?“ Worauf ihre Stimmen mit einem schauerlichen „Marquise de Hanau-Münzenberg…Marquise de Hanau-Münzenberg…Marquise de Hanau-Münzenberg…Marquise de Hanau-Münzenberg…“ verhallen. Schweißgebadet erwache ich. Um mich herum keine Menschenseele.

Psychiater: Du sollst praktisch als Gegenleistung für ihr Stillschweigen verzaubert werden?

Marquise de Hanau-Münzenberg: Darauf können sie lange warten. Erpresser!!!!! Aber Mama darf logischerweise auch nichts davon erfahren. Also gehorche ich willenlos. Kaum sind die Bastelarbeiten beendet, befehlen mir unheimliche, vom Hexenhaus ausströmende Kräfte, mich plakatbepackt sowie mit einer um den Hals hängenden Trillerpfeife zunächst zu ihm zu begeben; bevor ich dort gezwungen werde, weiter bis zum Wilhelmsbader Bahnübergang zu laufen.

Psychiater: Warum dieser Umweg übers Karussell?

Marquise de Hanau-Münzenberg: Jedes einzelne Karussellpferd überprüft, ob der Text buchstabengetreu geschrieben steht und auch die Trillerpfeife vorschriftsgemäß baumelt.

Psychiater: Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Marquise de Hanau-Münzenberg: Amüsieren Sie sich ruhig.

Psychiater: Kleiner Scherz am Rande.

Marquise de Hanau-Münzenberg: Und trotz inneren Sträubens muss ich an den Schranken das Schild bei jeder Vorbeifahrt deutlich sichtbar hochhalten, gleichzeitig wie bekloppt auf der Pfeife trillernd den schriftlichen Aufforderungen Nachdruck verleihen. Es fühlt sich an, als würden die Hexen Simon und Spartacus unsichtbar meine Arme hochheben und durch meinen Mund lospfeifen. Verstehen Sie????? Ich bin ihre Marionette!!!!!

13. 01. 2025

Copyright 2025 by alessamariesfotogeschichten.de. All Rights Reserved.

info@alessamariesfotogeschichten.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert